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Die Bildschirm-Kinder: Vom Kampf um Handy, Tablet und TV

(c) Bloomberg (David Paul Morris)

Kaum ein Thema belastet das Eltern-Kinder-Verhältnis mehr als Debatten über die Bildschirmzeit. Doch ist Bildschirm gleich Bildschirm? Reduziert der Nachmittag mit der WhatsApp-Hausübungsgruppe die Fernsehzeit am Abend?

Erster Schultag an einem Gymnasium in Wien. Die Eltern, die ihre Kinder begleiten, stehen aufgefädelt hinten im Klassenzimmer. Der Klassenvorstand begrüßt seine Erste herzlich und nützt die Gelegenheit, um gleich ein paar grundsätzliche Verhaltensregeln festzulegen. Darunter ein strenges Smartphone-Verbot mit der Pflicht, das Handy am Vormittag ausgeschaltet zu lassen. Die Eltern applaudieren spontan.

Kein Wunder: Der Kampf um den „Bildschirm“ ist in vielen Familien längst zu einem der vorherrschenden Erziehungsthemen geworden. Kennen die Eltern aus ihrer Kindheit gerade noch das Ringen ums Fernsehen, hat die Bildschirm-Hydra inzwischen viele Köpfe. Und kaum hat man endlich einen abgeschlagen, wächst schon wieder ein neuer nach. Wobei ja viele dieser Bildschirme gleichzeitig laufen. Das Phänomen des Second Screen (also beim Fernsehen zum Beispiel mit einem Auge das Smartphone im Blick zu haben) wird in der Realität oft zum Third, Fourth und Fifth Screen.

Aktuell muss man als Erziehungsberechtigter folgende „Köpfe“ im Griff haben: Den Fernseher, immer unwichtiger, aber noch am besten kontrollierbar, weil in den meisten Familien in einem zentralen Wohnraum positioniert, dazu die Spielkonsole(n), die oft an kleineren Zweit- und Drittbildschirmen in Spiel- und Kinderzimmern hängen, ergänzt durch Online-Computerspiele auf den Laptops der Kinder, wie etwa „Minecraft“ oder „World of Warcraft“, komplettiert um diverse Spiele-Apps auf herumliegenden Tablets samt ein paar noch (von älteren Geschwistern?) übrig gebliebenen Gameboys.

Von ihnen allen geht Gefahr aus, wenn es gilt, das Bildschirmembargo nicht zerbröseln zu lassen. Doch ist das alles nichts im Vergleich mit dem omnipräsenten, alles in seinen Bann ziehenden, süchtig machenden, verdammten Handy. Immer dann, wenn man es mit großem Aufwand geschafft hat, die Konsole zu verbieten, den Fernseher abzudrehen oder das iPad kurz zu verstecken, findet man das Kind hinter irgendeiner Ecke über dem Smartphone hängen.

Doch beginnen wir der Reihe nach. Bei kleinen Kindern ist die Sache noch – vergleichsweise – einfach. Kleine Kinder – und in Bildschirmfragen sind Kinder mindestens bis zum achten Lebensjahr klein – können mit freiem Zugang zu Bildschirmen genauso wenig umgehen wie mit freiem Zugang zu irgendetwas sonst. Stellt man ihnen unbeaufsichtigt einen XXL-Sack Gummibärchen hin, werden sie ihn leer essen. Lässt man ein Fenster offen, werden sie hinausklettern. Gibt man ihnen etwa das iPad in die Hand, werden sie von selbst nicht mehr aufhören, damit zu spielen. Da bewähren sich klare Regeln wie: Bildschirm erst ab 18 Uhr und dann zum Beispiel maximal eine Stunde. Ob es dann eine Stunde Kinderkanal im Fernsehen, eine DVD oder eine der vielen (durchaus auch für kleine Kinder geeigneten) Spiele-Apps auf einem Tablet ist – Geschmackssache.

