Durch den Einstieg eines russischen Finanzinvestors verliert Facebook ein Drittel an Wert, gewinnt aber nötige Liquidität. Heuer will Facebook laut US-Medien 300 bis 500 Mio. Dollar Umsatz generieren.
Moskau/New York. Als die Onlineplattform Facebook Anfang des Jahres ihr 200-millionstes Mitglied gefeiert hatte (laut comScore), liefen die Server des 2004 gegründeten Unternehmens bereits heiß, die Speicher platzten aus allen Nähten. Seit Monaten machte das Gerücht die Runde, dass die erfolgreiche Plattform des heute 25-jährigen Mark Zuckerberg frisches Geld für neue technische Ausrüstung benötigt. Schon im Herbst verkündete das Unternehmen, mit zehn Milliarden hochgeladenen Bildern der größte Online-Fotospeicher der Welt zu sein. Diese Speicher kosten aber Geld. Kredite dafür waren knapp, bei Facebook bleibt unterm Strich noch kein Gewinn übrig.
Jetzt hilft der russische Fonds Digital Sky Technologies (DST) aus und kauft um 200 Mio. Dollar (143,2 Mio. Euro) 1,96 Prozent Vorzugsaktien. Zudem will DST im Sommer für weitere 100 Mio. Dollar billigere Stammaktien kaufen. Somit bekommen die bisherigen Anteilseigner eine Möglichkeit, ihre Beteiligung zu vergolden, ein oft diskutierter Börsegang ist aufgrund des widrigen Umfelds vom Tisch.
Ohne externe Kapitalspritzen bleibt dem defizitären Unternehmen nur die Onlinewerbung zum Füllen der Kassen. Heuer will Facebook laut US-Medien 300 bis 500 Mio. Dollar Umsatz generieren. Facebook-Gründer Zuckerberg stellte eine Steigerung der Einnahmen um 70 Prozent in Aussicht. Woher diese Steigerung kommen soll, ist nicht klar. Denn die bis dato einzige Einnahmequelle Onlinewerbung wird nach Einschätzung von eMarketer heuer nur um 20 Prozent wachsen.
Facebook habe keinen finanziellen Engpass, versicherte Zuckerberg dennoch. In den vergangenen Jahren sicherte sich das Unternehmen gut eine halbe Milliarde Dollar an frischem Kapital. Für die letzte größere Geldspritze sorgte Ende 2007 Microsoft. Der US-Riese kaufte um 240 Mio. Dollar 1,6 Prozent Vorzugsaktien, womit Facebook mit 15 Mrd. Dollar bewertet war. Ein Drittel mehr als nach dem Einstieg der Russen, der den Wert des Unternehmens auf zehn Mrd. Dollar drückt. Der Facebook-Gründer kann damit leben, streicht aber den Unterschied der beiden Beteiligungen heraus. Microsoft habe als strategischer Investor zur Zeit der „absoluten Marktspitze“ investiert, sagte Zuckerberg: DST sei hingegen ausschließlich Finanzinvestor.
Metallurgiemagnat hinter DST
Dies bestätigt auch DST-Gründer und Generaldirektor Juri Milner. Mindestens fünf Jahre wolle er das Investment halten. DST werde keinen Platz im Facebook-Direktoriumsrat einnehmen, und eine Vereinigung mit anderen DST-Aktiva sei nicht vorgesehen. DST mit Sitz in Moskau und London bezeichnet sich selbst als größten Internetinvestor im russischen Sprachraum und Osteuropa. In Russland kontrolliert DST das landesweit größte Sozialnetz Odnoklassniki.ru (zu Deutsch „Schulkollege“) und hält Anteile am Sozialnetz „V Kontakte“ (zu Deutsch „im Kontakt“). DST ist am Provider mail.ru beteiligt, besitzt den Hersteller von Computerspielen „Astrum Online Entertainment“ sowie Anteile an den Internetprojekten headhunter.ru sowie freelance.ru. Angaben über die Finanzen hält das Unternehmen zurück.
Milner teilt sich die Kontrollmehrheit an DST mit dem Mitbegründer Gregory Finger. Ca. 30 Prozent sind im Besitz des aus Usbekistan gebürtigen Oligarchen Alischer Usmanow, seines Zeichens Herr über den Metallurgiekonzern „Metalloinvest“ und mit geschätzten 1,6 Mrd. Dollar Vermögen auf Platz 26 der russischen „Forbes“-Liste. Laut „Wedomosti“ sind auch der US-Fonds Tiger Global Management, Goldman Sachs und Renaissance Capital an DST beteiligt.
Leonid Delizyn, Analyst der russischen Finanzgesellschaft Finam, bewertet den Einstieg gegenüber der Internetzeitung Gazeta.ru positiv: „Für Russland bietet die Krise viele Möglichkeiten – unter anderem, Anteile an westlichen Firmen zu erhalten, darunter an neuen Medien, wo man uns in den ,Zeiten des Überflusses‘ wohl kaum zugelassen hätte“.
auf einen Blick
■200 Millionen Dollar bezahlt der russische Internet-Investor Digital Sky Technologies für 1,96 Prozent an der erfolgreichsten Onlineplattform Facebook.
■ Der virtuelle Wertverlust,Microsoft zahlte vor knapp zwei Jahren um ein Drittel mehr für seine Anteile, steht für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Hintergrund.
■ Die rasche Geldzufuhr war da wohl wichtiger, da sich die stark expandierende, aber defizitäre Plattform mit steigenden Kosten konfrontiert sieht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2009)