Afrika: Es ist längst fünf Minuten nach zwölf

Europa kann nicht dauerhaft die Folgen des afrikanischen Bevölkerungsdrucks auffangen. Verfolgten gilt es zu helfen. Den anderen muss klargemacht werden, dass es besser wäre, sie würden beim Aufbau ihrer Heimat mithelfen.

Gerade hat die Internationale Organisation für Migration in Genf neue Zahlen veröffentlicht. In diesem Jahr haben bereits 350.000 Migranten das Mittelmeer überquert. Viele Afrikaner brechen auf nach Europa, weil sich der Mythos vom gelobten Kontinent so hartnäckig hält. Wer es schafft, nach Europa zu kommen, hat sein Glück gemacht. Europa wird so zum Inbegriff des Erfolgs.

Besonders Menschen ohne ausreichende Schulbildung träumen immer noch von einem unermesslich reichen europäischen Paradies, in dem selbst Menschen, die keine Arbeit haben, vom Staat Geld bekommen. Die afrikanischen Sender informieren regelmäßig über die Flüchtlinge in Europa und wie sie es geschafft haben. Deshalb wissen Afrikaner sehr gut über Löhne und Sozialleistungen Bescheid. Sie wissen auch, dass immer mehr abgelehnte Asylbewerber nicht nach Hause geschickt werden.

 

Afrikas Präsidenten schweigen

Unsere Regierungen empören sich nicht über die fehlende Solidarität der afrikanischen Staaten mit den Opfern im Mittelmeer. Afrikas Präsidenten schweigen zur Not der Migranten und lassen die europäischen Staaten dort die Arbeit tun. Die Afrikanische Union lädt angesichts der dramatischen Entwicklungen im Mittelmeer nicht einmal zu einem Sondergipfel ein.

Da es die Unbequemen sind, sehen Afrikas Herrschende sie nur zu gerne ziehen. Statt die eigenen Standortbedingungen zu verbessern und so die massenhafte Abwanderung zu stoppen, geben afrikanische Regierungen dem Ausland die Schuld an der Misere.

Flüchtlinge, deren Leben in ihrer Heimat akut bedroht ist, müssen sich darauf verlassen können, dass sie hier willkommen sind. Anderen Zuwanderern aus Afrika muss bereits dort klargemacht werden, dass es besser wäre, sie würden beim Aufbau ihrer eigenen Heimat mithelfen.

Europa kann nicht dauerhaft die Folgen des afrikanischen Bevölkerungsdrucks auffangen. Zwischen dem Entwicklungsstand und der Geburtenrate eines Landes besteht ein enger Zusammenhang. Es gibt nur selten eine Familienplanung und damit auch keine sexuelle Selbstbestimmung der Frauen. In muslimischen Ländern schaden die Einehe und wenige Kinder immer noch dem Ansehen der Männer.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist der Schlüssel des Kampfes gegen die Armut. In Afrika aber ist die Situation besonders kritisch. Selbst in Südafrika liegt die Arbeitslosenrate unter Jugendlichen bei 40 Prozent. Die Elfenbeinküste ist der größte Kakaoproduzent der Welt. Aber dort produzierte Schokolade sucht man vergeblich.

Das große Potenzial der afrikanischen Länder in Bereichen Land-und Fischwirtschaft, in der Forst- und Viehwirtschaft könnte für verarbeitende Industrien, für die Exportwirtschaft genutzt werden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu vermindern.

 

Echte Hilfe zur Selbsthilfe

Letztlich werden die Probleme nur gelöst, wenn es einen funktionierenden Wirtschaftssektor gibt und es für die Eliten interessant wird, in die Privatwirtschaft zu gehen oder ein Unternehmen aufzubauen. Wenn die vielen Erwerbsfähigen auch die Chance bekommen, eine Stellung zu finden, wird es, wie in Asien, volkswirtschaftlichen Gewinn geben.

