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Niemals irrt das Herz

Er trinkt viel, er ist unbeherrscht, aggressiv, unberechenbar. Und er schreibt darüber. Vier Bände der Autobiografie von Karl Ove Knausgård sind erschienen. In „Träumen“, dem fünften Band, ringt er um seine Identität als Schriftsteller. Kühnere Bücher hat man kaum gelesen.

Der Mann hat Mumm. Schert sich nicht um Konventionen, schlägt Warnungen in den Wind und legt einfach los. Sechs Teile soll sein Romanprojekt bekommen, lässt er 2009 verlauten, sechs über 800 Seiten dicke Bücher, die nur ein Thema haben: sein eigenes Leben. Ein Autor im Größenwahn? Karl Ove Knausgård nimmt sich selbst wichtig, er ist das alleinige Zentrum seines künstlerischen Kosmos. Der Titel des kolossalen Unternehmens wird Programm: „Min kamp“– „Mein Kampf“.

Als 2009 gleich drei Bände dieses Zyklus angekündigt wurden, reagierte man in Norwegen abwartend skeptisch. Natürlich, man kannte Knausgård, schon seine ersten beiden Romane hatten für Furore gesorgt und ihm Hochachtung und eine Reihe veritabler Literaturpreise eingebracht. Die Lektüre dieser Autobiografie aber versetzte die Leserinnen und Leser in Aufregung und heizte leidenschaftliche Diskussionen an: Derart ungebändigte, kühne Bücher hat man lang nicht mehr in Händen gehalten. Wenig später war Knausgård ein viel gerühmter Autor, der in alle wichtigen Sprachen übersetzt wurde. Auch ins Deutsche. Dem norwegischen Titel hat man sich hierzulande aus naheliegenden Gründen verweigert und die Bände „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ genannt, um damit ihren monolithischen Charakter anzudeuten. Mit „Träumen“ erscheint nun das vorletzte Buch dieser Reihe. Es umfasst jene Jahre, in denen Knausgård um seine Identität als Schriftsteller gerungen hat.

Ein Stipendium in Bergen – und damit beginnt der Roman – eröffnet ihm die Möglichkeit, als 19-Jähriger bei so prominenten Autoren wie Jon Fosse und Ragnar Hovland in die Schule zu gehen. Der Unterricht frustriert ihn. Der Anspruch an sich selbst trifft auf Minderwertigkeitskomplexe und schafft Druck und Spannungen. Knausgård driftet durch die Tage, trinkt zu viel, wird dadurch aggressiv und unberechenbar und ist gleichzeitig von sich selbst enttäuscht, wenn er ausgenüchtert ist. Die Versuche, sich an den Schreibtisch zu zwingen, lähmen ihn. Er bringt dort wenig zuwege, erfährt Ablehnung von den Redaktionen der Zeitschriften und von den Verlagen und fühlt sich frustriert, ratlos und einsam.

Gleichzeitig ist er innerlich autonom. Kaum jemandem gelingt es, ihm wirklich näher zu rücken, weil er alles einem einzigen Ziel untergeordnet hat: endlich sein Debüt hinzulegen. Doch bis dahin dauert es. Ein paar Semester Literatur- und Kunstgeschichte, Jobs als Pfleger in der Psychiatrie, beim Radio und als Schlagzeuger, eine erste Liebe und Ehe, Seitensprünge und Exzesse. Die Chronik dieser 14 Jahre in Bergen wird zum „Portrait of the Artist As a Young Man“. Oder anders gesagt: „Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande.“ Ehrlichkeit ohne Koketterie.

„Warum nicht?“ Ein vielfach wiederkehrender Halbsatz ist das Leitmotiv des Buchs. Knausgård probiert sich aus, verliert sich auf Seitenwegen und gewinnt auf den Um- und Irrwegen, die er hinter sich bringt, an Eigenständigkeit. Ihn dabei zu beobachten wird zur aufwühlenden Expedition, die sich nie im bloßen Voyeurismus erschöpft. 17 Bücher, eine ansehnliche Sammlung von Langspielplatten, eine Kaffeemaschine und ein John-Lennon-Plakat besitzt der Student, als er sich in seiner winzigen Wohnung einrichtet. Lennon muss bald abgehängt werden. Die Zahl der Romane und Lyrikbände, an denen er sich zu schulen versucht, aber wächst. Knausgård lernt zu lesen. Claude Simone, Gustave Flaubert und James Joyce, Stieg Larsson, Charles Bukowski, Thomas Bernhard und Knut Hamsun.


