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Caravaggios „Schlafender Amor“: Aber wehe, wenn er geweckt!

Caravaggios „Schlafender Amor“.(c) Galleria Palatina, Florenz
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Das Kunsthistorische Museum hat einen so eigenartigen wie prominenten Gast in der Gemäldegalerie: Aus Florenz kam Caravaggios „Schlafender Amor“.

Süß, denkt man sich erst. Ein schlafendes Bübchen, ein schlummernder Amor-Putto, semi-erotisch aufgebettet. Sie haben ja keine Ahnung! Schon das Gesicht ist gar nicht so süß, wie man annehmen könnte, es schaut eher aus wie das Ekel in der Kindergartengruppe. Irgendwie ist man froh, dass es schläft. Ein Vorzeichen! Das Kunsthistorische Museum hat eigenartigen Besuch: Caravaggios „Amor“, ein Spätwerk von 1608, wurde gegen Tizians „Lucretia“ getauscht – sie wankte nach Florenz in den Palazzo Pitti, er kam stattdessen angeflattert. Bis 1. Dezember schläft er in einer schwarzen Koje im Caravaggio-Saal der Gemäldegalerie, recht unbeeindruckt davon ist gleich nebenan die eingesessene Caravaggio-Riege des Hauses, die Rosenkranz-Madonna und der David, der das Haupt des Goliath hält.

Die „Dornenkrönung“ ist auf Tournee in den USA, so kam Gemäldegalerie-Direktor Stefan Weppelmann auf die Idee, für „Ersatz“ zu sorgen. Der Tausch erinnert an die historisch-freundschaftlichen Beziehungen der Sammlungen Wien und Florenz: Ab 1792 tauschten die Habsburger, Kaiser und Großherzog, Bilder, um Lücken ihrer Sammlungen zu schließen. Caravaggio war keiner darunter, der Wüterich unter den Malern war ein Star für sich. Schon zu Lebzeiten, als er gehetzt durch die Lande zog und sich von einer Schlägerei in die nächste stürzte. So musste er 1606 aus Rom fliehen und kam über Neapel nach Malta. Hier wurde er 1608 zum Ritter des Malteserordens geschlagen.

Eine (kurzfristige) Ehre, die mit der Entstehung des „Schlafenden Amors“ im selben Jahr in direktem Zusammenhang steht. War es ein Geschenk? Ein Auftrag? Oder gar Bestechung? Jedenfalls befand sich das Bild im Besitz des Sekretärs des Großmeisters der Malteser. Viel Glück hat dieses Geschäft dem Maler allerdings nicht gebracht – nur wenig später saß er wieder im Gefängnis, er floh, ein allerletztes Mal, nach Sizilien.

 

Umstrittenes Leben, umstrittenes Werk

Zwei Jahre später war er begnadigt, aber auch schon tot, gestorben bei der Rückreise nach Rom 1610. Nur fünf Bilder malte er noch nach dem Amor. Wie viele insgesamt in seinem nur 39-jährigen Leben? Das ist umstritten – um die 90 heißt es, davon sind aber nur rund 30, 35 unumstritten (zu denen der „Amor“ wie auch die drei Wiener KHM-Bilder zählen), so Weppelmann. Ähnlich umstritten ist Caravaggios Privatleben – war er schwul? Kam daher so manch offenherzige „Amor“-Darstellung? Nein, meint Caravaggio-Experte Wolfgang Prohaska, der den Sammlungskatalog der Caravaggisten im KHM erarbeitete (mit Gudrun Swoboda). Warum aber malte Caravaggio dann einen schlafenden Amor für einen Malteser Ordensmann? Ausgerechnet?

Eine gefinkelte Angelegenheit. Die Malteser Ritter hatten zölibatär zu leben. Woran der schlafende Amor den guten Chef-Sekretär Francesco dell'Antella wohl sanft erinnern sollte. Was für eine Symbolik! Die Zeit hat ihres dazu getan, dass sich das pagan-fromme Motiv zu einem zynischen steigerte. Erstens heißt schlafend ja nicht tot, Amor könnte jederzeit erwachen, sich die Pfeile und den schlaffen Bogen an seiner Seite schnappen – aus wär's mit der Enthaltsamkeit.

Der schlechte Erhaltungszustand des Bildes verschärft die drohende Gefahr noch: Die schwarzen Flügel, auf denen Amor ruht, sind praktisch im dunklen Bildhintergrund verschwunden. So wirkt der weißgefiederte Rand seiner rechten Schwinge wie eine Feder, die gerade herniederschwebt – um ihn an der Nase zu kitzeln. Seine Erweckung scheint also recht absehbar. Was für ein Danaer-Geschenk, Palazzo Pitti! Mille Grazie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2015)