Neulich habe ich eine Sendung über Prokrastination im Radio gehört.
Prokrastination ist heute als psychische Störung anerkannt. Es gibt die typenbezogene und die situative Prokrastination, hat eine junge Wissenschaftlerin erklärt. Situativ wäre etwa, dass Sie meine Kolumne lesen, obwohl Sie – wie ich – endlich die Steuererklärung für 2014 fertig machen sollten. Oder dass Sie nicht und nicht mit Ihrem Studium fertig werden. Früher hätte man Bummelstudentin zu Ihnen gesagt. Heute weiß man, dass Sie Ihr Wirtschaftsstudium nur nicht abschließen können, weil Ihre Eltern gesagt haben, zum Theater gehen „wir“ nicht. Oder weil Sie Angst haben, dass Sie dann bei einem multinationalen Konzern Direktiven aus Übersee umsetzen müssen. ICH verstehe Sie ja, aber erklären Sie das einmal der Studiengebührenstelle. „Verschieberitis“, hat die Wissenschaftlerin im Radio gesagt, hatten wahrscheinlich schon die alten Römer. Sicher hätten sie Gallien schon viel früher erobert, wenn Cäsar nicht dauernd den Aufbruch aus seinem „hiberna“ verschoben hätte. Auf jeden Fall hätte ich die Lateinmatura nicht wiederholen müssen, wenn ich nicht das Studium von „De bello Gallico“ dauernd verschoben hätte. In der Radiosendung wurden Tipps gegeben, wie man die Verschieberitis bekämpfen könnte. Allerdings muss ich sagen: Mir haben die Tipps nicht viel geholfen. Das kann auch daran liegen, dass ich das Nachhören des zweiten Sendungsteils verschoben habe. Da habe ich mir nämlich gedacht, bevor ich mir Wege aus der Verschieberitis anhöre, schreibe ich lieber eine Kolumne darüber. Dafür weiß ich jetzt nicht so recht, was ich gegen die Steuererklärungs-Verschieberitis machen soll.