US-Notenbank im Kreuzfeuer der Ökonomen-Kritik

Dass die US-Notenbank Fed ihre Zinswende verschoben hat, ist für Raiffeisen-Analyst Jörg Angele "konfus". Auch jenseits der Grenzen sparen Experten nicht mit Kritik.

Wien/Washington. Die Stellungnahme der Fed im Anschluss an die Zinsentscheidung sei nahezu wortgleich zu der von Ende Juli ausgefallen, merkte Raiffeisen-Analyst Jörg Angele heute, Freitag, in seiner Einschätzung an. Abweichend sei nur der Hinweis, dass man Entwicklungen im Ausland beobachte.

"Entgegen unseren Erwartungen hat die Notenbank die Leitzinsen nicht angehoben", schreibt Angele. Anders als in früheren Zinsanhebungsphasen werde den starken amerikanischen Wirtschaftsdaten anscheinend weniger Bedeutung beigemessen als den Risiken in der Konjunkturentwicklung in Schwellenländern wie China sowie Turbulenzen auf den Finanzmärkten. "Außerdem scheint die Notenbank von einer vorausschauenden Geldpolitik in eine mit der Wirtschaftsentwicklung gleichlaufende Geldpolitik umgeschwenkt zu haben", meint der Analyst.

Hoffen auf Dezember

"Wir gehen daher nun ebenfalls davon aus, dass die Fed auf der Sitzung am 16. Dezember mit der Normalisierung der Geldpolitik beginnen wird. Auf Basis der Erfahrung der Fed-Politik der letzten Quartale ist aber auch diese Prognose von großer Unsicherheit geprägt, da eine Zinsanhebung im Dezember erneut mit der gleichen Argumentation wie dieses Mal verschoben werden könnte", so der Raiffeisen-Experte.

Aus der Sicht von Raiffeisen Research tat sich Fed-Chefin Janet Yellen schwer zu erklären, weshalb der Leitzins noch heuer steigen soll, wenn man sich dieses Mal nicht zu einer Anhebung durchringen konnte. Yellen erklärte, die US-Notenbanker wollten abwarten, ob und wie sich die vergrößerte Unsicherheit mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland - China wurde namentlich erwähnt - sowie die erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten auf die US-Wirtschaft auswirkten.

Wirtschaftsweiser: "Wäre an der Zeit gewesen"

Die US-Notenbank Fed hat nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Volker Wieland den geeigneten Termin für die Zinswende verpasst. "Es wäre an der Zeit gewesen, moderat in eine Erhöhung einzusteigen", sagte der Frankfurter Ökonom am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters.

Nun wachse die Gefahr, dass die extrem lockere Geldpolitik auf Dauer zu Übertreibungen und Schwankungen der Vermögenspreise führe, "etwa an den US-Aktienmärkten". Dabei habe Fed-Chefin Janet Yellen stets betont, dass der erste kleine Zinsschritt gar nicht so wichtig sei. "Nun zögert sie ihn dennoch weiter hinaus", kritisierte der Wirtschafswissenschafter, der als junger Ökonom unter dem damaligen Fed-Chef Alan Greenspan in den 1990er-Jahren und nach der Jahrtausendwende selbst für die US-Zentralbank tätig war.

Nun könnten manche Marktteilnehmer vielleicht sogar darauf spekulieren, dass die Zinswende nicht mehr dieses Jahr komme: "Yellen trägt mit ihrer Kommunikation zur Verunsicherung der Märkte bei." Dass sie das jüngste Börsenbeben in China und Probleme der Schwellenländer als Gründe für das Festhalten am Nullzins heranziehe, findet Wieland nicht schlüssig: "Mir scheint, dass die Fed die Wirkungen dieser Verwerfungen auf die USA überschätzt, zumal die Vereinigten Staaten nicht in größerem Maße in die Schwellenländer exportieren."

Die amerikanischen Währungshüter haben am Donnerstag auch ihren erwarteten Leitzinspfad nach unten revidiert. So wird für heuer nur noch eine Zinsanhebung um 0,25 Prozent erwartet, nachdem es im Juni noch von zwei Zinsschritte waren. Für 2016 wird weiterhin mit vier Schritten gerechnet, wegen des späteren Beginns der Zinsanhebungen dürfte der Leitzins Ende des Jahres aber nur noch bei 1,25 Prozent bis 1,50 Prozent liegen, also 25 Basispunkte niedriger als noch im Juni unterstellt. Gleiches gilt für Ende 2017. Ende 2018 soll der Leitzins dann bei 3,25 Prozent bis 3,5 Prozent liegen und damit immer noch unter dem neutralen Niveau, das die Mitglieder des Offenmarktausschusses mehrheitlich nur noch bei 3,5 Prozent sehen - im Juni waren es noch 3,75 Prozent.

Auch in Europa kritisierten zahlreiche Ökonomen die US-Notenbank:

David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt Deutsche Bank: "Es ist bedauerlich, dass die Fed aufgrund der Volatilität auf den globalen Finanzmärkten und der Sorge um das Wachstum im Ausland - vor allem in den Schwellenländern und China - keine Zinsanpassung vorgenommen hat. Jetzt einen Normalisierungsprozess einzuleiten, wäre absolut angemessen und ehrlich gesagt, schon lange überfällig gewesen. Die Beibehaltung dieser Geldpolitik geht zulasten der Finanzmarkstabilität und wird am Ende einen kräftigen Anstieg der Inflation mit sich bringen."

Michael Heise, Allianz: "Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben. Mit dem Zuwarten und dem weiter bestehenden Signal einer Zinserhöhung bleibt die Fed vielmehr selbst Quelle der Marktvolatilität. Das Abwarten der Fed dürfte zu keiner stabileren Entwicklung an den Märkten beitragen."

Andreas Bley, Chefvolkswirt Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR): "Leider hat die Fed die lange überfällige Leitzinserhöhung noch einmal herausgeschoben. Die Konjunktur hat sich in den USA weitgehend normalisiert. Dazu passt kein Leitzins nahe Null."

Ulrich Kater, Chefvolkswirt DekaBank: "Die Entscheidung verdeutlicht, dass ein Ausstieg aus der Nullzinswelt sehr mühsam ist und sehr lange dauern wird."

Tobias Rehbock, KfW: "Je länger die Fed wartet, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Fed in konjunkturell schwierigen Zeiten ausreichend Munition fehlt. Das kann die Fed am allerwenigsten wollen - auch deshalb hätte sie die Zinsen erhöhen müssen."

Asoka Wöhrmann, Deutsche Asset & Wealth Management: "Mit diesem Schritt hat sich die Fed den Erwartungen des Marktes gebeugt."

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank: "Die Federal Reserve hat es wieder nicht gewagt. Wohl hauptsächlich wegen der Risiken in den Schwellenländern hat die US-Notenbank die Zinswende weiter aufgeschoben."

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank Gruppe: "Im Dezember sollte es aber so weit sein. Reagieren (Fed-Chefin) Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit."

Harm Bandholz, Chef-US-Ökonom UniCredit: "Die Fed muss endlich handeln."

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