Gelingt es, diese Regel ohne ständige Ausnahmen einigermaßen einzuhalten, ist man safe. Allerdings sind es meist die Eltern, die aus eigenem Antrieb alle möglichen Ausnahmen einführen. Der Klassiker: Man erkauft sich eine Stunde länger Liegenbleiben an einem Wochenendmorgen, indem man den Fernseher aufdreht. Oder das iPad vom Couchtisch holt. Oder man will beim Mittagessen auswärts nicht sofort aufbrechen, sobald der letzte Bissen hinuntergeschlungen worden ist, und gibt den Kindern das eigene Handy zum Spielen. Oder man findet es einfach herzig und ist stolz, wie gut der Dreijährige schon auf dem Tablet herumwischen kann. Sind diese Ausnahmen einmal eingeführt, bekommt man die Tür oft nicht mehr richtig zu.

Was viele Eltern nervt, zur Verzweiflung treibt und auch beunruhigt: Der Bildschirm ist für viele Kinder scheinbar oft interessanter als alles andere. Sie verhandeln verzweifelt um Bildschirmminuten, ziehen das auch „echten“ Aktivitäten wie Fußballspielen, Schwimmen oder einer Runde Uno mit der Familie vor. Selbst wenn andere Kinder zu Besuch kommen, enden rasch alle in einer Ecke, in der sie gemeinsam in einen Gameboy starren. Selbst Eis schmilzt ungegessen, wenn der Bildschirm die Alternative ist.

Lässt man die Kinder länger am Stück spielen (oft eben auch, um sich Ruhe zu erkaufen), sind sie danach oft völlig durch den Wind. Überdreht, unausgeglichen, manchmal aggressiv. Lässt man sie nicht spielen, folgen mühsame Diskussionen. Die Anziehungskraft der Mattscheibe wird zur Sucht. Verwehrt man ihnen den Zugang, reagieren sie tatsächlich wie Süchtige auf Entzug.

Den Eltern fehlen dann übrigens auch die Nerven für eine differenzierte Betrachtung: Ist ein herkömmliches Brett- oder Kartenspiel wirklich die bessere Beschäftigung als ein altersmäßig geeignetes Computerspiel? Und warum eigentlich? Ist das ausschließlich passive Fernsehen nicht jedenfalls schlechter, als an einem Bildschirm aktiv gefordert zu sein? Oder führt gerade diese multimediale Kulisse (Bilder, Töne, ständig wechselnde Anforderung) zur Überreizung? Schafft man es einen Schritt zurück, wird man wohl sagen müssen: Es kommt wie bei ganz vielen Dingen in der Erziehung einfach auf die richtige Dosierung an.

Wobei sich ein Problem nicht wegreden lässt: Bildschirm und Bewegung schließen einander aus. Wenn Kinder in ADHS- und Übergewichtszeiten den ganzen Tag sitzen, müssen die Eltern dagegen etwas unternehmen.

Sind die Kinder dann einmal älter, wird das Problem noch einmal deutlich komplexer. Plötzlich kommt dem Bildschirm in all seinen Ausformungen neben der reinen Unterhaltungsaufgabe eine zusätzliche zentrale Funktion zu: Ein Großteil der Kommunikation der Kinder und Jugendlichen spielt sich über das Handy bzw. den Computer ab. Auch dabei kommen die Eltern schnell in eine Argumentationszwickmühle: Einerseits wollen sie die Kinder nicht ständig an ihrem Handy herumspielen sehen, andererseits ist ihnen die Erreichbarkeit der Kinder sehr wichtig und viele reagieren verärgert, wenn das Kind auf Anruf oder SMS längere Zeit nicht antwortet.

