Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Christen im Nahen Osten brauchen unsere Solidarität

Die Verfolgung der Christen in Syrien und im Irak wird zum Genozid. Das christliche Europa muss endlich Schutzmacht werden und Christen zu Hilfe kommen.

Es ist fraglich, ob Christen im Nahen Osten überhaupt eine Überlebenschance haben.“ Diese Befürchtung äußerte Éric Lecomte, Direktor des christlichen Hilfswerks Open Doors, kürzlich anlässlich einer Tagung in Wien. Christen sind heute tatsächlich die am meisten verfolgte religiöse Gruppe, ihre Zahl ist so hoch wie nie zuvor, nämlich 100 Millionen weltweit. Brennpunkt ist derzeit das vom IS terrorisierte Gebiet in Syrien und dem Irak, in dem Christen systematisch abgeschlachtet werden. Aber auch außerhalb des Kriegsgebiets werden sie zum Teil massiv unterdrückt und verfolgt: Im Iran ist die Ausübung des christlichen Glaubens verboten, es kommt häufig zu Razzien und Verhaftungen.

In der Region des Nahen Ostens werden immer wieder Kirchen überfallen, zerstört und Christen ermordet oder angefeindet. Auch in der Türkei, die unter dem aktuellen Präsidenten zunehmend islamistischer wird, werden Christen gezielt diskriminiert und unterdrückt.

Aber selbst in Anbetracht der Gräueltaten des IS kann sich Europa – bis auf wenige Ausnahmen – nicht dazu aufraffen, als Schutzmacht der Christen aufzutreten. Viele christliche Politiker weichen vor dem medialen Mainstream zurück und meiden jede offene Parteinahme für die verfolgten Christen. Sie haben ihre Lektion gelernt, denn immer, wenn ein Politiker öffentlich für die vorrangige Aufnahme von christlichen Flüchtlingen plädierte, folgte ein medialer Aufschrei. Man könne doch nicht die Muslime diskriminieren! So passierte es Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, so geht es dem slowakischen Premier, den Polen und erst recht Ungarns Viktor Orbán.

Es geht bei dieser Frage jedoch nicht nur darum, welche Flüchtlinge sich in Europa besser integrieren können. Zweifellos wird das jenen mit ähnlichen Werthaltungen besser gelingen. Wer aber erfüllt in höherem Maß die Richtlinien des Asylrechts als die Christen im Nahen Osten? Sie sind nicht nur vom Krieg bedroht, sondern zusätzlich aus religiösen Gründen Verfolgte, denen radikale Muslime das Lebensrecht absprechen! Und wer sollte sie sonst schützen oder aufnehmen als das (noch) vom Christentum geprägte Europa?

Daher sollten die Bischöfe in unserem Land fordern, den Christen unter den Flüchtlingen vorrangig Asyl zu gewähren. Sie wagen es oft nicht, sich öffentlich für ihre Glaubensbrüder einzusetzen, um dem Gegenwind des Mainstreams und der „politischen Korrektheit“ zu entgehen. Wiens Weihbischof, Stephan Turnovszky, sieht die islamischen Flüchtlinge gar als „Chance“, Vorurteile der Muslime gegenüber den Christen abzulegen, wenn wir diesen freundlich begegnen. Das kann im Einzelfall durchaus sein, ist aber eine recht fromme Hoffnung.

Die Erfahrungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass dies nur teilweise gelingt. Viele haben sich eingelebt, machen ihren Weg und leben friedlich mit – oder vielmehr neben – der nicht muslimischen Mehrheitsbevölkerung. Es hat sich aber auch eine Parallelgesellschaft gebildet, und es darf nicht übersehen werden, dass sich viele junge Muslime der zweiten und dritten Generation in Europa immer mehr radikalisieren. Es ist nicht erkennbar, dass sich grundlegende Unterschiede bei den Werten, etwa der Stellung der Frau, unter dem europäischen Einfluss gewandelt hätten. Diese Divergenzen und Probleme werden nach wie vor negiert.

Die Aufforderung von Papst Franziskus zur Barmherzigkeit darf nicht als Einladung zur Masseneinwanderung missverstanden werden. Erzbischof Silvano Maria Tomasi, der Vertreter des Vatikan bei der UNO, meinte kürzlich, dass die Aufnahme von Menschen in Not zwar christliche Pflicht sei. Europa habe aber ein Recht darauf, die eigene christliche Identität zu erhalten. Die muslimischen Flüchtlinge müssten die Grundwerte, etwa Pluralismus und Trennung von Staat und Religion, akzeptieren. Er kritisierte auch die Gleichgültigkeit Europas im Hinblick auf die Christenverfolgung.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2015)