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„Wie die anderen“: Unverpixelte Psychiatrie-Routine

Wie die anderen
(c) Stadtkino
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Mit „Wie die anderen“ will Constantin Wulff die Tabus, die einer Kinder- und Jugendpsychiatrie anhaften, aus dem Weg räumen. Das gelingt. Unumstritten ist der Film aber nicht.

Alle fragen sich, warum ich so seltsam bin“, sagt ein Kind namens Leonie am Anfang des Films, während es mit Bleistift ein Bild kritzelt. „Derweil wäre ich gern genauso wie die anderen.“ Nicht nur Leonie, auch die anderen Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landesklinikum Tulln wissen, dass ihnen irgendetwas fehlt. Was, das müssen die Ärzte herausfinden. Constantin Wulff hat sie dabei begleitet: Sein Dokumentarfilm „Wie die anderen“, der schon im März bei der Diagonale gezeigt wurde, läuft nun auch regulär in den Kinos.

Der Leiter der Klinik, der Psychiater und Autor Paulus Hochgatterer, hat Wulff dazu Einlass in seine Patienten- und Besprechungszimmer gewährt, eineinhalb Jahre lang dauerten die Dreharbeiten. Wulff nähert sich dem Krankenhausalltag – wie schon in seinem Film „In die Welt“, der die Arbeit in einer Geburtsklinik dokumentiert – im Direct-Cinema-Verfahren: keine kommentierende Stimme aus dem Off, keine Musik, keine Interviews. Nur ein 95 Minuten langer, beobachtender Blick. Einziges dramaturgisches Mittel ist der Schnitt. Der Zuseher wird in die Klinik geworfen und am Ende des Films genauso unmittelbar wieder herausgeholt.

Dazwischen spielt sich fragmentartig der Alltag in der Psychiatrie ab: Patientengespräche, Besprechungen der Ärzte, Therapiesitzungen. Es geht vor allem ums Reden und Verhandeln, gibt der Film zu verstehen: Da gibt es etwa das stark geschminkte Mädchen mit den Armen voller Schnittnarben. Eine ganze Woche lang habe sie sich nicht geschnitten, erzählt sie ihrem Arzt, gesteht dann aber, dass sie sich dafür einige Male mit Wein betrunken hat. Auf Nachfragen reagiert sie verschlossen. In einer späteren Szene kommt sie aber etwas aus sich heraus und trifft mit dem Arzt eine Vereinbarung: Hält sie ihre Therapieziele ein, dann nimmt er sie beim nächsten Besuch sofort dran. Tut sie es nicht und sinken ihre Blutwerte in den kritischen Bereich, dann lässt er sie warten.

 

Interne Reibereien

Verhandelt wird auch ohne Patienten. Etwa darüber, wie mit einem jungen Mädchen umgegangen werden soll, bei dem der Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht. Oder über den eklatanten Personalmangel – es ist der einzige Moment, in dem die Mitarbeiter der Psychiatrie ihre stoische Ärztemiene fallen lassen und die Fassung verlieren. Es spricht für den Film und das Ärzteteam, dass auch interne Reibereien wie diese gezeigt werden. Danach geht man wieder zur Tagesordnung über: Diagnosen werden ins Diktiergerät gemurmelt, Protokolle ausgefüllt, ein Bub, der einen Wutausbruch erlebt, wird sanft über den Gang geschoben.

Wulff dokumentiert das alles unaufgeregt–und unverpixelt. Dass die Gesichter der Patienten gezeigt werden, hat für Debatten gesorgt. Er habe natürlich die Einwilligung aller im Film vorkommenden Personen und bei Kindern von deren Erziehungsberechtigten eingeholt, versicherte Wulff. In einem so sensiblen Bereich reiche das nicht, die Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht sei unvertretbar, deponierte aber etwa der Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier im „Falter“: „In einem Film als jugendlicher psychiatrischer Patient dargestellt zu werden kann noch nach Jahren als erinnerte Belastung präsent werden.“

 

Warum ist das ein Tabu?

Das ist wohl der Punkt. Und genau da will Wulff mit seinem Film auch ansetzen: Er will gegen die Stigmatisierung von psychisch kranken Jugendlichen ankämpfen. „Eine Verpixelung von Gesichtern wäre in diesem Fall nichts anderes als eine Affirmation des Stigmas, das man beseitigen möchte“, sagte er dem „Profil“. Auch der Psychiater Hochgatterer habe deshalb zugestimmt. Es gebe „immer noch viele Familien, die sich unglaublich schämen dafür, dass ihr Kind in der Psychiatrie Hilfe suchen muss“. Man müsse zeigen, dass man auch ganz entspannt auf das Thema schauen kann.

In dieser Hinsicht geht der Film auf: Der Klinikalltag wird so routiniert, die Arbeit der Ärzte so einfühlsam, die Sicht der Kinder so respektvoll porträtiert, dass es dem Betrachter gar nicht mehr einleuchtet, warum diesem Thema je ein Tabu angehaftet hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2015)