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Paris: Die Tempel der Kunst

Grätzelflair. Das Bistrot Nord Marais gab es schon vor dem Hype im Viertel.(c) Beigestellt
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Ein paar Straßenzüge im Quartier du Temple haben sich zum Hotspot der Pariser Kunstszene gemausert und stellen eine Alternative zum benachbarten Marais dar.

Selbst (oder gerade) alteingesessene Pariser verschlägt es nicht so oft in diese Gegend, und auch in Reiseführern und den sogenannten Insider-Cityguides wird es hartnäckig ignoriert: Das ehemalige Tempelviertel zwischen Place de la République und der Métrostation Arts de Métiers, ist etwas für Anrainer, Urpariser und – das ist neu – Kunstfreaks und Sammler. Die horrenden Mieten haben dafür gesorgt, dass das angrenzende Marais, das immer hipper und immer anonymer geworden ist, Opfer seines eigenen Erfolgs ist: Die letzten Künstlerateliers haben längst den Flagshipstores diverser Luxusmarken Platz gemacht, und am Sonntag schieben sich nur mehr einkaufswütige Touristen durch die Rue des Francs Bourgeois und ihre Nebengassen Richtung Place des Vosges. Nur mehr die etablierten Galerien wie Ropac oder Perrotin, wo die Stars der Branche wie Sophie Calle oder Murakami ausstellen, halten hier noch die Stellung.

Revolutionärer Nabel. Das Zentrum der neuen Pariser Kunstszene liegt jenseits dieser unsichtbaren Grenzlinie, auf der anderen Seite der Place de la République. Der revolutionäre „Nabel“ im Pariser Osten war Start der Massendemo nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“. Kurz vor der Französischen Revolution war das Tempelviertel eine Art Stadt in der Stadt, Napoleon ließ aus Aberglauben Turm und Palast zerstören. Im 19. Jahrhundert ließen sich dann Handwerker, gefolgt von chinesischen Einwanderern, in den liebenswert düsteren Straßen nieder. Heute reiht sich in der Rue Notre-Dame de Nazareth Galerie an Galerie – wie Perlen an einer Kette, kurz unterbrochen von dem veganen Supermarkt Un Monde Vegan. Hier findet man ein beeindruckendes Sortiment an laktosefreien Joghurts – ein weiteres Zeichen des Umbruchs. Ein paar Häuser weiter bietet die gut bestückte Kunstbuchbuchhandlung mit Schwerpunkt auf Architektur namens LO/A, wo die Hochglanzbildbände wie Kunstwerke in der Auslage liegen, das Neueste aus der Kunstwelt an.

Nebenan liegt das Bistro Nord Marais, von den Alteingesessennen kurz Noma genannt. Das Pariser Noma (es hat nichts mit jenem in Kopenhagen zu tun) war allerdings schon vor dem Hype da, deshalb auch die immer noch vernünftigen Preise. Die Anrainer können es immer noch nicht ganz fassen: An den Vernissage-Donnerstagen wimmelt es hier vor Menschen.

Belebt. Kunstliebhaber bei einer Vernissage in der Under Construction Gallery.(c) Beigestellt

Ein Wiener in Paris. Den Auftakt am Beginn der Rue Notre-Dame de Nazareth macht die Backslash Gallery, die unter anderem die Werke des österreichischen Künstlers Clemens Wolf zeigt. Der sich auf Installationen und Malerei spezialisierende Wiener mit einem Atelier in Rudolfsheim-Fünfhaus fühlt sich von Rembrandt, aber auch Richard Serra inspiriert. Resultat: Das vom Leben gezeichnete Gesicht von Rembrandts Mutter wird zu poetischen Maschendrahtzäunen aus Scherenschnitt verarbeitet. Claude Closky oder der aus Peking stammende Superstar Ai Weiwei finden sich indessen auf der Liste von Künstlern, die die XPO Gallery schon ausstellte.