Gleichzeitig ist die Vorbildwirkung ein großes Thema. Viele Eltern – und da vor allem die Väter – sind nicht bereit, im Familienkontext (sonst sowieso nicht) das eigene Mobiltelefon auch nur für Minuten aus den Augen zu lassen. Was zwischen den Eltern oft für mehr als Reibereien sorgt. Die Kinder lernen so, dass die ständige Erreichbarkeit via Telefon, Mail und SMS zu einem ausgefüllten Erwachsenenleben dazugehört. Dass viele Erwachsene den Gebrauch ihres Smartphones selbst längst nicht mehr im Griff haben, wird gern dadurch verdrängt, dass man den Handyumgang der Kinder thematisiert. Abgesehen davon, dass manche Erwachsene ihre Freizeit überwiegend fernsehend zubringen.

Dabei können die Eltern oft nicht verstehen, dass ein Großteil der Kommunikation der Kinder und Jugendlichen längst über soziale Netze abgewickelt wird. Sich aus dieser Kommunikation auszuklinken, würde sie isolieren. Doch die bang gestellte Frage: „Willst du nicht hinausgehen und dich mit deinen Freunden treffen?“, läuft ins Leere. Man trifft sich ja gerade, aber eben anders, als die Eltern sich das vorstellen. Fragt man nach, erfährt man, dass man nur zu ganz gezielten Unternehmungen zusammenkommt, unterhalten kann man sich auch online.

Auch gemeinsam gespielt wird selbstverständlich über den Computer. Wobei sich dabei die oben erwähnten Onlinerollenspiele nur unwesentlich von früheren Rollenspielen unterscheiden, die immer als pädagogisch wertvoll und die Fantasie besonders anregend gegolten haben. Ein eigenes, problematisches Thema sind sicher Schieß- und Kriegsspiele. Besteht der Wunsch, diese Spiele auszuprobieren, bringt ein striktes Verbot zu Hause wenig, weil dann eben bei einem Freund gespielt wird. Oft verlieren die Kinder schnell das Interesse an solchen Spielen, wenn man ihnen kontrollierten Zugang dazu gewährt.

Schwierig ist die Debatte auch, weil die Grenzen zwischen Arbeiten, Lernen und Unterhaltung längst fließend sind. Teile des Lernstoffs der Schule werden über den Computer abgearbeitet. Schüler tauschen sich über WhatsApp-Gruppen über Aufgaben aus und erledigen diese zum Teil gemeinsam. Das ersetzt wiederum das gemeinsame Lernen mit echtem Kontakt, das viele Eltern lieber sehen würden. Doch damit nicht genug: Gelesen wird zum Gutteil auf E-Readern, was wieder dazu führt, dass in den Augen der Eltern selbst die favorisierte Freizeitbeschäftigung Lesen nur das eine Bild reproduziert: das eigene Kind vor einem Bildschirm sitzend.

Da es auch in dieser Frage kaum gelingen wird, die Zeit zurückzudrehen, hilft vielleicht eine Änderung des Blickwinkels, um die Entwicklung besser akzeptieren zu können. Wenn man das Zimmer seiner Kinder betritt, in dem gerade gechattet oder geskypt wird, ist das nicht anders, als wenn man unangemeldet mitten in eine Freundesrunde platzt. Dann würde man sich entschuldigen und die Tür zumachen, und nicht verlangen, dass die Freunde nach Hause gehen. Wenn man es so sieht, taugt der Bildschirm vielleicht gar nicht mehr als Feindbild. Das Handy kann man während des Unterrichts ja trotzdem abgedreht lassen ...

Tipps

Kindergerät. Für kleine Kinder gibt es eigene Kinderhandys, die nur bestimmte Grundfunktionen haben – so ist man etwa erreichbar. Man kann damit aber nicht ins Internet.

Älteres Modell. Bei Kindern bietet es sich an, ein günstigeres und nicht gleich das neueste Modell zu kaufen.

Prepaid. Damit die Kosten nicht explodieren, eignen sich für Kinder Handys mit begrenztem Guthaben.

Sperren. Mobilfunkanbieter können kostenpflichtige Dienste sperren – dieses Service kann bei Kinderhandys hilfreich sein, damit keine teuren Sonderrufnummern gewählt werden können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2015)