Luxuskreuzfahrt. Auf der MS Europa konnten sich Passagiere ihr Fahrziel aussuchen: Im „Europa-Parlament“ wird demokratisch abgestimmt. Eine Fahrt mit dem Nobel-Kreuzfahrtschiff bietet aber auch eine nostalgische Reise in die Vergangenheit.
Als Phaeton jetzt, der Elende, hoch aus dem Äther niederschaut auf die Lande, die tief unten sich streckten, blass nun ward sein Gesicht und ihm zitterten plötzlich die Knie“. Wir sitzen beim „molekularen“ Abendessen im Restaurant Dieter Müller, als Kapitän Mark Behrend über den Lautsprecher Ovids Erzählung von Phaeton vorträgt: Der Sohn des Helios will unbedingt einmal den Sonnenwagen lenken, die Pferde gehen ihm durch, die Erde wird beinahe vernichtet, und Zeus muss das Abenteuer mit einem Blitzstrahl beenden.
Eine Woche schippern wir mit dem Luxusschiff MS Europa durchs Mittelmeer, von Istanbul nach Venedig geht die Reise, wir Journalisten steigen in Santorin aus. Mark Behrend ist ein besonderer Kapitän, nicht gerade leutselig, aber mit seiner Virgin Mary in der Hand das Gegenteil eines mürrischen Seebären. Seine Begeisterung über den Marketing-Gag „Kapitän zum Anfassen“ hält sich aber in Grenzen. „Früher hat der Käptn ,Morn‘ gesagt und wenn wirklich etwas los war ,Morn, Morn‘“, scherzt er. Aber Behrend hat den Wunsch der Leute, Näheres über den Herrn auf der Kommandobrücke zu erfahren, akzeptiert.
„Ein Wrack ist ein Friedhof“
Er holt seine Passagiere ab, auch gewöhnliche Reisende dürfen ihn besuchen, wenn sie sich rechtzeitig anmelden und keine Gefahr im Verzug ist. Und Behrend macht seine Zuhörer und Zuschauer bekannt mit dem, was Seeleute heute so denken. Das Unvorhersehbare, ein Quäntchen Abenteuer begleiten die Seefahrt immer noch, nicht nur, wenn ein Kreuzfahrtschiff einen Defekt hat oder gar untergeht – was extrem selten der Fall ist, bedenkt man, welchen Boom Kreuzfahrten in den vergangenen Jahrzehnten erlebten, auch dank der „Traumschiff“-Serie und des „Titanic“-Blockbusters. „Ist alles richtig so, wurde ja auch nach den Originalereignissen gedreht“, sagt Behrend knapp auf die Frage, ob ihn James Camerons „Titanic“-Film mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio überzeugt habe. Menschliches Eingreifen ist trotz avancierter Technik immer wieder notwendig auf den Riesenschiffen. Auf die Bemerkung, ein Wrack sei doch interessant zum Tauchen, reagiert Behrend „not amused“: „Ein Wrack ist ein Friedhof“, sagt er und erzählt, wie ein Kollege, der seine Mannschaft ein Wrack erkunden ließ, kurze Zeit später mit seinem eigenen Schiff unterging.
Bei der Umfahrung des berüchtigten Kap Hoorn müsse er jedes Mal an die vielen Toten denken, die unten im Ozean lägen. 800 Schiffe sanken hier, 10.000 Menschen starben. In seiner Freizeit liest Behrend die Tagebücher des Norwegers Roald Amundsen, der 1911 um 35 Tage früher den Südpol erreichte als der Brite Robert Falcon Scott, der auf dem Rückweg starb.
„MS Europa, ihre schönste Jacht der Welt“, so wirbt Hapag-Lloyd für Reisen mit dem Luxusschiff, das 1999 zur Jungfernfahrt auslief. 2013 folgte die erste Reise der modern-legereren Europa II. Das Angebot der MS Europa ist auf die ältere Generation zugeschnitten. „Muddi“, nennen sie die Wiederholungstäter denn auch – und in der Tat, das Service ist umwerfend: 180 Mitarbeiter umhätscheln bis zu 400 Passagiere. Die Ausbeutung von Beschäftigten auf Kreuzfahrtschiffen wird häufig kritisiert, am pointiertesten und boshaftesten beschrieb David Foster Wallace (1962–2008) die Absurditäten des Cruising in einem Essay für „Harper's Magazine“, der auch als Buch erschienen ist: „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“.
