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„Traviata“ im Landestheater Linz: Violetta, der bleiche Engel

FOTOPROBE: ´LA TRAVIATA´ IM LINZER MUSIKTHEATER
FOTOPROBE: ´LA TRAVIATA´ IM LINZER MUSIKTHEATER(c) LANDESTHEATER LINZ/OLAF STRUCK (OLAF STRUCK)
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Bob Wilson inszeniert Verdis „Traviata“ in typischer Abstraktion und kühlen Farben. Dirigent Daniel Spaw und die eindrucksvolle Myung Joo Lee als Violetta beweisen musikalisches Feingefühl.

Kaum zu glauben, dass vor 60 Jahren – gewiss keine lange Zeit im Leben der Oper – ein Regiegigant wie Luchino Visconti von den Traditionalisten bitter für seine „Traviata“-Inszenierung an der Scala gescholten wurde. Warum? Dieser Ästhet des Realismus hatte seine überragende Violetta Maria Callas nicht im Bett sterben lassen wie gewohnt: Im euphorischen letzten Aufflackern der Lebenskräfte legte sie noch Hut und Mantel an, um dann desto jäher zusammenzubrechen – ein erschütternder Triumph ihrer Schauspielkunst, berichten Zeitzeugen.

Und wie haucht die Traviata nun in Linz ihre Seele aus? Im weißen Nachthemd steht sie an der Rampe, hält in einer klassischen Abwehrgeste beide Arme mit angewinkelten Händen nach rechts – und legt bloß plötzlich den Kopf auf die Schulter. Das reicht als Zeichen des Todes. Sie bleibt im Licht, die Umstehenden werden zu schwarzen Silhouetten und klagen: „Oh mio dolor!“

Das Publikum freilich jubelt nicht nur über die erfreulich gelungene musikalische Umsetzung, sondern feiert auch das Regieteam; erst bei Bob Wilsons Solovorhang regt sich bescheidener Widerspruch. Längst ist der mittlerweile 73-jährige, überwiegend in Europa arbeitende Amerikaner zu einer Ikone des postmodernen Theaters geworden. Geschult an fernöstlichen Modellen, hat er eine reduzierte Sprache der Zeichen, Formeln und gefrorenen Gesten entwickelt, die auf weitgehend leerer Bühne in ausgeklügelten Lichtwirkungen eindrucksvolle Momente erzielt. Diese Ästhetik der Abstraktion ist vermutlich so lange reizvoll, bis man mehrere Wilson-Deutungen im Repertoire zu sehen bekommt. Aber da ist in Linz die Gefahr nicht groß: Nur ausnahmsweise konnte das Haus in einer Koproduktionsgemeinschaft die ursprünglich von Gerard Mortier für Madrid in Auftrag gegebene, nach dessen Tod dort jedoch abgesagte Inszenierung realisieren, als einen „Gipfel dessen, was ein Landestheater heben kann“, so der leider schon scheidende Intendant Rainer Mennicken.

„Gerade Prostitution ist ja eine Angelegenheit, bei der es einen großen Unterschied macht, ob man sie von oben sieht oder von unten betrachtet“, stellt Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ fest. Das lässt sich auf Wilsons Interpretation der Kurtisane Violetta umlegen, deren wahre, ehrliche Liebe keinen Platz in der Gesellschaft finden darf: Aus Verdis Perspektive, der mit dieser Oper die bürgerliche Doppelmoral in einem aktuellen Gegenwartsstück anprangern wollte (die Zensur verlegte es in die Vergangenheit), mag die hier herrschende kühle Reduktion ganz falsch erscheinen.

 

Auf Distanz zum Gefühl

Bezweifelt werden muss auch, dass der Regisseur mit seiner distanzierten Erzählweise nicht nur jede Sentimentalität vermeiden, sondern sogar die „wahren“ Gefühlseindrücke verstärken kann, wie er es beabsichtigt. Als Rückblick auf ein historisches Kunstwerk jedoch, das sich mit einer bestimmten gesellschaftlichen Situation beschäftigt, lässt sich der Abend komfortabel genießen. Das liegt vor allem daran, dass der 30-jährige amerikanische Dirigent Daniel Spaw das klangschön spielende Bruckner Orchester Linz ganz auf feinfühligem Kurs hält: Die filigranen Vorspiele, die Grundierung von Violettas aufopferungsvollem „Dite alla giovine“ im zweiten Akt oder die feinen Schleier, die die Streicher um die Töne der Siechenden legen, gelingen besonders zart und ausdrucksvoll.

Aus dem Graben kommt gewissermaßen kein einziges zu lautes oder gar derbes Wort bei dieser Premiere – fehlte nur noch etwas mehr Flexibilität der Tempi. Zudem sind die meisten der üblichen Striche geöffnet; man hört die Arien der Traviata mit jeweils beiden Strophen. Musikalisch wie szenisch wird dadurch vielfach die Form gewahrt – und die junge südkoreanische Sopranistin Myung Joo Lee in der Titelpartie kann, trotz oder gerade wegen einer Prise Schärfe, ein klanglich differenziertes Porträt zeichnen. Gottlob vergisst man mit der Zeit, dass Wilson sich die Manieriertheit leistet, zugleich mit ihren Ziel- oder Spitzentönen (auch das eingelegte Es am Ende des 1. Aktes bewältigt sie) immer wieder das Licht zu wechseln...

Jacques le Roux war mit etwas breiig tönendem, aber voluminösem Tenor und nicht ganz sauberem Cabaletta-C ein jedenfalls zuverlässiger Alfredo, während Seho Chang die Kantilenen des Padre Germont vielfach etwas zu rau, uneben und nicht anstrengungsfrei gerieten. Matthäus Schmidlechner, Martin Achrainer und Kerstin Eder ragten als Gaston, Douphol und Annina aus dem guten, vielfach hopsenden, trippelnden, kopfwackelnden Ensemble und Chor hervor: eine clowneske Spaßgesellschaft.

Vorstellungen noch bis 10.2., www.landestheater-linz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2015)