Segeln: Was in der Formel 1 undenkbar wäre

(c) Gepa (Marie Rambauske)
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Zwischen Traunstein und Schloss Orth versammelt die RC44-Klasse die aktuell besten Segler. Gleiches Material, gleiche Bedingungen für alle, nur Taktik und seglerisches Können sollen über den Sieg entscheiden.

Gmunden. In der Formel 1 wäre so etwas nicht vorstellbar: Gleiches Material, gleiche Bedingungen für alle, nur Taktik und seglerisches Können sollen über den Sieg entscheiden. Der Segelsport hingegen lebt von Einheitsklassen. Und dass sich die Besten der Szene wie Dean Barker, James Spithill, Karol Jablonski oder Cameron Appleton – allesamt America's-Cup-erfahren – ausgerechnet um Plätze auf den neun Booten in der RC44-Serie reißen, spricht für die Klasse. Sie ist, abgesehen vom America's Cup, so etwas wie die Champions League auf dem Wasser.

Wobei (vergleiche den Budgetstreit in der Formel 1) auch beim Segeln das Geld keine unerhebliche Rolle spielt: Das neue Team Austria, das René Mangold im Herbst auf die Beine gestellt hat, muss mit rund 250.000 Euro Jahresbudget auskommen, die Spitzenteams können auf mehr als das Doppelte zugreifen. Das bedeutet mehr Trainingstage und die Möglichkeit, ausländische Spitzensegler zu verpflichten. Steuermann Mangold und sein Taktiker Christian Binder setzen auf eine Crew aus beinahe allen österreichischen Topseglern, die nicht gerade in olympischen Kampagnen stecken.

Dem Wind davonsegeln

Knapp 14 Meter (44 Fuß) sind die Boote lang, 2,75 Meter breit und bei 2,90 Meter Tiefgang können sie in Summe mit 300 Quadratmetern Segelfläche ausgerüstet werden. Genau dieser Mix macht sie zu echten Raketen, die, dank ihrer ausgeklügelten Konstruktion, schneller segeln können, als der Wind sie antreibt. Weil die Boote noch dazu extrem feinfühlig und wendig sind, ist für sie das Setting zwischen Traunstein und Schloss Orth optimal. Von Gmundens Esplanade aus sind die Rennen gut zu verfolgen – bis Sonntag noch.

Dass eine Jacht unter österreichischer Flagge mitfährt, hängt eng mit einem „Wunsch“ der Klassenverantwortlichen zusammen: Sie wollten wie an den anderen fünf Stationen der RC44-Serie ein „local team“ am Start sehen. Für die Region, die sich gegen Marseille, Barcelona und Kopenhagen durchgesetzt hat, sollte sich das auszahlen: Veranstalter Christian Feichtinger rechnet mit zusätzlichen 8000 Nächtigungen.

Sportlich aber hat das Team Austria noch Aufholbedarf, besonders im Matchrace, in dem zwei Boote im direkten Duell gegeneinander segeln. „In Neuseeland trainieren bereits die Kinder das Matchrace, bei uns gibt es keine Tradition“, sagt René Mangold, der im Fleetrace (alle Boote fahren gleichzeitig) Achtungserfolge erhofft. Wenngleich mit echtem Heimvorteil nicht zu rechnen ist: „In zwei Tagen haben auch die anderen Burschen den Dreh raus“, sagt Binder.

Dass auch Rockstars, wie die Spitzensegler genannt werden, mitunter Fehler unterlaufen, zeigte sich im Training am Traunsee. Die im Matchrace überragende Mannschaft von Team Aqua um den neuseeländischen Steuermann Cameron Appleton hatte sich mit einer Shark, einem rund halb so großen Boot angelegt: Der Gennaker, das große bauchige Vorsegel, verfing sich dabei im Mast der Shark und riss durch – für die unter der Flagge Dubais fahrende Jacht bloß ein Kollateralschaden. Selbst einem dreifachen America's-Cup-Teilnehmer kann so ein missglücktes Manöver passieren.

Gipskorsett statt Gmunden-Ausflug

Apropos America's Cup: Für Erleichterung unter Seglern sorgte der Spruch der New Yorker Richterin Shirley Kornreich vor wenigen Tagen im Streit von Cup-Sieger Alinghi mit BMW Oracle, dass die 33. Auflage im Februar 2010 gesegelt werden muss. Vieles spricht für den Austragungsort Valencia, entschieden ist aber noch nichts. Russell Coutts, siebenfacher Weltmeister, dreifacher America's-Cup-Sieger, Olympiasieger und RC44- Entwickler, jedenfalls pendelte dieser Tage zwischen Gmunden und Valencia. Er hat viel zu tun, denn er muss momentan den Eigner des BMW-Oracle-Boots in der RC44-Klasse vertreten: Der US-Multimilliardär Larry Ellison soll sich bei einem Abflug im Flugsimulator mindestens zwei Rippen gebrochen haben. Das jedenfalls war die offizielle Begründung, warum er – im Gegensatz zum Vorjahr – heuer nicht in Gmunden dabei war.

AUF EINEN BLICK

Die RC44-Tour, bestehend aus sechs Stationen (Finale in Dubai), gastiert bis Sonntag in Gmunden. Zahlreiche America's-Cup-Segler matchen sich mit einheitlichem Material in der derzeit attraktivsten Klasse.

www.traunseewoche.atwww.rc44.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2009)

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