Flüchtlingskoordinator: „Das Boot ist noch nicht voll“

PRESSEGESPR�CH MIT FL�CHTLINGSKOORDINATOR KONRAD
PRESSEGESPR�CH MIT FL�CHTLINGSKOORDINATOR KONRAD(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Christian Konrad zeigt sich bei der Suche nach Asylquartieren optimistisch und wünscht sich weniger Bürokratie. 35.000 Unterkünfte sollen bis zum Winter aufgetrieben werden.

Wien. So etwas wie Berührungsängste kennt Christian Konrad nicht. „Hi, I am Christian Konrad“, sagt er, oder auch: „I wish you all the best.“ Konrad, der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, ist – nach Traiskirchen vor einigen Wochen – wieder einmal auf Lokalaugenschein in einem Flüchtlingsquartier, diesmal im fünften Wiener Gemeindebezirk.

Verfolgt von einem Tross an TV-Teams mit ihren Kameras, begleitet von Mitarbeitern der Volkshilfe, geht Konrad den schmalen, kargen Gang entlang, blickt in die Zimmer, in denen auf zwei Stockwerken 70 männliche Flüchtlinge untergebracht sind. „Wie lange sind Sie schon hier?“, fragt Konrad einen jungen Afghanen namens Azizi und schüttelt ihm die Hand. „Seit drei Jahren“, antwortet der 21-Jährige und erzählt freundlich lächelnd und in fehlerfreiem Deutsch, was er hier schon alles gemacht hat: Deutschkurse hat er besucht, auch einen Schwimmkurs, er spiele auch im Fußballteam, das die Volkshilfe für die Asylwerber organisiert hat. Konrad lobt die Deutschkenntnisse des jungen Mannes, klopft ihm auf die Schulter, „alles Gute“, weiter geht es. Ein paar Zimmer weiter spricht er mit einem anderen jungen Mann. Woher dieser denn komme, will Konrad wissen? „Afghanistan“, antwortet dieser. „It's a nice country“, sagt Konrad. Ein nettes Land. Der Flüchtling nickt höflich.

Ein anderer erzählt Konrad von „Barbara“, seiner Lehrerin, die ehrenamtlich (erwachsene Asylwerber haben keinen Anspruch auf einen Sprachkurs) mit ihm Deutsch lernt. „Liebe Grüße an die Barbara“, sagt Konrad zum Abschied. Smalltalk mit Flüchtlingen für die Journalisten, ausnahmsweise. Denn eigentlich, betont Konrad, wolle er seine ehrenamtliche Arbeit als Flüchtlingskoordinator lieber unbeobachtet von den Medien leisten. Wer das denn war, will ein Flüchtling von einer Journalistin wissen, als Konrad weitergezogen ist.

70 Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sind in diesem Flüchtlingsquartier untergebracht. Die meisten sind schon vor Ausbruch der großen Flüchtlingskrise hierher gekommen, manche warten seit Jahren auf die Entscheidung, ob sie in Österreich Asyl erhalten oder nicht. „Hier gibt es keine herzigen Flüchtlingskinder“, sagt Stephan Amann, der bei der Volkshilfe Wien die Abteilung Integration leitet, sondern eben alleinstehende, junge Männer. Und in dieser Gruppe sei die Zahl derer, die auf Psychopharmaka angewiesen sind, besonders hoch. 20 Bewohner des Quartiers sind von den Folgen des Krieges oder der Flucht so traumatisiert, dass sie von einem Psychotherapeuten des Fonds Soziales Wien (FSW) betreut werden müssen.

Zum Abschluss erkundigt sich Konrad bei den Mitarbeitern der Volkshilfe nach ein paar Fakten: Gibt es eine Hausordnung? Ja. Gibt es Nachtruhe? Ja, ab 22 Uhr. „22 Uhr? So früh? Das wird nicht leicht sein bei diesen jungen Männern, sagt Konrad und lacht.

Davor hatte er bei einer Pressekonferenz Einblick in seine Arbeit als Asylkoordinator gegeben. 35.000 Quartiere sollen bis zum Winter geschaffen werden, 20.000 von den Ländern, die restlichen 15.000 will er für den Bund auftreiben. Dafür spricht er mit Bürgermeistern, mit Äbten und am Donnerstag auch mit Kardinal Christoph Schönborn. Und er sammelt angebotene Privatquartiere – das habe man in der Vergangenheit etwas vernachlässigt. Wichtig sei es, so Konrad, den Krisenherd Traiskirchen zu entschärfen. Im dortigen Erstaufnahmezentrum gibt es laut seinen Angaben nun keine Obdachlosen mehr. Und auch die Zelte sollen bald verschwinden. Denn: Zelten sei im Sommer „a Hetz“, im Winter aber unzumutbar. Bereits beseitigt seien Mängel im Sanitärbereich.

Standards bei Quartieren senken

Freilich: Auch an die Politik hat der einst mächtige Raiffeisen-Manager seine Wünsche: Die Asylverfahren sollen schneller abgewickelt werden. Und die Standards für die Flüchtlingsquartiere sollten in der aktuellen Notsituation abgesenkt werden. Da sei zu vieles reguliert – von der Höhe der Handtuchhalter über die Größe der Beleuchtungskörper bis zur Entfernung der nächsten Busstation.

Einen Engpass gibt es derzeit auch bei den Notquartieren für die Flüchtlinge, die über Ungarn nach Deutschland reisen wollen. 20.000 Notschlafplätze wurden geschaffen, derzeit dürften sich aber mehr als 20.000 Flüchtlinge im Land befinden. Dafür ist allerdings nicht der Flüchtlingskoordinator zuständig. Für Dauerunterkünfte schon – und da ist Christian Konrad auch bei steigendem Bedarf optimistisch. „Dieses Land hat starke Kapazitäten, man muss sie nur aufspüren.“ Sollte sich der weitere Zustrom als „Fass ohne Boden“ erweisen, werde man das nicht schaffen. So weit sei es aber noch lange nicht: „Das Boot ist noch nicht voll.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2015)

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