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Analyse Rapid: Der Rückstand löste die Beklemmung

SOCCER - EL, Rapid vs Villarreal
(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Christian Ort)
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Rapid. Zwei Standardsituationen, ein gütiger Referee und ein souverän parierender Torhüter bescherten Rapid den 2:1-Sieg, wichtige Punkte und den Traum vom „Überwintern im Europacup“.

Ein Klub aus dem Land des Champions-League-Siegers (Barcelona), des Europa-League-Siegers (Sevilla), zweifachen Weltmeisters, Europameisters; aktuell Vierter der spanischen Primera Division und mit gewiss weitaus mehr Geld und individuell besseren Spielern – Rapid-Trainer Zoran Barišić war voll des Lobes über Villareal. Dass sein Klub mit 2:1 den Auftakt in der Europa League gegen einen Favoriten gewonnen hat, verlangt nach einer gesonderten, anderen Betrachtung.

Ob es der extrem fragwürdigen Rotation des Gegners geschuldet war – im Vergleich zu den vergangenen drei Partien hatte Villareal gleich zehn neue Spieler eingesetzt –, dass Rapid die Oberhand behalten hatte, oder vielleicht doch dem selten so souverän-sicher wirkenden Reflexen von Torhüter Novota in der Schlussphase, Barišić wirkte geradezu befreit. Er hat Rapid in dieser Saison, nach beeindruckenden Spielen gegen Ajax oder Donezk ein hohes Ziel gesteckt: Der Klub will im Europacup erstmals überwintern, sprich in das Sechzehntelfinale, die K.-o.-Phase, aufsteigen. Er sagt: „Das ist der Start, von dem wir geträumt haben.“

Rapid spielt, getragen von einer Welle der Begeisterung, derzeit auf internationalem Level einzigartig. Liegt die Mannschaft zurück, entfaltet sie erst ihre wahre Stärke. Egal, ob gegen Ajax (0:2 zur Pause), Donezk (0:1) oder auch in der Liga gegen Sturm (0:2), erst mit einem Rückstand kommt Grün-Weiß ins Spiel. Ist das eine mentale Angelegenheit, löst vielleicht der Umstand, für das Spiel dringend etwas tun zu müssen, diese Befreiungsschläge erst aus?

Nach zuletzt zwei Niederlagen in der Bundesliga ist Rapid jedenfalls wieder obenauf. Offenkundig war jedoch, dass Rapids Abwehr keineswegs sattelfest agierte. Maximilian Hofmann hätte das 0:1 verhindern können bzw. müssen, der Ball war an ihm vorbeigekullert. Eigene Chancen gab es wenige und wenn, wurden sie trotz höchsten Einsatzes von Philipp Prosenik etc. vergeben. Das Fehlen eines echten Stürmers – Barišić will den Namen Robert Berić nicht mehr hören –, macht sich doch bemerkbar.

 

Erster Sieg seit 47 Jahren

Die Wende gelang nur dank zweier Standardsituationen. Beide Rapid-Treffer resultierten aus ruhenden Bällen. Zudem: Nicht jeder Referee gibt diesen Elfmeter, noch dazu gegen einen spanischen Topklub.

Unter dem Strich bleiben aber emotional hochwertige Erinnerungen und wichtige Errungenschaften. Der erste Europacupsieg über einen Klub der Primera Division seit 47 Jahren, verbunden mit drei vorab definitiv nicht einkalkulierten Punkten und einer Prämienüberweisung von der Uefa in Höhe von 360.000 Euro (Vergleich Champions League, Sieg: 1,5 Millionen Euro). 36.200 Zuschauer garantieren weitere Einnahmen, sichern aber auch Nächstenliebe. Rapid spendet pro Zuschauer einen Euro für die Flüchtlingshilfe.

Wer weiß, vielleicht hat sich auch einer der anwesenden Scouts von Juventus, Sampdoria, Lyon, Dortmund, Schalke, HSV oder Everton einen Rapid-Spieler als Kaufempfehlung für die Winterpause notiert. Dass Rapid nur drei Torschüsse abgab, 359 Pässe spielte, von denen 311 ihr Ziel fanden und die Spieler des „gelben U-Bootes“ 17-mal gefoult hat, ist nur noch von statistischen Wert, die zwei Tore zählen.

Rapid siegte, weil Emotion, Laufbereitschaft, Kampfgeist und Verlangen stimmten, die Spieler die Laufwege ihrer Kollegen auswendig kannten. Und, weil Barišić die richtigen Worte in der Halbzeitpause gewählt hatte. Und, weil er den Begriff des „Abhebens“ so richtig ablehnt. Das 2:1 sei eine Moralinjektion gewesen, mehr nicht. Am Sonntag (16.30 Uhr) wartet mit Admira wieder der Alltag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2015)