Empathie beruht auf einer Simulation – die sich im Gehirn orten und auch medikamentös unterdrücken lässt. Das konnte ein internationales Team unter Beteiligung von Wiener Forschern zeigen.
Placebos – Pillen, von denen der Patient nur glaubt, dass sie wirken – funktionieren auch gut als Schmerzmittel, man nennt das Placebo-Analgesie. Am besten funktionieren sie, wenn man den Patienten erklärt, dass das (fiktive) Mittel effektiv und teuer ist. Das erklärten auch Psychologen um Claus Lamm (Uni Wien) ihren Probanden. Mit dem gewünschten Effekt: Diese empfanden laut eigener Aussage schmerzhafte Reize – hervorgerufen durch elektrischen Strom auf dem Handrücken – als weniger schmerzhaft als nicht mit Placebo behandelte Personen. Die Schmerzreduktion war auch im Hirn zu sehen, durch verringerte Aktivität in den Zentren, in denen Schmerz bewertet wird.
Das ist noch nicht so erstaunlich. Wirklich erstaunlich ist, dass das Placebo auch das Mitgefühl herabsetzte, das die Probanden erlebten, wenn sie sahen, dass andere Menschen offensichtlich Schmerzen ausgesetzt wurden. Und auch diese Reduktion war durch verringerte Aktivität in den einschlägigen Hirnzentren quasi objektivierbar.
Dämpfung des (Mit-)Leidens
Es gibt bekanntlich auch „echte“ Medikamente, die den Schmerz dämpfen. Besonders wirksam sind Opiate, allgemeiner Opioide. Sie greifen an denselben Rezeptoren im Gehirn an wie körpereigene Opioide. Substanzen, die diese Rezeptoren blockieren, stören die Wirkung der Opioide, sie werden auch zur Entwöhnung von Süchtigen eingesetzt. Ein solcher Stoff ist Naltrexon. Mit ihm gelang es den Psychologen um Lamm, nicht nur die Placebo-Analgesie auszuschalten, sondern auch die Herabsetzung des Mitgefühls durch das Placebo. „Das legt nahe, dass ein Schmerzmittel, das wir nehmen, um unsere eigenen Schmerzen zu verringern, den unerwünschten Nebeneffekt haben könnte, auch unsere Reaktion auf das Leiden von Mitmenschen zu dämpfen“, schreiben die Forscher in Pnas (28.9.). Die Experimente sprechen dafür, dass „Empathie für Schmerz in eigenem Schmerz begründet“ sei, formulieren sie schon im Titel. Das sei mit ein Grund dafür, „dass uns die Gefühle anderer Personen so nahegehen“, sagt Lamm, „weil wir sie eben nicht nur sinnbildlich so ,nachempfinden‘, als ob wir sie gerade selbst erlebten“.
Das hätte Arthur Schopenhauer, der die Wurzel aller Moral im Mitleid sah, gut gefallen. Und es passt zu Erkenntnissen über besonders starke Altruisten: Sie spüren die Angst ihrer Mitmenschen mehr als andere, auch das lässt sich im Hirn messen. Psychopathen empfinden dagegen meist eigene Ängste und Schmerzen genauso schwächer wie die anderer Menschen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2015)