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Behindertensport: Täglich eine neue Herausforderung

Auf dem Weg nach Rio: Nico Langmann sorgt im Rollstuhltennis für Aufsehen.(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Christian Ort)
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Der Behindertensport ist reich an Geschichten, einige sind dennoch speziell. Von Tennisspielern aus Titan, unverhofften Talenten – und nicht abgeholten Olympiamedaillen.

Zweimal darf der Ball aufspringen, das ist die einzige große Ausnahme zu den bekannten Tennisregeln. Nico Langmann ist Rollstuhltennisspieler und mit seinen 18 Jahren die heimische Zukunftshoffnung in einer der größten Behindertensportarten weltweit. Der Wiener will nach Rio, dort finden in 346 Tagen die Paralympischen Spiele statt. Voraussetzung: am Stichtag, dem 23. Mai 2016, ein Platz unter den besten 40 der Welt.

Mit heutigem Stand wäre das Rio-Ticket gelöst, Langmann liegt auf Platz 38 der Weltrangliste. Ein weiterer Vorstoß ist wahrscheinlich, denn nach geschaffter Matura hat der Juniorenweltmeister nun „viel Zeit fürs Training“. Drei bis vier Stunden täglich verbringt er auf dem Tennisplatz, dann wartet die Kraftkammer. Der Aufwand rechnet sich, vier internationale Turniersiege hat er heuer schon gefeiert. Der Weg zu den Paralympics ist also eingeschlagen – sollte nicht wieder etwas passieren.

„Eigentlich hatte ich Rio schon abgeschrieben“, erzählt Langmann. Im Februar prallte er beim Skifahren auf einen Felsen, Diagnose: Schädelbasisbruch. Einen Monat verbrachte er im Krankenhaus − „mein Gesicht besteht seither im Großen und Ganzen aus Titan“, sagt Langmann, „eine Runderneuerung sozusagen.“ Pausieren war angesagt, das Risiko, von einem Tennisball am Kopf getroffen zu werden, zu groß. Den ärztlichen Rat hat er nicht ganz wörtlich genommen, ein paar Wochen später spielte er mit einem Eishockeyhelm auf dem Tennisplatz. Erinnerungen an Thomas Muster und dessen Trainingseinheiten mit eingegipstem Bein werden da wach.

„Schupfer“ sterben aus. In der Südstadt hat Langmann einen Einblick gegeben, welches Tempo im Rollstuhltennis vorherrscht. Unter dem Motto „One Year to go“ präsentierten die heimischen Paralympics-Hoffnungen ihre Sportarten, Mitmachen erwünscht. Langmann schlug ein paar lockere Bälle, dann aus dem Nichts einen Topspin-Angriffsball, gefolgt von einer Netzattacke. Der satt getroffene Smash markierte den Punktgewinn, das Publikum staunte.

Langmann pflegt einen offensiven Spielstil. Das sei heutzutage notwendig, Rollstuhltennis habe sich weiterentwickelt. „Die sogenannten Schupfer, die auf den Fehler des Gegners warten, werden immer weniger. Du musst den Punktgewinn suchen, die Unbeweglichkeit des Gegners mit Winkeln ausnutzen“, erklärt Langmann die Taktik. Doch auch wenn die Schlagtechnik bereits beherrscht wird, muss sie erst mit der Fahrtechnik unter einen Hut gebracht werden – wie auch Clemens Trimmel festgestellt hat. Der Ex-Davis-Cup-Kapitän, als Aktiver immerhin unter den besten 150 Spielern der Welt, war „sehr beeindruckt“ und „sehr überfordert“. Auch die Fitness ist im Rollstuhltennis ein wichtiger Faktor geworden. Den mit elf Kilogramm verhältnismäßig leichten Spezialrollstuhl gilt es auch noch im entscheidenden dritten Satz zu kontrollieren.