Bei Rivière & Faively, der Galerie von Sophie Rivière und Benoît Faiveley auf Nummer 70, wird gerade ein Kunstwerk verpackt. „Das hier geht nach Sydney, wir haben es bei der letzten Messe Art Paris verkauft“, freut sich die Galeristin Sophie Riviere. „Bis jetzt kann ich nicht klagen. Ein absolut gutes Jahr für uns, die Kunstszene lebt wieder.“ Den würdigen Abschluss am Ende der Straße macht Olivier Castaings School Gallery. Auf 240 Quadratmetern zeigt er Avantgardekünstler wie die Stararchitekten Jacob Mac Farlane, die das Restaurant Georges im Centre Pompidou und die neue Pariser Cité de la Mode im 13. Arrondissement designt haben, oder auch die Künstlerin Marie Orensanz, die „Louise Bourgeois Argentiniens.“ Wenn man ein bisschen Glück hat, verrät einem jemand den Eingangscode, und man kann einen schnellen Blick in die efeubewachsenen Mauern im kopfsteinbepflasterten Hinterhof werfen, die schmalen Passagen tragen hier so poetische Namen wie Passage aux biches – Rehpassage.

Ein bisschen heruntergekommen wirkt sie immer noch, vor allem an Regentagen oder bei bewölktem Himmel, schlurfig und absolut unglamourös: die Rue Notre Dame de Nazareth, die bei der Metrostation Strasbourg – Saint Denis endet, in einem der verruchteren Stadtviertel von Paris. In der Rue St. Denis, einer traditionellen Rotlicht-Meile, stehen heute noch waschechte Pariserinnen – Durchschnittsalter weit über 50 – auf dem Trottoir. Die Farbe ist längst abgeblättert, nicht nur bei den Damen.

Prominent. Die XPO Gallery stellte bereits Kunstsuperstar Ai Weiwei aus.(c) Beigestellt

Versteckte Passagen. In der verschlafen wirkenden Parallelstraße, der Rue Vert-Bois, liegt das Traditionsbistro Ami Louis, eine Pariser Institution. Die ehemaligen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und François Mitterand degustierten hier gerne die noch heute authentische Cuisine Française. Schlagzeilen machte hier das letzte Mal in den 1980er-Jahren François Mitterand – wegen eines nicht ganz kulinarisch korrekten Ortolan-Verzehrs. Die Fettammer oder Ortolan, ein Vogel, der heute unter Artenschutz steht, ist auch heute noch eine Spezialität des Hauses.

Das neue Pariser Epizentrum für moderne Kunst zieht sich dann noch ein bisschen südlicher auf der anderen Straßenseite der Rue de Turbigo Richtung Rue de Gravilliers und ihren versteckten Passagen hin. Auf Nummer 6, in der pittoresken Passage des gravilliers, findet sich die Under Construction Gallery von Mireille Ronarch. Die Kunsthistorikerin ist neu in der Branche und hat ihre Galerie erst vor ein paar Monaten eröffnet. „Ein unerwarteter Glücksgriff, dass ich gerade hier einen Standort gefunden habe.“ Schwerpunkt – wie auch bei den umliegenden Nachbarn: Werke von innovativen und jungen Künstlern. Zurzeit sind bei Ronarch Installationen und Bilder von Thomas Lévy-Lasne, Marine Wallon und Lionel Sabatté in der Austellung „A distance convenable“ zu sehen, wobei die sehr unterschiedlichen Künstler diverse Materialien wie Latex, Formia oder 3-D-Elemente (Videokunst) zum Thema „Distanz“ im ursprünglichen Sinn des Wortes zum gemeinsamen roten Faden gewählt haben. „Ich kann mich nicht beklagen, die Kunstbranche boomt zurzeit.“ Krise? „Jedenfalls nicht für Sammler, ganz im Gegenteil, es gibt immer mehr.“ Gleich gegenüber, auf Nummer 3–5, liegt die Galerie Christian Berst, die mittlerweile auch eine Zweigstelle in New York hat. Dieser Kunstraum mit Schwerpunkt Art brut, der in einer ehemaligen Kunstschmiede installiert ist, zählt seit seiner Eröffnung im Jahr 2005 zu den Etablierten.

