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Der Wissenschaftler als YouTube-Star

Kommunikation. Wissenschaft und Popkultur schließen einander nicht aus: Junge Menschen mögen audiovisuell aufgearbeitete Inhalte, besonders, wenn sie humorvoll sind. Allerdings weniger in Popsongs als in Videos.

In den Golden Melody Awards, Taiwans Äquivalent zu den Grammys, hat Wissenschaft keine Chance. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie, die 377 Popsongs auf darin verwendete naturwissenschaftliche Bezüge untersuchte. „Wenn überhaupt, werden Begriffe aus Astronomie und Biologie verwendet“, sagt Joachim Allgaier von der Uni Klagenfurt, der zusammen mit dem taiwanesischen Forscher Chun-Ju Huang an der Studie gearbeitet hat.

Mehr Erfolg hatten dagegen Rapper in den USA. Wer dabei an TV-Formate wie „Sesamstraße“ oder die „Sendung mit der Maus“ denkt, liegt gar nicht so falsch. Denn die meisten der Songs dienen dazu, naturwissenschaftliche Inhalte leicht lernbar zu machen. Für Studenten, die stundenlang über Skripten gehockt sind, können Musikvideos eine angenehme Abwechslung sein. YouTube gilt inzwischen als die zweitbeliebteste Suchmaschine nach Google. Offenbar lassen sich viele Menschen Inhalte also lieber in Videos kurz und humorvoll erklären als darüber einen Text zu lesen.


Auf das Video kommt es an

Dabei kommt es natürlich auf das Video an: Während der Wissenschaftskanal der Deutschen Forschungsgemeinschaft beispielsweise gerade einmal auf tausend Klicks kommt, wird ein Webvideo des YouTubers LeFloid über Supercomputer aus Affenhirnen millionenfach angeschaut. Doch die Präsenz von Videos mit wissenschaftlichen Inhalten auf YouTube ist nicht ganz unproblematisch. Denn auf kommerzielle Portale können User ihre Inhalte unkontrolliert hochladen und dort verschlagworten. So werde YouTube mitunter zum Dorado für Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, alternative Quantenheiler, Anhänger der germanischen Medizin und Leugner des Klimawandels, sagt der Soziologe.

Sucht man etwa nach „Evolution“, bekomme man häufig Produkte von Kreationisten, die naturwissenschaftliche Erklärungen ablehnen. Interessant sei dabei, dass gerade Videos, die vom herrschenden medizinischen Standpunkt abwichen, die meisten Likes der User erhielten. Das liege auch daran, dass teilweise kreative Dienstleistungen aufgekauft und aufwendige Kampagnen gefahren würden, die Pseudowissenschaft öffentlich als Spitzenforschung verkauften.

Ein weiteres Problem ergebe sich aus der sogenannten Filterblase durch personalisiertes Suchen. Suchmaschinen gleichen Sucherergebnisse an bisherige Suchvorgänge an und bringen so jedem User unterschiedliche Ergebnisse. „Das macht es etwa schwierig, Inhalte auf YouTube systematisch zu erforschen“, sagt Allgaier. Gerade die Glaubwürdigkeit eines Webvideos sei schwer einzuschätzen. Er hält die Präsentation wissenschaftlicher Inhalte in YouTube Videos gerade in Österreich für sehr relevant: Hier gebe es in der Bevölkerung große Vorbehalte gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie das Eurobarometer 2015 gezeigt habe.


Zum Dialog bereit sein

Wissenschafts- und Gesundheitskommunikatoren sollten Webvideos als Kommunikationsmedien deshalb ernster nehmen, so Allgaier. Wichtig sei, kreativ und authentisch Geschichten über Wissenschaft zu erzählen, die unterhaltsam, informativ und faktisch korrekt seien. Auf Kommentare und Kritik müsse reagiert, Fragen beantwortet werden. Verfügbarkeit und Dialogbereitschaft seien das Erfolgsrezept auf YouTube.

LEXIKON

YouTube ist das Videoportal einer Tochtergesellschaft von Google. Benutzer können kostenlos Videos hochladen, anschauen und bewerten. Die Produzenten von Videos können unter Umständen damit Geld verdienen. Die Länge der Videos ist in der Regel begrenzt. Inhalte, die Hass, Gewalt oder Pornografie enthalten oder deren Urheberrecht nicht geklärt ist, werden gesperrt. Für die Wissenschaft bieten Videos neue Chancen, Inhalte einem breiten Publikum nahezubringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2015)