Auch auf der MS Europa sieht man von früh bis spät die gleichen Gesichter, die Service-Mitarbeiter nehmen sich dennoch Zeit, den Geschichten der Passagiere von ihren Landgängen und anderen Erlebnissen zu lauschen. Die Fusion von Jung und Alt scheint perfekt zu funktionieren. Nur 36 der 204 Suiten haben keine Veranda, das Speisenangebot ist hervorragend und reichlich, man kann zwischen verschiedenen Restaurants und dem Buffet wählen.
Essen statt Schmäh-Essen
Am witzigsten ist der bereits erwähnte deutsche Sternekoch Dieter Müller, der die molekulare Küche, die Böswillige für den neuesten dekadenten Scherz der Kochgeschichte halten, sanft und schmackhaft erdet: Essen statt Schmäh-Essen – Gänseleber gebraten mit geröstetem Curry gewürzt, Granny Smith eingekocht mit Süßwein, Ingwer, Zitronengras und mit altem Balsamico verfeinert. Besonders köstlich ist die Perlhuhnbrust in Asiamarinade mit Wantan-Teig, gefüllt mit geschmorter Thai-Ente, Koriander, Chili, Speck, mit einem Jus mit grünen Kardamom-Kapseln verfeinert.
Prinzipiell ist ja gegen raffinierte Kochkunst nichts einzuwenden. Das Herz des Traditionalisten rühren Lobster-Bisque, Kalbsfilet oder Rehrücken. Es gibt aber auch Vegetarisches und sogar eigene vegetarische Menüs. Schöne Kabinen, gute Speisen, tolles Service gibt es auf vielen Kreuzfahrtschiffen – das Beste an der Europa ist aber die Ruhe, die manische Unterhaltungswut anderer Kreuzfahrt-Anbieter mit Animation, Disco, Spielkasino, Remmidemmi rund um die Uhr gibt's hier nicht. Man kann am Pool Zeitung lesen, ohne bespaßt und beschallt zu werden.
Leider ist das Entertainment-Programm mit Kleinkunst und Travestie eher dürftig – im Vergleich etwa zur Queen Mary, die einen Kinopalast mit neuen Großproduktionen aus Hollywood bespielt und abends Musical, Shows von angelsächsischer Professionalität offeriert. Dafür werden auf der Europa klassische Musik und Bildung großgeschrieben. In der Bar wird nicht geklimpert – ein Konzertpianist musiziert am Bösendorfer und der Solo-Geigerin glaubt man, dass sie bald mit den Berliner Philharmonikern auftreten soll. Nicht belächeln sollte man das von deutschen und auch österreichischen Gästen geschätzte „Heimatgefühl“: Statt mit einem der Offiziere, die auf der Queen Mary mancher älteren Dame den Kopf verdrehen, zu tanzen können die Damen und Herren auf der MS Europa getrennt oder gemeinsam, wie's beliebt, abends noch ein Bierchen schlürfen und wie in der Berliner Kneipe oder im Wirtshaus in Wien die Freuden und Ärgernisse des aktuellen Fußball-Matches kommentieren.
Das sind aber schon die einzigen markanten Geräusche, die nachts übers Meer hallen. Das Besondere dieser Kreuzfahrt war die Wahl der Route. Das „MS-Europa-Parlament“, bestehend aus allen Passagieren, stimmt demokratisch ab, auf welches griechische Inselchen, ob Kroatien, Sizilien oder Montenegro angelaufen wird. Der logististische Aufwand ist beträchtlich, für alle möglichen Destinationen muss im Voraus reserviert – und manche wieder storniert werden, wobei mit Hafenbehörden komplizierter zu verhandeln ist als mit den lokalen Reiseveranstaltern.
Wahl zwischen drei Zielen
Letztlich kann man jeweils zwischen drei Destinationen wählen. Im Frühjahr 2015 entschieden sich die Passagiere für folgende Häfen: Istanbul, Skiathos, Chios, Naxos, Delos, Mykonos, Santorin. Mein Favorit: das landschaftlich sehr schöne Naxos. Hier sollte man sich keinesfalls den skurrilen Palazzo der venezianischen Della Rocca-Barozzi mit grandiosem Blick aufs Meer entgehen lassen. Deren späte Nachfahrin, eine junge Dame, die ich beim Klavierspielen störte, erklärte mir, wie die ehemaligen Bewohner des Hauses durch Bodenklappen und darunter verborgene Gänge, wenn nötig, vor Eindringlingen flüchteten. Die Guides bei den Landausflügen sind exzellent und unterhalten auch Anspruchsvolle. Die schönsten Bilder nimmt der Reisende von der Passage vorbei am Berg Athos mit. Und von der morgendlichen Einfahrt in Santorin. Finanzkrise hin oder her: Griechische Inseln sind um vieles schicker und wohlhabender als vor 20 Jahren. Santorin ist als Heiratsort bei Chinesen sehr beliebt, auf dem Rundgang durch Oia, das berühmte Städchen mit der weißen Kirche und der blauen Kuppel, das man von Reiseprospekten kennt, sieht man so maches Paar ganz in Weiß.
