Klassischer Theaterdonner auf, aber auch hinter der Bühne

HAYDN - JAHR 2009
HAYDN - JAHR 2009(c) APA (SCHLOSS ESTERHAZY MANAGEMENT GES)
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An den genialen Dramaturgen Joseph Haydn erinnerte man wieder in Eisenstadt. Für die Schmierenkomödie, die derzeit hinter den Kulissen des Schlosses inszeniert wird, hätte freilich auch der stets zu hintergründigen Späßen aufgelegte Wiener Klassiker kaum Töne gefunden.

Die Zukunft der Haydn-Festspiele in Eisenstadt ist gefährdet. Das Publikum der diesjährigen Konzerte im Eisenstädter Schloss wurde zwar per Banner davon in Kenntnis gesetzt, dass es auch 2017 Aufführungen im Haydnsaal geben werde. Doch dürften diese, wie die Dinge liegen, nichts mehr mit jenem Festival zu tun haben, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert für die Neubelebung der historischen Spielstätte gesorgt hat.

Die Sache ist ernst, denn die Stiftung, die über die Vermietung von Räumlichkeiten im Schloss entscheidet, hat die Verhandlungen über die Zeit nach 2016 mit dem Festspiel-Intendanten Walter Reicher abgebrochen. Eine Neuauflage der Gespräche ist nicht in Sicht. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass Reicher nicht über 2016 hinaus planen kann.

Der Charme der Haydn-Festspiele besteht in einem nicht geringen Teil in der Tatsache, dass an einem Ort musiziert werden kann, an dem schon Haydn selbst in seiner Eigenschaft als langjähriger Kapellmeister der Fürsten Esterházy aktiv war. Ein ebenso großer Anteil an der Attraktivität der Haydn-Festspiele kommt freilich der klugen und spannenden musikalischen Programmierung zu.

Wer nach Eisenstadt kam, wusste bisher: Hier kann er auch wenig Gespieltes aus dem reichen Œuvre-Katalog des Vaters der Wiener Klassik entdecken – und erlebt Haydns Musik in Konfrontation mit der seiner Zeitgenossen und Meistern, deren Schaffen dem seinen unschätzbare Anregungen verdankt.

Das alles in Interpretationen durch Musiker, wie den quirligen Haydn-Enthusiasten Adam Fischer, dem mit seiner österreichisch-ungarischen Haydn-Philharmonie – die übrigens gegen viele Widerstände noch gegründet worden war, bevor sich der eiserne Vorhang endlich wieder hob (!) – der Status des Spiritus Rector zukommt. Er gräbt unermüdlich in den Archiven nach Stücken, die lang nicht mehr oder seit der Uraufführung überhaupt noch nie gespielt wurden. Auch diesmal wurde er fündig: Für das Schlusskonzert des Festivals 2015 setzte Fischer zwischen die Schauspielmusik aus „Rosamunde“ aus der Feder von Franz Schubert und das prachtvolle „Te Deum“ für die Kaiserin Marie Therese (die Gemahlin von Franz II.) zwei Stücke des Theatermusikers Haydn, von denen auch Connaisseurs wohl bestenfalls aus dem Hobokenverzeichnis wissen.

Haydns dramatische Pranke

Mit einem wilden „Sturm“-Chor und dem „Chor der Dänen“ (klangschön, aber auch entsprechend ruppig dargebracht vom Wiener Kammerchor) erwies sich wieder einmal die – von der Aufführungstradition sträflich unterspielte – dramatische Pranke des Meisters, der ja lange Jahre vorrangig als Opernkapellmeister tätig war. Das vergisst man angesichts der Bedeutung des Symphonikers und des Erfinders des Streichquartetts gern.

Adam Fischer und sein von ihm wie immer kräftig befeuertes Orchester erinnerten nun wieder an diesen Aspekt des Haydn'schen Schaffens – und setzten es in Beziehung zu der hörbar aus klassischen symphonischen Strukturen und schlichten Liedern wachsenden Theatermusik Schuberts; dergleichen macht Festspielen Ehre und bringt das Publikum zum Nachdenken.

Mit dem festlichen „Te Deum“ setzte man hernach den offiziellen Schlusspunkt hinter das diesjährige Programm; um zuletzt doch noch die letzten Takte der „Abschiedssymphonie“ zu einem programmatischen Finale zu nutzen: Klammheimlich stahlen sich die Musikanten davon – das Publikum blieb symbolträchtig allein zurück wie einst der Fürst. Dessen Nachkommen wehren sich mittlerweile in offenen Briefen gegen die Machenschaften des Geschäftsführers der Betriebsgesellschaft, die den Namen Esterházy trägt, der damit, so Paul Anton Esterházy, „massiv beschädigt und zum Teil geradewegs missbraucht“ werde.

Jedenfalls gewinnt der Zuschauer den Eindruck, dass da ein unschönes Spiel gespielt wird. Die Festspiele, die über Jahre hin exzellente Arbeit geleistet haben, benötigen den Festsaal maximal zwei Wochen pro Jahr. Wenn die Betriebsgesellschaft Lust hat, weitere Konzerte oder gar ein eigenes Festival zu veranstalten, hätte sie also an rund 350 Tagen Zeit dazu; und kann überdies, wie bisher, Einnahmen lukrieren. Die Haydn-Festspiele bezahlen nämlich kräftig Miete...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2015)

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