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Stromgrenze könnte Österreich 300 Millionen Euro kosten

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Die Europäischen Energieregulatoren empfehlen eine Trennung von deutscher und heimischer Strompreiszone.

Fuschl. Seit einigen Wochen werden aufgrund der aktuellen Flüchtlingskrise in Europa Grenzkontrollen wieder errichtet, die bereits seit Langem für überwunden gegolten haben. Dazu gehört unter anderem die Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Schon bald könnte es diese Grenze auch für Elektrizität wieder geben. Denn am Mittwoch erklärte die Europäische Vereinigung der Energieregulatoren (Acer), dass sie für eine Trennung der seit 2001 gemeinsamen Strompreiszone von Deutschland und Österreich eintritt. Es sollten an der Grenze wieder „Kapazitätsmaßnahmen“ gesetzt werden. Ein Schritt, der die heimischen Stromkunden pro Jahr 300 Mio. Euro kosten würde, so Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber am Rande der Verbund-Energie-Konferenz Energy 2050 vor Journalisten.

Auslöser für diese Forderung war eine Beschwerde des polnischen Regulators. Dieser kritisierte die Verwerfungen auf dem Strommarkt, die durch den massiven Ausbau der Windkraft in Norddeutschland entstanden sind. Der dort produzierte Strom findet in der Region nämlich nicht genügend Abnehmer. Diese sitzen vornehmlich in Süddeutschland, Österreich und den südlichen und östlichen Nachbarländern Österreichs. Da der Windstrom an der Börse oft sehr günstig zu haben ist, entsteht so immer häufiger eine Sogwirkung, die den Strom nach Süden zieht. Allerdings sind die deutschen Netze zu schwach ausgebaut, um den Strom im Land nach Süden zu transportieren, weshalb sie unter anderem den Umweg über Polen suchen und dort ebenfalls zu Überlastungen führen.

Von der deutschen Bundesnetzagentur wird der Vorschlag von Acer, die Grenze zu Österreich zu schließen, begrüßt, auch wenn man in einigen Detailpunkten andere Auffassungen habe. Vom heimischen Regulator E-Control und dem zuständigen Wirtschaftsministerium wird der Vorschlag hingegen eindeutig abgelehnt. Beide Regulatoren wollen sich jedoch an den politischen Verhandlungen beteiligen, „bei denen es nicht ausgeschlossen ist, dass man zu Lösungen kommt, die die Interessen aller Beteiligten noch besser gewährleisten.“ Bis Ende des Jahres soll es dabei auch bereits ein Lösungs-Konzept geben, so E-Control-Vorstand Walter Boltz.

Auf eine Verhandlungslösung hofft weiterhin auch Anzengruber. „Denn wenn die Grenze geschlossen wird, gibt es in Österreich eine Verteuerung von 15 Prozent. Angesichts der gegenwärtigen Großhandelspreise wären das Mehrkosten von etwa 4,5 Euro je Megawattstunde.“ Dies würde dem Verbund kurzfristig zwar sogar Vorteile bringen. Langfristig wäre das aber ein massiver Schaden für den Wirtschaftsstandort, da Österreich gegenüber Deutschland teurer würde. Die EU verfolge eigentlich das Ziel eines Strombinnenmarkts. Wenn nun die einzige komplett offene Grenze in Mitteleuropa wieder geschlossen würde, wäre das „skurril und dumm“, so Anzengruber.

 

Österreich soll dagegendrücken

Der Verbund schlägt daher im Gegenzug vor, dass Österreich Kapazitäten bereitstellt, um den Stromfluss zu stabilisieren. Österreichische Kraftwerke würden also sozusagen dagegendrücken, wenn es einen zu großen Überfluss aus Norddeutschland gibt. Möglichkeiten dafür gäbe es beim Verbund-Kraftwerk Mellach, aber auch bei Anlagen der EVN oder der Wien Energie. Die Kosten dafür würden „vielleicht die Hälfte“ dessen ausmachen, was die Grenzschließung kosten würde.

„Ich glaube, dass wir es schaffen, das noch aufzuhalten“, gibt sich Anzengruber optimistisch. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die deutschen Stromproduzenten eigentlich kein Interesse daran haben, dass die Grenze geschlossen und ihre Exporte verunmöglicht werden. In letzter Instanz gebe es aber auch rechtliche Möglichkeiten, die man voll ausschöpfen werde, so Anzengruber. (jaz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2015)