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Sikh-Anschlag: Mordanklagen drohen

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Vier der mutmaßlichen Tempelattentäter sind Asylwerber. Wie am Mittwoch bekannt wurde, könnten bei dem Anschlag bis zu zehn Schuss abgegeben worden sein. Tatwaffe war eine in Österreich nicht registrierte Makarow-Pistole.

WIEN. Nach dem Anschlag auf zwei Gurus der Sachkhand-Sekte („Reich der Wahrheit“) am vergangenen Sonntag in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus lichten sich allmählich die Nebel. Über alle sechs mutmaßlichen Attentäter wurde mittlerweile die U-Haft verhängt. Und zwar wegen des Verdachts des Mordes. Damit drohen den Männern im Höchstfall lebenslange Freiheitsstrafen.

Bei dem blutigen Angriff – laut Augenzeugen sah der Sikh-Tempel in der Pelzgasse 17 wie ein „Schlachtfeld“ aus – erlitt der Guru Sant Rama Anand (57) Schussverletzungen in Bauch und Rücken und starb einige Stunden nach dem Attentat. Der Sektenführer Sant Niranjan Dass (68) wurde laut Polizei von Projektilen im Bauch und an der Hüfte (Hüftsteckschuss) getroffen. Er befindet sich – streng bewacht – in Spitalsbehandlung. Und ist am Wege der Besserung. Etwa 16 Personen wurden verletzt. Die genaue Zahl steht nicht fest, da viele der ungefähr 300 Gläubigen bei dem Anschlag in Panik aus dem Gebetshaus gestürmt und damit für die Behörden nicht greifbar waren.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, könnten bei dem Anschlag bis zu zehn Schuss abgegeben worden sein. Tatwaffe war eine in Österreich nicht registrierte Makarow-Pistole. Außerdem wurden mehrere Messer verwendet. Die Faustfeuerwaffe wurde in den 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Sowjetunion konstruiert und später bei Militär und Polizei in mehreren Ländern eingesetzt.

Laut dem Wiener Polizeisprecher Michael Takacs fasst das Magazin zehn Schuss. Nachgeladen wurde nicht, womit die Abgabe von zehn Schüssen das Maximum darstellt. Noch sind die Tatortermittlungen – Stichwort „Schlachtfeld“ – im Gange. Bisher wurden nur 9-mm-Projektile gefunden, die zu der Makarow passen. Eine Patrone traf einen der Angreifer in den Kopf. Offenbar war es den Gläubigen gelungen, dem Mann die Waffe zu entreißen. Laut Augenzeugen waren einige der Tempelbesucher mit Mikrofonständern, Sesseln und einer Bratpfanne auf die Attentäter losgegangen. Der in den Kopf getroffene mutmaßliche Angreifer wird, wie berichtet, im Unfallkrankenhaus Meidling behandelt.

 

Motiv: Religiöse Streitigkeiten

Widersprüchliche Angaben gab es zuletzt bei den Namen und dem Asylstatus der Attentäter, die zwischen 28 und 46 Jahre alt sind. Die Polizei hatte am Montag erklärt, drei der sechs Verdächtigen seien Asylwerber, drei seien namentlich bekannt. In einem Polizeibericht von Sonntagabend finden sich aber fünf Namen, vier der sechs werden darin als Asylwerber geführt. Am Mittwoch sagte Sprecher Takacs, die Männer würden ständig falsche Namen angeben, Namen, die in Indien so häufig seien wie in Österreich Meier oder Müller.

Indessen scheint das Motiv immer klarer: Hinter dem offenbar seit Längerem geplanten Anschlag auf die Gurus stehen streng traditionelle Sikhs, denen die liberalere Auslegung der religiösen Lehre durch die vorwiegend aus niederen Kasten („Unberührbare“) stammenden Sektenmitglieder ein Dorn im Auge ist. Der in Nordindien steigende Einfluss der Sachkhand-Glaubensrichtung ist dort immer wieder Auslöser für Gewalttaten. Kommentar S. 31

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2009)