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Sikh-Anschlag: Warum gerade Wien?

(c) Clemens Fabry
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Die Polizei wurde durch den Anschlag in einem Sikh-Gebetshaus in Wien am Sonntag überrascht. Innenministerin Maria Fekter kündigt an, der Verfassungsschutz solle verstärkt Religionsfanatiker beobachten.

Zwei Tote, Dutzende Verletze, Schlägereien, brennende Autos und Eisenbahnen in Nordindien; ein Toter, zwölf Verletzte, sechs verhaftete Attentäter in Wien: Das ist die Bilanz der Auseinandersetzungen zwischen Sikhs, die in Wien am Sonntag mit einer Schießerei und Messerstecherei den Ausgangspunkt genommen haben.

 

1 Warum eskaliert ausgerechnet in Wien ein Sikh-Konflikt?

Eigentlich hätte man erwartet, dass sich ein Terrorakt wie dieser in London oder Indien ereignet. Immerhin besteht der Konflikt zwischen der Ravi-Dasi-Sekte (einer Sikh-Gruppe, die Anhänger der niederen Kasten, vor allem der „Unberührbaren“ anzieht) und orthodoxen Sikhs weltweit. Bei dem Streit geht es neben religiösen Differenzen, wie ob lebende Gurus verehrt werden dürfen, vor allem um soziale. Denn auch wenn die Sikhs das Kastenwesen ablehnen, spielt es wie in jeder indischen Religion eine Rolle. Warum die Situation ausgerechnet in Wien eskalierte, hat zwei Gründe. Erstens: In der indischen Community leben überproportional viele Sikhs. Denn in den Achtzigern, als viele Sikhs aus dem Punjab fliehen mussten, konnte man in Österreich über die Ausnahmeregelung für Zeitungskolporteure relativ einfach Arbeit finden.

Zweitens: Die Ravi-Dasi-Sekte, in deren Tempel geschossen wurde, ist in Österreich sehr aktiv. Nicht jede Sikh-Gruppe hat einen Tempel oder lädt Gurus ein – wie jene, die vorgestern getötet bzw. schwer verletzt worden sind. Allerdings, so Bernhard Fuchs vom Institut für Europäische Ethnologie, habe man daraus nicht ableiten können, dass Gewalt drohe. Auch Traude Pillai-Vetschera vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie sagt, sie habe nichts von einer radikalen religiösen Szene geahnt: „Es muss hinter dem Anschlag noch etwas anderes, eventuell etwas Persönliches stecken.“

 

2 Warum wurde nichts gegen die Gefahr unternommen?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) wusste nichts von den internen Streitigkeiten der Sikhs. Es habe „keine Anzeichen dafür gegeben, dass es innerhalb der Gemeinschaft Konflikte“ gebe, erklärte Innenministerin Maria Fekter. Noch Sonntagabend habe sie veranlasst, dass im BVT eine Schwerpunktgruppe eingesetzt wurde, die sich künftig der Abwehr von Religionsfanatikern widmet. Auch der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) in Wien, Werner Autericky, erklärte am Montag vor Journalisten, dass es im Vorfeld „keine Hinweise“ gegeben habe, „dass ein Konflikte entstehen kann“. Er räumte aber ein, dass er vom Obmann des als Verein organisierten Gebetshauses zweimal kontaktiert worden sei, einmal einige Tage vor der Veranstaltung und einmal einige Minuten vor der Tat. In den Gesprächen habe der Obmann darauf hingewiesen, dass sich viele Gläubige angemeldet hätten. Dies allein habe man aber nicht als konkrete Gefahr eingestuft. Dennoch seien nach dem Anruf kurz vor dem Vorfall Polizisten zum Gebetshaus gefahren. Bevor diese eintrafen, hatte die blutige Auseinandersetzung allerdings bereits begonnen. Das Motiv der sechs mutmaßlichen Angreifer, sei laut LVT der Inhalt der Predigt gewesen. Diese wurde von den zwei eigens nach Wien gekommenen Gurus gehalten. Einer der beiden, Sant Niranjan Dass, wurde schwer verletzt. Er war laut LVT „schon einige Male in Österreich“. – „Es hat nie Probleme gegeben.“ Der andere, Sant Ramanad, ist an den Folgen seiner Verletzungen gestorben.

Der Angriff sei, so das LVT, offenbar spontan erfolgt. Dagegen spricht, dass einer der Angreifer eine Pistole bei sich hatte. Die anderen Waffen waren Messer (keine Dolche). Drei der sechs Angreifer sind indische Asylwerber, zwei sind seit 2008 in Österreich, einer seit 2001. Die anderen drei konnten noch nicht identifiziert werden.

 

3 Gibt es in Deutschland einen ähnlichen Konflikt?

Im deutschen Verfassungsschutzbericht 2008 (Vorabfassung) werden die Sikh-Organisationen „Babbar Khalsa International“ (BKI) mit ca. 200 Anhängern, die „International Sikh Youth Federation“ (ISYF, 550 Anhänger) und die „Kamagata Maru Dal International“ (KMDI, 40 Anhänger) erwähnt. Es heißt: „Extremistische Organisationen aus dem Spektrum der Religionsgemeinschaft der Sikhs kämpfen seit Jahrzehnten auch mit terroristischen Mitteln dafür, einen eigenen unabhängigen Staat ,Khalistan‘ auf dem Gebiet des nordindischen Bundesstaates Punjab zu errichten.“ Daher komme es in Indien immer wieder zu blutigen Attentaten. In Deutschland sind vor allem die BKI und die ISYF aktiv. Diese werden von der EU als terroristische Organisationen gelistet; in Deutschland gab es keine Terroraktionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2009)