Schnörkellos und ohne Attitüden

Auch Marcel Proust liegt auf dem Stoß. An ihn denkt man ohnehin immer wieder. Erinnerungen – sie sind das große Thema dieser sechs Bände. Wie bekommt man sie zu fassen? Wie schafft man es, sie so zu gestalten, dass sich die eigenen Erlebnisse von der eigenen Biografie ablösen und in ein gewichtiges und doch leichtfüßiges Stück Literatur verwandeln? Knausgård hat eine Methode gefunden, die ihn von Proust und dessen feinnerviger Beschwörung der Vergangenheit abgrenzt. Schnörkellos und ohne Attitüden taucht er in sich selbst ab, auch ohne Angst, in den Banalitäten des Alltags zu stranden. Die eigene Wahrnehmung wird zum poetologischen Gradmesser. „Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz.“

Die Schilderungen von Knausgårds Irrungen und Wirrungen sind präzise, ohne penibel zu wirken, die Kommentare lakonisch und ohne Koketterie, die Dialoge selbstverständlich und fast platt. Ein stilistisch unaufgeregtes und darin aufregendes und glaubwürdiges Buch, das Paul Berf gewohnt stimmig übersetzt hat. In ihm steckt verdammt viel Leben.

Aus seiner Bergener Zeit zwischen 1988 und 2002, so Karl Ove Knausgård gleich zu Beginn des Bandes, sei ihm nicht viel mehr geblieben als eine Vielzahl von Stimmungen. Dazu eine Handvoll Fotos und ein paar Briefe. Die Tagebücher hat er verbrannt. Entsprechend staunt man, mit welcher Souveränität er nun ansetzt, dem unsicheren, zärtlichen und zugleich egozentrischen Kerl an die Gurgel zu gehen, der er war und ist, wie er gesteht. Karl Ove Knausgård schont sich nicht, das weiß man aus den Romanen, die seine Kindheit und im Besonderen den Vater umkreist haben, der ihn gedemütigt, tyrannisiert und zugleich an sich gefesselt hat. Mit ihm konfrontiert er sich bis an die Schmerzgrenze – sein künstlerischer Motor. Knausgård misstraut der Fiktion und schreibt sich so radikal an seine Wirklichkeit heran, dass es wehtut. Wie seine Familie darauf reagiert, sich vor einer literarisch interessierten Weltöffentlichkeit entblößt zu sehen, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht hilft es zu sehen, dass sich der Autor selbst rücksichtslos preisgibt. Bis hin zum Gefühl beim Erscheinen seines ersten Romans: Er findet sich nun vollends im Auge des Sturms wieder und kämpft ums Weiterarbeiten.

In der Zwischenzeit hat es Karl Ove Knausgård auch international zum literarischen Superstar gebracht, der durch die Lande tourt und gefeiert wird. In Norwegen ist 2011 der letzte Band von „Min kamp“ erschienen – Unternehmen beendet. Hierzulande haben seine Fans nach „Träumen“ noch den letzten Teil der Hexalogie vor sich: Zeit, sich von einem imposanten Projekt zu verabschieden und sich langsam darauf vorzubereiten, dass man aus der riesigen Kathedrale von Knausgårds Erinnerungen rausgeschmissen wird. Selbst der Autor steht inzwischen vor verschlossener Tür, wie es scheint: Seit Ende von „Min kamp“ ist noch kein neuer Roman erschienen. Geht Knausgårds Albtraum weiter? ■


Karl Ove Knausgård stellt am 30. September, 20 Uhr, im Wiener Rabenhof-Theater, Rabengasse 3, sein Buch vor. Deutsche Lesung: Christoph Grissemann.

Karl Ove Knausgård

Träumen

Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. 800S., geb., €25,70 (Luchterhand Literaturverlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2015)