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Apulien: Tanzen wie von der Tarantel gestochen

Bella Italia essenziale: Badebucht Im Örtchen Polignano.
Bella Italia essenziale: Badebucht Im Örtchen Polignano.(c) Stephan Brünjes
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Der Stiefelabsatz liebt seine lokale Tanzmusik, die Pizzica, Zu Takten, mit denen man früher Spinnenbisse kurierte, tanzen Tausende in Orten, die Bella Italia pur sind.

Am treibenden Tamburin sei sie zu erkennen, die Pizzica-Musik. Sie klänge wie ein eigentümlicher Mix aus Polka, Punk und irischem Folk, heißt es. Und dass bei einer Reise durch Apulien, Italiens Stiefelregion, einfach nur die Ohren aufsperren müsse, wer die Pizzica in den Straßen hören und den dazu tanzenden Menschen dabei zuschauen wolle, wie sie sich mit immer schneller werdendem Rhythmus in Ekstase treiben. Doch nichts davon gibt's in Polignano a Mare, eine Autostunde südlich von Bari. Polignano, ein in warmen Beige-Tönen leuchtendes, auf einen Felsen montiertes Postkartenmotiv-Städtchen kennt nur eine Melodie: „Vooolaaaare – ohohohooo!“ Der Welthit von 1958 plärrt via Radio aus Küchenfenstern, Kellner auf Gästefang pfeifen ihn über die von Kirche und Café eingerahmte Piazza. Auf der Uferpromenade trällern viele sogar mehr als nur den Refrain des Gassenhauers. Kein Wunder, denn Domenico Modugno, der schnauzbärtige Sänger dieser Hymne vom azurblauen Himmel ist 1928 in Polignano geboren und steht hier als riesige Kupferstatue – ein beliebtes Fotomotiv.

„Si, si, musse gugge!“

Die Foto-Sessions der Besucher werden amüsiert beobachtet von Cosimo, Giuseppe und Bartolo, drei Rentnern auf einer Bank. „Gute Abend, gnaadige Frrrauu“ ruft Cosimo, als er deutsche Wortfetzen aufschnappt und erzählt von seiner Zeit als Bäcker in Stuttgart, damals vor 40 Jahren. Unbedingt ins Meer springen sollen wir, rät er, immerhin habe Polignano den schönsten Innenstadtstrand Italiens, sagt Cosimo augenzwinkernd – „si si, musse gugge, da drübbe.“
Und wirklich: Sichelförmig umschlungen von porösem hellen Tuff direkt unterhalb der Altstadt geht ein weißer Kieselstrand sanft über in klares, smaragdgrünes Wasser. Der erste von vielen „Dass es sowas noch gibt“-Orten dieser Reise. Die sind in Apulien nicht etwa wieder herausgeputzt, sondern nie verhunzt worden. Denn Italiens südlichste Region ist kein Einmarschgebiet für Pauschaltouristen-Armeen.
Landeinwärts geht die Reise weiter Richtung Süden durch einen Fleckerlteppich aus grünen Weinstöcken und Olivenbaumhainen sowie rostroten Äckern und kilometerlangen Feldsteinmauern. Einzig die Straßenlaternen scheinen diese liebliche Hügellandschaft während der vergangenen 500 Jahre hier und da leicht modernisiert zu haben.

