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Österreich: Was tun mit Langzeitarbeitslosen?

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Im OECD-Vergleich schneidet Österreich bei den Langzeitarbeitslosen gut ab. Doch in vielen Ländern werden Arbeitslose in anderen Sozial-Kategorien versteckt, warnt nun eine Studie.

Wien. In drei EU-Ländern ist die Arbeitslosigkeit zuletzt gestiegen: in Finnland, in Frankreich und in Österreich. Zumindest in Österreich wird sich dieser Trend fortsetzen. Bis Jahresende soll sich die Zahl der Menschen, die keinen Job haben, laut Expertenschätzungen von zuletzt 384.585 auf knapp eine halbe Million erhöhen.

Bis 2019 dürfte sich die Situation weiter zuspitzen. Laut AMS-Prognose werden zwischen 2014 und 2019 rund 212.000 zusätzliche Arbeitskräfte auf dem österreichischen Arbeitsmarkt aktiv sein. Davon stammen 80 Prozent aus dem Ausland – viele davon aus Osteuropa. Diesen 212.000 zusätzlichen Arbeitskräften stehen aber nur 132.000 neue Stellen gegenüber. Die AMS-Prognose wurde im Frühjahr veröffentlicht. Sie ist inzwischen wegen des starken Zustroms von Flüchtlingen, die auch auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängen werden, überholt.

Vor allem für Langzeitarbeitslose wird die Situation immer schwieriger. Als langzeitarbeitslos gilt, wer seit zwölf Monaten keinen Job hat. Das deutsche Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat nun dazu eine Studie veröffentlicht. Überraschend ist, dass Österreich gar nicht so schlecht abschneidet. Ähnliches zeigt die OECD-Statistik aus dem Jahr 2014. Demnach liegt der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen in Österreich bei 27,2 Prozent.

 

Der Umgang mit der Statistik

Dramatisch ist die Lage in Griechenland, der Slowakei und in Italien. Sogar Deutschland (44,3 Prozent), die Schweiz (37,7 Prozent) und die Niederlande (40,2 Prozent) schneiden schlechter ab als Österreich. Die Studienautoren haben zwar keine Detailergebnisse zu Österreich veröffentlicht, doch sie weisen grundsätzlich darauf hin, dass die Statistik mit Vorsicht zu betrachten ist. Der höhere Anteil in Deutschland hänge damit zusammen, dass dort Arbeitslose nicht „versteckt“ werden wie in anderen Ländern. Wer in Deutschland beispielsweise Hartz IV bekommt, ist in anderen Ländern schon längst aus dem Erwerbsleben ausgeschieden – wie durch Erwerbsunfähigkeitspension, längerfristigem Bezug von Krankengeld oder Vorruhestandsleistungen.

 

Schweden als Vorbild

Ein Vorbild ist Schweden, schreiben die Autoren des deutschen Instituts zur Zukunft der Arbeit. Dort ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen niedrig. Auch gibt es in Schweden wenig Frühpensionisten. Denn das schwedische Rentensystem sieht für Menschen, die vor dem gesetzlichen Pensionsalter in Pension gehen, hohe Abschläge vor.

Generell gibt es laut Studie bei Langzeitarbeitslosen keine einfachen Lösungen. Während in Deutschland die Qualifizierung eine wichtige Rolle spiele, sei sie in Ländern wie Griechenland weniger von Bedeutung, da dort auch viele Hochqualifizierte keinen Job finden. „In diesen Ländern gehe es zunächst einmal darum, eine entsprechende Arbeitsnachfrage zu generieren“, so die Studie.

In Österreich sind besonders viele Langzeitarbeitslose älter als 55 Jahre. Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) drängt nun auf die rasche Einführung eines Bonus-Malus-Systems. Doch die Wirtschaftskammer lehnt Sanktionen für Unternehmen, die eine bestimmte Quote an älteren Beschäftigten nicht erfüllen, ab. Nun droht Schelling mit einem Ultimatum: Falls sich die Sozialpartner in den nächsten sechs Monaten hier nicht einigen, sollte die Regierung das Thema im Alleingang lösen.

Kritik kommt von der Denkfabrik Agenda Austria. Das Bonus-Malus-System wäre „so etwas wie eine Zuckerbrot- und Peitsche-Lösung, die am Kernproblem nichts ändern würde: Dieses liegt darin, dass die Sozialpartner im Laufe ihres jahrzehntelang ausgeübten Lohnverhandlungsmonopols den Faktor Arbeit zu teuer gemacht haben“, sagt Agenda-Austria-Experte Denes Kucsera.

Die Schere zwischen Arbeitskosten und Nettogehältern sei in Österreich so weit aufgegangen wie in kaum einem anderen Land. Verschärfend komme hinzu, dass in Österreich die Arbeitskosten gegen Ende der Berufslaufbahn am höchsten seien, während sie in Ländern wie Schweden ab Mitte 50 wieder zu sinken beginnen.

Auf einen Blick

Laut Statistik ist in Deutschland der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen höher als in Österreich. Doch solche Vergleiche seien mit Vorsicht zu genießen, warnt nun das Institut zur Zukunft der Arbeit. Der höhere Anteil in Deutschland hänge damit zusammen, dass dort Arbeitslose nicht in anderen Sozial-Kategorien „versteckt“ werden wie in vielen Ländern. Als Vorbild gilt Schweden. Dort ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen niedrig. Trotzdem gibt es in Schweden wenig Frühpensionisten. Denn das schwedische Rentensystem sieht für Frühpensionisten hohe Abschläge vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2015)