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Vortrag: „Jüdischer Irving“ vor Fans

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der umstrittene US-Wissenschaftler Norman Finkelstein sprach – nach Verlegung des Vortragsortes – am Mittwochabend in Wien.

Wien(som). „We love you, Professor Finkelstein“, akklamiert ein Mann in weißem Hemd am Ende des Vortrags voller Begeisterung. Finkelstein versucht zu lächeln. Mit einem derart emotionalen Bekenntnis scheint der stoische Sprecher nicht gerechnet zu haben.

Zum zweiten Mal ist der „jüdische David Irving“ – so würden ihn Gegner nennen, sagt Finkelstein – nach Wien gekommen. 2001, nachdem sein Buch „Die Holocaust-Industrie“ im Piper-Verlag erschienen war, protestierten Aktivisten während seines Vortrags, weil sie Finkelsteins Buch nicht für provokant, sondern für verharmlosend und antisemitisch hielten: Der Princeton-Absolvent wirft jüdischen Institutionen vor, sich mit dem Shoah-Leid quasi nachträglich zu bereichern.

Am Mittwochabend sprach Finkelstein – diesmal ungestört – vor 200 Zuhörern über die israelische Invasion in Gaza. Im Vorfeld hatte der Veranstalter – offiziell: der Peruaner Manuel Arispe (unterstützt von den Frauen in Schwarz und zahlreichen Nahost-Freundschaftsvereinen wie der Österreichisch-Arabischen Gesellschaft) – allerdings ein Raumproblem zu lösen: Die Universität Wien hatte nach einem offenen Brief von „Aktion gegen den Antisemitismus“ und Israelitischer Kultusgemeinde („proisraelische Lobby“ nennt es der Begrüßungsredner) den bereits gebuchten Hörsaal wieder entzogen.

 

Lauter Applaus im Hotel „Modul“

Im Hotel „Modul“ herrscht Jubelstimmung, als der Autor durch die Reihen des Konferenzsaals schreitet, das Podium erklimmt und etwas steif hinter dem Sprecherpult zu stehen kommt. Es ist ein betonter lauter Applaus, er gilt einem Provokateur: einem Juden, der gegen den von ihm selbst so genannten „jüdischen Mainstream“ die Stimme erhebt.

Finkelstein – seine leise, fast gebrochene Stimme steht in sonderbarem Kontrast zu seinem starren Blick – beginnt seine Rede mit Privatem: Er sei Jude, Sohn von polnischen Holocaust-Überlebenden. Nur ein biografischer Ausritt? Wohl kaum. Dass der Jude Finkelstein als „Tabubrecher“ in jüdisch-israelischen Angelegenheiten auftritt, machte ihn in der Vergangenheit (nicht nur, aber auch) bei Rechtsextremen beliebt. Danach steht Israel drei Stunden lang auf der Anklagebank: Für Finkelstein gibt es keine palästinensischen Terrorakte, nur brutale israelische Angreifer; Gaza ist für ihn ein „Massaker“; er zitiert Verurteilungen Israels durch Menschenrechts-NGOs, internationale Kritik am Vorgehen der Palästinenser verschweigt er.

Neues, altes Fazit: Der Judenstaat würde durch Instrumentalisierung der Shoah jegliche Kritik an seiner Politik unterbinden. „Wir sollten den Nazi-Holocaust draußen lassen“, sagt Finkelstein, der das Gegenteil davon tut: Die Bombardierungen von Moscheen im Gazastreifen seien eine „Kristallnacht”; der Krieg ein „systematisches Massaker an Wehrlosen“.

Als nach dem Vortrag ein älterer Herr einige kritische Fragen stellt, ist es mit der Geduld des Publikums schnell vorbei. „Halt den Mund“, heißt es. Wie man als Österreicher die Lage im Nahen Osten kommentieren kann, ohne als Antisemit abgestempelt zu werden, will ein junger Mann wissen. „Du solltest deine Meinung ausdrücken“, rät der Vortragende, er wisse aber: „Es ist nicht einfach.“ Gestern reiste Finkelstein weiter nach Kairo. Kritische Fragen dürften sich auch dort in Grenzen halten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2009)