Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Blutige Unruhen in der Sikh-Hochburg

(c) Reuters
  • Drucken

INDIEN. Nach dem Anschlag in Wien kocht im Punjab der Frust der „Unberührbaren“ hoch.

Delhi. Der nordindische Bundesstaat Punjab brennt: In allen großen Städten zogen am Montag wütende Anhänger des am Wochenende ermordeten Sektenführers Guru Sant Ramanand mit Stahlstangen und Säbeln bewaffnet durch die Straßen, zerstörten Polizeireviere und zerschlugen die Scheiben von Bussen. In der Stadt Jalandhar, dem Zentrum der Unruhen, lieferten sich aufgebrachte Menschenmengen schwere Straßenschlachten mit der Polizei. Andernorts blockierten Protestierende wichtige Hauptverkehrsstraßen und steckten Züge in Brand.

Der Überfall auf den Wiener Sikh-Tempel, bei dem eines der geistlichen Oberhäupter der Ravidasi-Sekte getötet wurde, hat eine Gewaltwelle losgetreten, wie sie der Punjab lange nicht gesehen hat. Die Landesregierung erließ eine Ausgangssperre, an die sich die Demonstranten jedoch nicht hielten. Im gesamten Bundesstaat wurde die Armee in Alarmbereitschaft versetzt, in manchen Städten zogen bereits erste Einheiten durch die Straßen.

„Wir mussten das Feuer eröffnen, wobei eine Person getötet und vier verwundet wurden“, sagte am Nachmittag K. K Attri, der Polizeichef des Bundesstaates bei einer Pressekonferenz. Später zeigten Nachrichtensender Bilder von Zusammenstößen, bei denen Anhänger verfeindeter religiöser Gruppen brutal aufeinander einschlugen. Zunächst war die Rede von zwei Todesopfern, die Wucht der Zusammenstöße lässt jedoch befürchten, dass mehr Menschen ums Leben gekommen sind.

 

„Täter müssen bestraft werden“

Indiens Premier Manmohan Singh rief die Menschen dazu auf, ruhig zu bleiben. „Ich bin zutiefst erschüttert über den Ausbruch von Gewalt, der gewissen Vorfällen in Wien folgt“, sagte Singh, selbst ein Anhänger der Sikh-Religionsgemeinschaft. Indiens Regierung „ist entschlossen sicherzustellen, dass die Urheber dieser völlig sinnlosen und mutwilligen Tat der Gerechtigkeit zugeführt werden“, betonte Außenminister S. M. Krishna.

Der Mord an dem Sektenführer kam zwar überraschend, doch zwischen seiner Ravidasi- oder Dera-Sachkand-Gruppe und Anhängern des Sikh-Glaubens kommt es immer wieder zu Zusammenstößen. Orthodoxe Sikhs sehen es als Affront, dass Guru Ravidas, der Glaubensstifter des Ravidasi-Glaubens aus dem 14. Jahrhundert, von seinen Anhängern als Guru (sprich: als religiöser Lehrer) ähnlich den zehn Gurus der Sikh-Lehre verehrt wird. Schlimmer noch werten sie die Tatsache, dass sich die Anführer der Gruppe, wie der nun ermordete Sant Ramanand, als lebende religiöse Oberhäupter verehren lassen und dabei ihre Verbindung zum Sikh-Glauben betonen.

Für die Sikhs gilt seit dem Tod ihres zehnten Gurus, Gobind Singh, im Jahr 1708 der „Adi Granth“, die Heilige Schrift des Sikh-Glaubens, als höchste Instanz. Die Verehrung lebender, oft selbsternannter Gurus, wie sie bis heute von einigen Gruppen praktiziert wird, gilt orthodoxen Sikhs als Häresie.

Doch die Definition des „reinen“ Glaubens ist bei den Sikhs, wie bei allen Religionen, seit jeher konfliktgeladen. Und eine vollkommene Abgrenzung ist im Fall der Ravidasis gar nicht möglich: Denn die Heilige Schrift des Sikh-Glaubens, die von etlichen Autoren verfasst wurde, enthält auch Glaubenstexte von Guru Ravidas. Seit jeher bezeichnen sich die Ravidasis daher als Sikhs. Im Punjab, dem Zentrum des Sikh-Glaubens, folgen viele von ihnen beiden Lehren.

 

Enorme soziale Spannungen

Der Konflikt beinhaltet auch eine starke soziale Komponente. Denn Guru Ravidas war ein Dalit, ein „Unberührbarer“. Daher stammen bis heute viele Ravidasis aus den untersten Kasten der indischen Gesellschaft. Zwar ist der Sikh-Glaube weitaus egalitärer als etwa der Hinduismus, jedoch gibt es auch bei den Sikhs weiterhin Kasten.

Die Heftigkeit, mit der sich die Wut über den Mord Bahn gebrochen hat, wirft ein Schlaglicht auf die enormen gesellschaftlichen Spannungen, denen sich Indien heute ausgesetzt sieht. Denn durch die Folgen der Globalisierung geht die Schere zwischen Arm und Reich immer deutlicher auseinander.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2009)