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Das "Heldenmädchen" mit Hitlers Holzbein

Viktoria Savs(C) Kremayr & Scheriau - Kübler, Reider
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Die wilde Geschichte der Viktoria Savs: Sie diente an der Dolomitenfront, lebte eine Transgender-Existenz und ließ sich von Hitler vereinnahmen.

In der Heroenhalle ist in der Regel kein Platz für Heldinnen. Frauen, folgen sie den Gesetzen ihres Geschlechts, haben sich in der Zeit der Weltkriege des 20. Jahrhunderts einzuordnen in die traditionellen Rollenbilder der „friedfertigen“, der „mitleidenden“, der „duldenden“ Gefährtin des Mannes. Die Kriegerdenkmäler tragen keine weiblichen Namen. Die Erzählungen von weiblichen Kombattanten, vom Dreißigjährigen Krieg aufwärts, sind legendenhaft und strotzen vor Klischees. Diese Frauen teilen das Schicksal der kämpfenden Männer nur als Hilfskräfte, Krankenschwestern, Telegrafistinnen, und wenn sie näher an die Frontlinien heranrücken, selbst eine Waffe in die Hand nehmen, wird das als wider die Natur angesehen und offiziell totgeschwiegen.

Oder: Für die Propaganda aufgebauscht. Damit sind wir bei Viktoria Savs, einer der legendenhaften Frauensoldatinnen des Ersten Weltkriegs. Frank Gerbert, im Vorjahr hervorgetreten durch ein gut lesbares Sarajewo-Buch, hat nun den Kriegseintritt Italiens vor hundert Jahren dazu benützt, über die weitgehend unerschlossene, von merkwürdigen Geschichten umrankte Vita eines „Heldenmädchens“ der k. u. k. Armee an der Dolomitenfront zu berichten. Alle Texte über sie entstanden unter den Bedingungen von Kriegsberichterstattung und Pressezensur. Gerade diese dubiose Quellenlage dürfte den Autor gereizt haben: Was kann er herausfinden über ein Frauenschicksal, wie es so schnell im vorigen Jahrhundert kein zweites Mal zu finden ist?

Viktoria macht sich zum „Vikerl“

Kampf in den Dolomiten.(c) Archiv

Früher nannte man ein Mädchen wie sie einen „Wildfang“: Die in Südtirol bei Meran aufwachsende Viktoria Savs will nicht Viktoria genannt werden, sondern „Vikerl“, sie treibt sich mit Bubenbanden herum; wo es am wildesten zugeht, ist sie der Capo. Als Österreicherin, die die „welschen“ Buben verprügelt und stets mit zerschundenen Knien und zerrissenen Kleidern nach Hause kommt, verschafft sie sich Respekt mit ihrer so gar nicht mädchenhaften Rauheit. Ein Leben lang wird sie sich androgyn präsentieren, Hosen und Kurzhaarschnitt tragen, eine Beziehung zu Männern ist nicht nachweisbar. Ihre Schwester: „Sie wollte nicht hören, dass sie ein Mädchen ist.“ Als Transgender-Persönlichkeit geriet sie in ihrer Zeit zweifellos in eine Außenseiterposition.

Viktoria meldet sich mit 16 Jahren zum freiwilligen Kriegsdienst in ihrer nach der Kriegserklärung Italiens umkämpften Heimat – und wird genommen. Sie wird ihrem Vater als Ordonnanz zugeteilt, „er wird schon auf sie aufpassen“, ist wohl der Hintergedanke. Sie gerät bei den Kämpfen im Frontabschnitt der Drei Zinnen immer wieder in die Nähe der italienischen Linien. Da wird die Propaganda aufmerksam auf sie. Bald wird sie in Zeitungen mit vollem Namen präsentiert, das ist ohne die Genehmigung des Kriegspressequartiers nicht denkbar: „Tirol hat gewiss genug Helden! Aber auch Heldinnen! Und eine solche aus Meran befindet sich bereits seit Juni 1915 an der italienisch-tirolischen Front.“ Damit ist auch für die anderen Soldaten an ihrer Frontlinie die Identität des kurzhaarigen Draufgängers „Viktor“ gelüftet, offenbar ist es ihr bis dahin gelungen, ihr Geschlecht zu verbergen. Der Mythos von der „Heiligen Johanna der Schlachtfelder“ ist fertig, die „Neue Freie Presse“ stellt sie in die Tradition der Heldinnen des Tiroler Abwehrkampfs unter Andreas Hofer.

Privat will sie von Männern nichts wissen, doch nun beginnt ihre Rolle als eine von Männern missbrauchte Frau, die von der Propaganda an der Leine geführt und zur Heldin stilisiert wird. (Übrigens: Der Autor findet bei Volltextrecherchen von 1914 bis 1918 172 Treffer beim Begriff „Heldenmädchen“, Savs war nicht die Einzige).
Frank Gerbert zerlegt genüsslich die Mythen um Viktoria, die viel lieber ein Viktor gewesen wäre: Ihre Heldentaten an der Dolomitenfront sind teilweise frei erfunden, als durch eine schwere Verwundung ihr Bein amputiert werden muss, wird sie mit Orden überschüttet. Der Gram darüber, dass sie nicht mehr kämpfen kann, ist größer als darüber, dass sie einen Fuß verloren hat. Viktoria Savs, die Unbelehrbare.

Keine Rente im Ständestaat

(C) Kremayr & Scheriau - Kübler, Reider

Manche Parallelen mit Adolf Hitler, dessen Partei sie bereits 1933 beitritt, sind unverkennbar. Auch sie vermag sich als Invalidin im Nachkriegsösterreich nicht einzugliedern, nach Italien, in ihre Heimat, will sie nicht. Sie bleibt staatenlos und orientierungslos, bis sie 1934 von der NS-Propaganda entdeckt wird: Der gewissenlose österreichische Ständestaat kümmere sich nicht um seine Kriegsheldinnen und verweigere ihnen eine Invalidenrente, sie erhält vom Führer persönlich mit großem Getöse 150 Reichsmark für ein Holzbein. Ab nun nennt sie Hitler nur mehr ihren „großen guten Kameraden“, er nimmt sie auf in sein Deutsches Reich und macht aus der Außenseiterin eine Berühmtheit. Gerbert hat für diesen unrühmlichen Lebensabschnitt Viktoria Savs', in dem sie auch in der Wehrmacht dient und sich radikalisiert, neue Quellen gefunden, etwa ein Foto, das sie mit hohen SS-Offizieren in Belgrad zeigt. Eine Beteiligung an den SS-Verbrechen ist nicht nachweisbar, dass sie eine moralische Komplizin ist, liegt für den Autor auf der Hand.

Ihr Ruhm lebt auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort, immer wieder wird sie von Veteranenverbänden in ihrer neuen Heimat Salzburg eingeladen und geehrt, bis hin zu den Reden an ihrem Grab Ende 1979: „Sie ist eingegangen zur großen Armee!“ Viktoria Savs, resümiert der Autor, „war mutig, aber keine Heldin. Sie war keine NS-Mitläuferin, sondern aktive Nationalsozialistin. Und die Emanzipation der Frau war ihr bestenfalls egal.“ Dass sie vor allem ein Opfer von Männern war, könnte man als Milderungsgrund bei der Beurteilung ihres Lebens gelten lassen. Ob sie das Spiel jemals in ihrem Leben zu durchschauen vermochte, ist zweifelhaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2015)