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Ein Tanz der „Kraftfelder und Naturgewalten“

Continu von Sasha Waltz
(c) Festspielhaus
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St. Pölten. Das Festspielhaus startet die Saison mit einer ungewöhnlichen Premiere: Choreografin Sasha Waltz kommt mit ihrem Stück „Continu“. Erstmals spielt dazu ein Live-Orchester – und sprengt den Rahmen des Orchestergrabens.

In St.Pölten wird sich Choreografin Sasha Waltz diese Woche einen lang gehegten Wunsch erfüllen: „Mein Traum ist es, ,Continu‘ einmal mit großem Orchester aufzuführen, weil nur dann das Gleichgewicht zwischen Körper und Musik für mich gegeben ist“, sagte sie 2012 in einem Interview für das Magazin der Brüsseler Oper La Monnaie/De Munt. Jetzt ist es so weit: Zur Saisoneröffnung im Festspielhaus spielt erstmals ein Live-Orchester (die Tonkünstler Niederösterreich) zu dem 2010 am Schauspielhaus in Zürich uraufgeführten Stück. „Ich freue mich wirklich sehr auf diese Aufführung mit dem Tonkünstler-Orchester. Wir arbeiten das erste Mal zusammen“, sagt Waltz im Interview mit der „Presse“. Was das Besondere an dieser Premiere ist? „Zwischen Livemusik und Aufnahmen besteht für mich ein großer Unterschied, weil Musik wie ein Katalysator wirkt“, sagt sie: „Die Intensität der Musik und die Körperlichkeit der Musiker wirken auch auf das Bühnengeschehen. Die Tiefe der Wahrnehmung ist eine ganz andere.“ Insofern werde das Live-Orchester „eine wunderbare Bereicherung“ sein.

In „Continu“ führt Waltz wesentliche Elemente ihrer Arbeit der vergangenen zehn Jahre zusammen und greift Impulse aus ihren beiden großen Museumsprojekten auf, die sie 2009 für das von David Chipperfield rekonstruierte Neue Museum Berlin und das Maxxi von Zaha Hadid in Rom realisierte. „,Continu‘ ist einerseits ein abstraktes Stück, in dem es aber gleichzeitig um die sehr konkret spürbare Wucht und Energien, um Kraftfelder und Naturgewalten geht. Es gibt die musikalische Wucht, aber auch die Energie des Tanzes und die Spannung der körperlichen Skulpturen im Raum.“ Wichtig seien ihr auch die Gruppenformationen, „das Rituelle der Gemeinschaft“. 24 Tänzer und Tänzerinnen der von ihr gemeinsam mit Jochen Sandig 1993 in Berlin gegründeten Company Sasha Waltz & Guests sind im Einsatz, dazu kommt noch das Orchester.

 

93 Musiker für Varèses „Arcana“

Waltz mag solche Mammutaufgaben, deshalb hat sie 2004 auch erstmals eine Oper inszeniert: Henry Purcells „Dido & Aeneas“. „Für mich bietet Oper die Möglichkeit, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Wenn Musik und Tanz aufeinandertreffen – beides körperliche Künste, aber ganz verschieden –, hat das eine enorme Intensität, die mich fasziniert.“ Dass es der Tanz oft schwer hat, sich neben der Musik einen Stellenwert beim Publikum zu erkämpfen, kann sie nicht nachvollziehen: „Für mich ist der Tanz alles andere als ein Füllmittel, aber auch die Musik keine Untermalung. Mich interessiert die Verschmelzung – angefangen bei ,Dido & Aeneas‘, wo die Einbindung des Chores ins Bühnengeschehen ganz stark im Fokus stand, bis zuletzt dem ,Orfeo‘, wo erstmals auch die Tänzer musikalisch beteiligt sind.“ Bei „Continu“ steht das sinfonische Orchesterwerk „Arcana“ von Edgar Varèse musikalisch im Zentrum, bis zu 93Musiker werden im Einsatz sein – eine Größenordnung, die den Rahmen des Orchestergrabens sprengt, weshalb die Musiker auch im Saal platziert sein werden. Zur Festspielhaus-Eröffnung kommt Sasha Waltz nun doch persönlich nach St.Pölten und wird dort vor den zwei Aufführungen auch je eine Einführung zu ihrem Stück geben.

Bereits im Oktober gastiert ihre Company dann wieder in Österreich – im Tanzquartier Wien zeigt die Company das Stück „Körper“, das „im Jahr 2000 aus mehreren Dialoge-Projekten heraus entstanden ist“, erzählt Waltz. „Ich wollte mich darin der Hülle und dem Inneren des menschlichen Körpers, seiner Schönheit und Hässlichkeit und seiner Sterblichkeit annähern.“ Sie dachte an den Traum vom perfekten Körper, der in unserer Gesellschaft vorherrscht. „Da kamen Fragen auf wie: Was ist der Körper? Wie setzt er sich zusammen? Und vor allem: Wie findet der Körper im Raum statt, wie ist das Verhältnis?“

Nicht nur mit ihrer Kunst, auch in ihrer Rolle als EU-Kulturbotschafterin will Waltz etwas bewegen: „Ich halte Kunst und Kultur für sehr wichtig für Europa. Besonders der Tanz kann, da er außersprachlich ist, Botschafter für ein friedliches Miteinander sein“, sagt sie. „Die Tanzszene selbst ist kulturell so vielfältig, das könnte ein gutes Beispiel für andere Bereiche sein.“

„Continu“: 25. und 26.9., 19.30Uhr, Festspielhaus St.Pölten / Großer Saal (Einführung von Sasha Waltz: 18.30Uhr, Kleiner Saal)

„Körper“: 15. und 16.10., 20.30Uhr, Tanzquartier/Halle E

ZUR PERSON

Sasha Waltz (*1963 in Karlsruhe) ist Choreografin, Tänzerin und Opernregisseurin. 1993 gründete sie mit Jochen Sandig ihre Company Sasha Waltz & Guests, mit „Allee der Kosmonauten“ gelang ihr 1996 der Durchbruch. 2004 realisierte sie ihre erste Opernproduktion: „Dido & Aeneas“. [ www.andrerival.de]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2015)