Gemütlich. Auch im Restaurant Derrière kehrt das Kunstvolk gern ein.(c) Beigestellt

Made in France. Das Hotel Jules et Jim liegt ein paar Häuser weiter auf Nummer 11 der Rue de Gravilliers. Hier kann man nicht nur gediegen wohnen, sondern sich auch in der Lobby einen Einblick in die neuen Kunstströmungen in der Fotografie verschaffen. Regelmäßig finden in diesem Boutiquehotel, das aus drei kleinen Häusern mit begrüntem Innenhof besteht, Fotoausstellungen internationaler Künstler statt. In Paris ist Mode bekanntlich Kunst und Kunst wieder in Mode. Deshalb lohnt es sich auch, einen Blick in die kleine Boutique namens Bleu de France – eine Anspielung auf die französische Nationalmannschaft – zu werfen, wo vor allem Pariser Parissouvenirs kaufen. Kein Wunder, alles, was man hier kaufen kann, ist nicht nur zu hundert Prozent made in France, sondern zählt gerade zu den gefragtesten und folglich rarsten Must-haves. Dinge, die sich Hipster zum Geburtstag schenken: Schokolade mit Napoleon-Kopf der Marke Chocolat Français oder die coolen Unterhosen von Slip Français. Nicht nur Touristen vom nebenan liegenden Jules et Jim verirren sich manchmal hierher, bevor sie dann im Restaurant Derrière versumpfen.

Dieses Restaurant mit modernisierter Bistroküche ist schon wegen seiner Inneneinrichtung einen Abstecher wert. Auf der Karte findet man Klassiker wie Terrinen und ein deftiges Steak, aber auch ein gewagteres Hibiskussorbet als Dessert. Die ehemalige Hemdenfabrik führte ein paar Jahrhunderte vorher ein noch verruchteres Dasein: Frankreichs König Henri IV. hatte sich hier für seine Mätresse Gabrielle d’Estrées ein geheimes Liebesnest geschaffen. Deutlich sichtbare Relikte oder Möbel aus dieser Epoche findet man keine mehr – eine skandalträchtige Aura weht aber immer noch durch die hohen Räume, die mit Secondhandmöbeln vom Flohmarkt im Stil einer Wohnung im Bohemienstil eingerichtet sind. Inklusive Fumoir, einem Raucherzimmer, das sich gut getarnt hinter den Spiegeltüren des wuchtigen Wandschranks im ersten Stock befindet.

Tipps

Grätzelflair 

Hotel Jules & Jim, 11, rue des Gravilliers, 75003 Paris, DZ ab 210 €; hoteljulesetjim.com
Souvenirshop Bleu de France, 46, rue des Gravilliers, 75003 Paris; bleudefrance.fr
Restaurant Derrière, 69, rue des Gravilliers, 75003 Paris; derriere-resto.com
Andy Wahloo, 69 Rue des Gravilliers, 75003 Paris
Chez L’Ami Louis, 32, Rue du Vertbois, 75003 Paris
Bistrot Nord Marais, 39, rue Notre Dame de Nazareth, 75003 Paris

 

Galerien

Backslash Gallery 29, rue Notre Dame de Nazareth, 75003 Paris
School Gallery, 322, rue Notre ame de Nazareth, 75003 Paris
XPO, 17, rue Notre Dame de Nazareth, 75003 Paris
Rivière & Faiveley, 70, rue Notre Dame de Nazareth, 75003 Paris
Under Construction Gallery, 6, Passage de Gravilliers, 75003 Paris
Galerie Christian Berst, 3–5, Passage de Gravilliers, 75003 Paris
Galerie Alberta Pane, 64, rue Notre Dame de Nazareth, 5003 Paris