Und wer sind die Gäste?
Das Schöne – und Schwierige – an einer Kreuzfahrt ist: Das eigentliche Erlebnis ist das Schiff, von den Reisezielen nimmt man nur Tapas mit. Man wird nie ganz aus der Obhut entlassen, was in Papua-Neuguinea vielleicht ratsamer ist als im östlichen Mittelmeer. Doch die Route ist spannend, hat ihren Reiz, erlebt der Gast doch hautnah diesen historisch umkämpften Raum, die Grenzen, die Schwellen, die von Europa in andere Welten führen – die sooo anders auch wieder nicht sind, wie sie oft in der politischen Berichterstattung geschildert werden, wenn etwa von den Spannungen zwischen Türken und Griechen die Rede ist.
Und wer sind die Menschen, die sich eine Reise leisten, die zwischen 300 und 500 Euro pro Tag kostet? Viele Passagiere gehören dem gehobenen Mittelstand an, habe Firmen aufgebaut, jahrzehntelang gearbeitet – und gönnen sich jetzt mal was, zumal die Erben ja nicht immer zur Zufriedenheit der Gründer geraten. Die über 80-jährige Dame aus Hessen, die sich abends an die Bar gesellt und bei einem Gläschen ihre Lebensgeschichte erzählt, hat zwei erwachsene Söhne, die die ihnen überschriebene Firma verkauft haben. Eine herbe Enttäuschung für die Witwe, deren Mann vor vier Jahren gestorben ist. Mit ihm war sie öfter auf der MS Europa, nun reist sie zur Erinnerung an ihn auf diesem Schiff. Für eine heitere Stunde sorgt die ehemalige Baupolierin, eine energische Dame, die kein Hehl daraus macht, dass sie sich über einen jüngeren Freund freuen würde und mit der Zigarette in der Hand erzählt, zu Hause sei ihr langweilig, ihre Freundinnen redeten zudem nur von Krankheiten ...
LUXUSKREUZFAHRTEN, WELTREISEN, KREUZFLÜGE
Die nächste Überraschungsreise findet mit der Europa 2 statt, dem modernen Lifestyle-Schiff von Hapag-Lloyd, das vor zwei Jahren auf Jungfernfahrt ging. Die Route: von Istanbul nach Piräus, 14. 5.–24. 5. 2016.
Preise: ab 5161 Euro pro Person inkl. An- und Abreise ab/bis Deutschland, weitere Infos unter www.hl-kreuzfahrten.de/reise-finden/EUX1612
Die Überraschungsreise auf der Europa hat ab 5990 Euro pro Person inkl. An- und Abreise gekostet.
Zwei Reisebeispiele, die noch buchbar sind:
• Mit der MS Europa von Hamburg nach Kiel vom 8. 5. 2016–22. 5. 2016 (14 Tage)
Route: Hamburg – Honfleur – St. Helier – Sark – Portland – Dartmouth – Falmouth – Tresco – Avonmouth (Bristol) – Milford Haven – Cobh – Dover – Kiel. Ab 8430 Euro p. P. (nur noch ab Veranda-Suiten verfügbar)
hl-kreuzfahrten.de/reise-finden
• Mit MS Europa 2 von Colombo nach Singapur, 29. 1. 2016–14. 2. 2016 (16 Tage. Route: Colombo – Hambantota/Sri Lanka – Trincomalee/Sri Lanka – Port Blair/Andamanen – Havelock Island/Andamanen – Rangun/Burma – Phi-Phi-Inseln/Thailand – Porto Malai/Langkawi – Port Keland/Kuala Lumpur – Singapur. Preise: Ab 8620 Euro pro Person inkl. Flüge ab/bis Deutschland
Weitere Infos unter www.hl-kreuzfahrten.de/reise-finden/EUX1603
Weltreisen mit Hapag-Lloyd: Ratsam ist früh zu buchen.
Kreuzflüge mit Hapag-Lloyd: ab 50.000 Euro; hl-kreuzfahrten.de/privatjet
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2015)