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Der Weg zur Goldenen Palme

(c) Reuters (Vincent Kessler)
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Wie Michael Haneke zum Hauptpreis von Cannes kam. Mit einer zweiten Palme für Schauspieler Christoph Waltz ist die heurige Cannes-Bilanz ein „Hammer“-Ergebnis für den heimischen Film.

Zwei Palmen für Österreich: „Das ist ein Hammer!“, war die erste Reaktion des österreichischen Autorenfilmers Michael Haneke, der am Sonntagabend in Cannes den bisher größten Triumph seiner Karriere feierte. Mit der Goldenen Palme für sein Historiendrama Das weiße Band erhielt Cannes-Stammgast Haneke endlich den Hauptpreis des renommiertesten Filmfestivals. Den heimischen Erfolg komplettierte die Schauspieler-Palme für den gebürtigen Wiener Christoph Waltz, der als SS-Offizier in Quentin Tarantinos Weltkriegsepos Inglourious Basterds brillierte.

„Manchmal stellt mir meine Frau eine typisch weibliche Frage: Bist du glücklich?“, begann Haneke seine Dankesrede auf Französisch: „Heute kann ich das aus ganzem Herzen bejahen – und sie wohl auch.“ Auf den Cannes-Sieg hat Haneke lang gewartet, seine Leinwandkarriere ist untrennbar mit dem Festival verbunden: Der 1942 in München geborene Wahlwiener Haneke hatte sich ab den Siebzigerjahren als Regisseur von bemerkenswerten Fernsehfilmen etabliert, bevor er 1989 mit Der siebente Kontinent ein starkes Kinodebüt vorlegte – das er in der Cannes-Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ vorstellte. Dort liefen auch die nächsten beiden Teile von Hanekes „Trilogie der emotionalen Vergletscherung“. Der große Sprung gelang dann 1997, als Hanekes kontroverser Kunstthriller Funny Games in den Wettbewerb eingeladen wurde.

 

Zweimal zuvor schon ganz nah am Sieg

Seither ist Haneke aus der „Sélection officielle“ von Cannes nicht wegzudenken (die Ausnahme zur Regel: das Hollywood-Remake Funny Games U.S. von 2007). Zweimal war er der Goldenen Palme schon ganz nah: Die Jelinek-Adaption Die Klavierspielerin (2001) erhielt den zweitwichtigsten Grand Prix, dazu Darstellerpreise für Isabelle Huppert und Benoît Magimel, mit dem reflexiven Medienkrimi Caché (2005) gewann Haneke den Preis als bester Regisseur. Da schien der Hauptpreis schon zum Greifen nah – doch Jurypräsident Emir Kusturica überlegte es sich im letzten Moment anders.

Nun hat die von der mehrfachen Haneke-Darstellerin Huppert geleitete Jury zugunsten des Österreichers entschieden (sie spielte auch in Wolfzeit, der 2003 außer Konkurrenz lief, zumal der damalige Jurypräsident Patrice Chéreau ebenfalls mitwirkte). Die Situation war durchaus pikant: Die Gerüchteküche wollte erst wissen, dass Huppert Haneke den lang ersehnten Preis geben würde. Dann hörte man das Gegenteil: Huppert würde sich nicht dem Vorwurf der Freunderlwirtschaft aussetzen. Auch wenn sich Haneke gleich bei ihr für das „enorme Geschenk“ bedankte, ist das nunmehrige Happy End über jeden Zweifel erhaben: Das weiße Band galt zu Recht als einer der besonderen Filme des diesjährigen Wettbewerbs.

Mit seiner strengen Ästhetik und einer geheimnisvollen wie gesellschaftskritischen Geschichte über rätselhafte und grausame Ereignisse am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einem brandenburgischen Dorf ist das zweieinhalbstündige Schwarz-Weiß-Drama eine quintessenzielle Haneke-Kreation: Alle seine Filme würden um ein ungelöstes Geheimnis kreisen, sagte Haneke bei der Pressekonferenz, um den Zuseher zum Nachdenken anzuregen – Kunst müsse die richtigen Fragen stellen, nicht Antworten geben.

„Der Sieg hat viele Väter, und Sie werden noch sehen, wie viele Väter diese Palme haben wird...“, meinte lachend Produzent Veit Heiduschka von der österreichischen Wega-Film, die seit Dersiebte Kontinent bei Hanekes Filmen dabei ist. Tatsächlich wird der Gewinn beim großen Nachbarn schon als deutscher Sieg verbucht, wegen des Themas und der deutschen Koproduzenten X-Filme – aber diese Palme verdankt sich eindeutig der Handschrift Hanekes.

Porträt Christoph Waltz', Seite 10

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2009)