Okkulte Tanztherapie

Doch wo bitte ist nun erstmals dieser fetzige Pizzica-Sound zu hören? Angeblich entstand er im Mittelalter, um Frauen zu heilen, die bei der Feldarbeit von der – wie wir heute wissen – völlig ungefährlichen Wolfsspinne Tarantula gebissen wurden. Antonia im Zeitungsladen nebenan schickt uns zur Kirche San Paolo. Was die mit okkulter Anti-Tarantula-Tanztherapie zu tun hat? Eine Menge, erzählt Antonia. Die angeblich von Spinnen gebissenen sogenannten Tarantati seien, so die Überlieferung, von schwerer Melancholie befallen worden. Ihre Familien riefen die Dorfkapelle ins Haus, damit sie die lethargischen Bissopfer per Pizzica wieder auf Touren brachten.
Dass sie wirklich bis zum Umfallen getanzt haben, das beweisen Fotos ohnmächtiger Frauen aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Einige davon sind in der Kirche Sao Paolo aufgenommen, denn um als Tarantata wirklich geheilt zu sein, war eine Wallfahrt hierher nötig, am 29. Juni, dem Tag des heiligen Paulus. Vor gut 40 Jahren wurde die Pizzica-Musik wiederentdeckt und vibriert den gesamten August über in Italiens Stiefelabsatz während der Notte della Taranta, einem Pizzica-Festival, das jeden Abend in einem anderen Ort gastiert. „Unbedingt erleben“, empfiehlt Antonia, „aber vorher noch unsere Panoramastraße überm Meer abfahren, danach wollen Sie nie wieder an die Amalfiküste!“
Warum wir diese Tour allerdings in Gallipoli beginnen sollen, bleibt ihr Geheimnis. Der 08/15-Hafen, die wenig einladenden Altstadtgassen, vis-à-vis ein deplatzierter grauer Glaspalast à la Versicherungszentrale – wir sind schon auf dem Sprung zurück zum Auto, da kommt Raffaele dazwischen. Mit sonnengegerbtem Gesicht und weitgehend zahnlosem Mund könnte er der Opa von Popeye sein, flickt vorm Haus Netze und bastelt Reusen für den Hummerfang. Dabei sollten wir ihm doch ein wenig helfen, meint er. Gesagt, getan – ein großer Spaß für die nächsten Minuten, mit einer Lektion Heimatgeschichte gratis: Gut die Hälfte des italienischen Olivenöls komme aus Apulien, von geschätzt 60 Millionen Bäumen, erzählt Rafaele. Im 17. und 18. Jahrhundert sei es von Gallipoli überall nach Europa verschifft worden. Pro Tag liefen 30 schwer mit Ölfässern beladene Tanker aus, um Straßenlaternen brennen zu lassen. Sie leuchteten mit Apuliens Oliven-Sprit.
Nun aber Richtung Tarantelfest die Küstenstraße entlang. Sie besteht den Amalfi-Vergleich sofort: Die versteckte, grottenartige Bucht südlich von Marina Castro, in frischer Brise wogende Blumenwiesen mit windschiefen Bäumen, das einst mondäne, orientalisch angehauchte, leicht verwitterte Kurbad San Cesarea Terme – überall ist man froh, dass es Digitalkameras gibt und keine 36er-Filme mehr. Otranto schließlich, diese luftige, helle Festungsstadt mit netten, kleinen Läden hält in der Kathedrale Santa Maria Annunziata zwei Überraschungen bereit: ein 800 Quadratmeter großes, das ganze Kirchenschiff bedeckendes Fußbodenmosaik aus dem zwölften Jahrhundert mit Szenen aus Altem Testament und antiken Fabelwesen.
Noch beeindruckt davon folgt der Schock in der Seitenkapelle: Sieben meterhohe Glasvitrinen randvoll mit Schädeln und Knochen – angeblich sterbliche Überreste des Massakers von 1480. Damals ließ der türkische Eroberer Ahmed Pascha 800 Einwohner töten, weil sie nicht zum Islam übertreten wollten.
An der Ausfallstraße dann erste Plakate der „Notte della Taranta“. Sie gastiert heute in einem nahegelegenen Nest namens Corigliano d'Otranto. Leuchtende Tarantula-Embleme prägen die Bühne. Darauf zaubern regionale Bands mit Violinen, Gitarren und Akkordeon einen Hochgeschwindigkeits-Folk, der im Publikum kein Bein ruhig auf dem Boden lässt.
Insbesondere die Frauen wirbeln dazu ihre weißen Röcke herum, reißen ihre Umgebung mit und bilden größer werdende Tanznester in der dichten Zuschauermenge. Und nun ist es weder zu überhören, noch zu übersehen – das Tamburin. Nicht nur auf der Bühne, auch im Publikum schwingt jeder Zweite eines in der Hand und treibt ihn mit an, den pulsierenden Pizzica-Rhythmus dieser Tarantula-Nacht.

BELLA ITALIA ESSENZIALE DEN STIEFELABSATZ ENTLANG

Anreise: Kommenden Sommer fliegt auch Austrian nach Bari. Ein kleiner Mietwagen für zwei Wochen kostet ca. 300 € ohne Benzin. www.austrian.com

Übernachten: Ein gut gelegener und sehr schöner Standort für Ausflüge in Apulien ist z. B. das Borgo Bianco Resort & Spa etwas außerhalb von Polignano a Mare. Die ganz in Weiß gehaltene Anlage mit 48 Zimmern ist einer mittelalterlichen Masseria nachempfunden, einem befestigten Landgut, dessen Türme und Mauern vor einfallenden Piraten, Räuberbanden und Invasoren schützen sollten. DZ/F ab 150 €, +39/0808/87 01 11, borgobianco.it. Weiter südlich in Otranto ist der Palazzo de Mori empfehlenswert, ein Bed & Breakfast oberhalb des Hafens mit wunderbarer Frühstücksterrasse und freundlichem Service. DZ 80–100 €, +39/0836/80 10 88,
www.palazzodemori.it.

Essen und Trinken: In Polignano a Mare unbedingt das Eis bei Gusto Caruso probieren: Birne mit Zimt, Opas alter Kaffee oder Mandelcreme mit Himbeere sind nur drei von unzähligen raffinierten Sorten. Via Martiri di dogali, 3, gegenüber der Altstadt, www.gustocaruso.it

Ebenfalls in Polignano a Mare: das Ristorante Grotta Palazzese im gleichnamigen Vier-Sterne-Hotel. Mit Blick aufs azurblaue Meer tafelt man hier in einer offenen Grotte. Via Narciso, 59. +39/080/424 06 77, www.grottapalazzese.it

In Otranto zugleich als Bar und Restaurant zu empfehlen: Giro di Boa, mit traumhaftem Blick auf den Hafen und Tischen auf der Promenade. Via Padre Scupoli, 37, +39/0836/801292

Attraktionen: „La Notte del Taranta“ findet nächstes Jahr am vorletzten oder am letzten Samstag, am 20. oder 27. 8., statt – das Datum steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest. www.lanottedellataranta.it

Das hoffentlich wieder öffnende Casa Museo del Tarantismo findet man in Galatina, Corso Porta Luce 2. Kontakt nur per Tel.: +39/0380/531 08 14.


Infos: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, enit.it.
DuMont Reisetaschenbuch Apulien, 16.90 €


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2015)