Außer den Paralympics gibt es im Rollstuhltennis mit den Grand-Slam-Turnieren weitere Highlights. Zeitgleich mit Federer, Nadal und Co. kämpfen die acht besten Rollstuhltennisspieler um die vier Major-Titel. „Dort dabei zu sein, ist mein großes Karriereziel“, sagt Langmann.
Das Tennisfieber hat auch einen der erfolgreichsten Sportler Österreichs gepackt. Vor drei Jahren griff Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler, 39, noch „wegen der guten Abwechslung“ zum Schläger. Inzwischen ist er Staatsmeister in der „Quad“-Klasse (eingeschränkte Armbewegung) und hat, auch zu seiner eigenen Überraschung, ein Future-Turnier in Zagreb gewonnen.

Dennoch ordnet der Salzburger alles dem Projekt Rio unter. „Ich habe den Tunnelblick. Trainieren und schlafen – viel mehr gibt es im Moment nicht“, sagt Geierspichler. Weil seine Paradedisziplin Marathon (Gold in Peking 2008) aus dem paralympischen Programm gestrichen wurde, geht er in Rio über 400 und 1500 Meter an den Start. Die Vorbereitung kann Geierspichler „richtig genießen“, es werden seine letzten Spiele als Leichtathlet sein, danach ruft die Tenniskarriere.

Obwohl Geierspichler nur zweimal in der Woche Zeit zum Tennisspielen findet, ist er bereits die Nummer 73 der Weltrangliste. „Offensichtlich hab ich ein Handerl dafür. Ich will wissen, was passiert, wenn ich jeden Tag spiele“, erklärt er seine Motivation.

Den Biss verloren. Thomas Frühwirth, 34, müsste sich seine Olympiamedaille eigentlich nur abholen. Der Triathlet ist mehrfacher Weltmeister, hat Ironman-Weltrekorde pulverisiert und könnte als Topfavorit in Rio sogar Geschichte schreiben, wenn dort zum ersten Mal bei den Paralympics ein Triathlonbewerb ausgetragen wird. Doch Frühwirth wählte einen härteren Weg. „Früher hab ich mir die Frage gestellt: Schaffe ich das? Jetzt mache seit zehn Jahren Triathlon, der Biss ist etwas verloren gegangen“, erklärt der Steirer. „Ich suche immer die Herausforderung, das ist meine Motivation.“

Deshalb will Frühwirth in Rio mit dem Handbike im hart umkämpften Paracycling starten. „Es macht unglaublich Spaß, sich auf diesem Niveau zu messen.“ Seine beiden WM-Bronzemedaillen zeigen, dass Frühwirth der Wechsel gelungen ist. „Wir sehen uns in Rio“, ruft ihm Handbike-Olympiasieger Walter Ablinger zu. Bil Marinkovic, ebenfalls Goldmedaillengewinner, bittet nämlich zum Speerwurf. Aber so, wie er ihn ausführt – für alle anderen heißt das: Augen verbinden.

Steckbrief

Nico Langmann 18 Jahre, Rollstuhltennis. Nummer 38 der Weltrangliste. Seit einem Autounfall vor 16 Jahren querschnittgelähmt.

Thomas Geierspichler 39 Jahre, Rennrollstuhlfahrer. Neun Olympiamedaillen (davon zwei Gold).

Thomas Frühwirth 34 Jahre, Handbike, Ironman-Weltmeister und Weltrekordler.

Walter Ablinger 46 Jahre, Handbike. Gold und Silber, London 2012.

Bil Marinkovic 42 Jahre, Speerwurf. Gold Athen 2004.

 

Paralympics

Rio 2016: Die 15. Paralympics finden vom siebten bis 18. September 2016 in Rio de Janeiro statt. Erwartet werden 4350 Sportler aus 176 Nationen, die in 22 Sportarten bei 528 Entscheidungen um Medaillen kämpfen.

In London 2012 eroberten die 32 österreichischen Athleten 13 Medaillen (viermal Gold, dreimal Silber, sechsmal Bronze) und belegten Platz 30 im Medaillenspiegel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2015)