Maschinenschaden in der Denkfabrik

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Wer als politisch interessierter Mensch nach Washington kommt, fühlt sich wie ein Kind im Zuckerlgeschäft.

Von der Brookings Institution über Carnegie, den Council on Foreign Relations und die New America Foundation bis zum Wilson Center entfaltet sich dem Besucher die Pracht der Thinktanks, Denkfabriken oder Ideenschmieden, in denen Theoretiker und Praktiker der politischen Macht am klügsten Umgang mit derselben tüfteln.

Der intellektuelle Zuckerrausch währt nicht lang. Denn in den Thinktanks geht es erschütternd steril zu. Heterodoxe Ideen, das Bekenntnis zu eigenen, früheren Fehlern und vor allem der offene Ideenkonflikt zwischen den Diskutanten sind selten. Zumeist quält sich der Zuhörer durch eineinhalb Stunden repetitiver Kurzreferate aller Podiumsteilnehmer, in denen mit Selbstlob ebenso nicht gegeizt wird wie mit matten Witzchen. Im Grunde genommen ist das logisch, denn der eigentliche Zweck der Thinktanks ist nicht, Ideen zu schmieden oder neues Denken zu fabrizieren, sondern die Profile ehemaliger Regierungsfunktionäre so lang warm zu halten, bis der nächste Wechsel im Weißen Haus die Chance auf neue Posten eröffnet. Die Vereinigten Staaten sind ein großes Land, der politische Apparat allerdings wird von erstaunlich wenigen Leuten am Laufen gehalten. Man kennt sich, man hilft sich. Und darum tut man sich im Thinktankland nicht weh.

Seit ich im Jänner 2013 in Washington angekommen bin, hatte ich nur zweimal das Gefühl, bei so einer Veranstaltung etwas Interessantes gelernt zu haben: bei einem Vortrag des britischen Schriftstellers William Dalrymple über den afghanischen Schah Schudscha und den Beginn des „Great Game“ zwischen Russland und Großbritannien im 19. Jahrhundert (darüber konnten Sie im April 2014 in der „Presse am Sonntag“ lesen) und vergangene Woche bei einer Debatte von Kirchengelehrten über Papst Franziskus. Lag es daran, dass diese Herren bei ihren Auftritten keine Karriereziele verfolgten?

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2015)

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