Gleichberechtigte Geschäftsbeziehungen halte ich für sehr viel sinnvoller als die heutige Entwicklungshilfe. Die internationale Not- und Entwicklungshilfe ist eine riesige Branche mit vielen Arbeitsplätzen, die am Leben bleiben will. Echte Hilfe zur Selbsthilfe würde zum Beispiel beinhalten, dass Entwicklungsländer ihre agrarischen und mineralischen Rohstoffe selbst weiterverarbeiten. Dabei sollte Europa helfen.

 

Wie Europa helfen könnte

Ein vortreffliches Beispiel für praxisorientierte und vorausschauende Geschäftspolitik zeigt der Schweizer Anlagenbauer Bühler in Kenia. Seit Mai 2015 hat das Unternehmen in Nairobi im Rahmen seiner dualen Berufsausbildung die zweite Schulmühle Afrikas nach Südafrika eröffnet. Für den ersten zweijährigen Lehrgang an der African Milling School haben sich 27 Studenten aus neun Ländern angemeldet.

Ein anderes hervorragendes Beispiel ist die Gründung der „African Leadership Academy“ in Johannesburg. Statt auf Hilfe von außen zu warten, gründete der Ghanaer Fred Swaniker die Kaderschmiede für die künftige Elite, der nicht nur ihre eigene Karriere, sondern das Wohl des Kontinents am Herzen liegen soll. Die Stipendiaten kommen aus ganz Afrika.

Solchen Unternehmensgeist sollten wir unterstützen. Fluchtursachen könnten durch Länder-Partnerschaften bekämpft werden, indem europäische Länder sich nicht mehr mit Einsätzen in vielen Staaten verzetteln, sondern die Hilfe jeweils auf Staaten zum Beispiel im Sahel konzentrieren, aus denen die meisten Migranten kommen. Dort müsste konkret messbar Gutes getan werden.

Unterstützt werden sollten Staaten, die sich dabei helfen lassen wollen, die Regierungsfähigkeit, Entwicklungsperspektiven und die berufliche Bildung zu verbessern. Auch das Bevölkerungswachstum sollte problematisiert werden. Aber Reformen kann man nicht kaufen. Man kann sie nur mit Geld unterstützen, wenn der politische Wille da ist.

 

Ineffiziente Herrschaftseliten

Beginnen sollten wir mit dem Niger, denn das Land ist eine der Durchgangsstationen für einen Großteil der Migranten aus Westafrika auf ihrem Weg Richtung Libyen, Mittelmeer und Europa. Es müssen die Regierungsfähigkeit, Entwicklungsperspektiven und die Bildung verbessert werden.

Eine Berufsausbildungsinitiative, eine Art Senior Expert Service, könnte zudem eine echte Selbsthilfe an der Basis fördern. Es gibt nach meinen Erfahrungen genug europäische Handwerker im Rentenalter, die gern ihr Wissen weitergeben würden. Wir sollten Afrikanern mehr als bisher eine eigene Leistung zutrauen und sie unterstützen, wenn sie selbst aktiv werden wollen. Dort für Betreuung zu sorgen ist besser, als Zehntausende nach Europa ziehen zu lassen.

Afrika, mit einer unerheblichen Wirtschaft und ineffizienten Herrschaftseliten, wird erst dann ein Hoffnungskontinent, wenn es ernsthafte wirtschaftliche Reformen, eine Öffnung der innerafrikanischen Märkte, bessere Investitionsgesetze, Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitssystem gibt. Einige afrikanische Staaten bleiben Länder der Ungleichheit, solange privilegierte Eliten die Regeln zu ihrem eigenen Vorteil und dem ihrer Anhänger verdrehen, das Volksvermögen rauben und ins Ausland transferieren.

Lange Jahre ist viel zu wenig ehrlich und unmissverständlich darüber debattiert worden. Das rächt sich jetzt schmerzlich.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Volker Seitz
(*1943) war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kamerun. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, erschienen bei Dtv. [ Privat]