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Russland: Wenn Leben zum Überleben wird

A beggar stands in an underground walkway in Moscow
15 Jahre lang ging es mit dem Wohlstand bergauf. Nun hat sich in Russland das Blatt gewendet.REUTERS
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Zum ersten Mal seit 15 Jahren sinken in Russland die Realeinkommen. Ein Volk, das für Konsumfreude bekannt ist, muss sparen. Millionen neuer Armer sollen Essenskarten erhalten.

Moskau. Wer das Moskau des fortgeschrittenen Jahres 2015 besucht und auch einen Begriff davon hat, was sich hier noch vor zwei Jahren abgespielt hat, dem springt vor allem eines ins Auge: Die legendären stundenlangen Staus sind aus dem Straßenbild großteils verschwunden. Das liegt nicht an den neuen Radwegen, die entlang der mitunter sechsspurigen Chausseen entstanden sind, und vom einen oder anderen Stadtbewohner allmählich auch genutzt werden. Das geringere Verkehrsaufkommen hat handfeste wirtschaftliche Gründe: Im Land herrscht tiefe Rezession.

In den ersten acht Monaten dieses Jahres ist das Bruttoinlandsprodukt um 3,9 Prozent eingebrochen, teilte kürzlich Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew mit. Die Zentralbank prognostiziert für das Gesamtjahr minus 3,9–4,4 Prozent. Das Fatale: Russland muss sich – vor allem aufgrund des zumindest mittelfristig niedrig bleibenden Ölpreises, aber auch aufgrund der westlichen Sanktionen – auf eine lange Durststrecke einstellen. Um es mit den Worten von Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina zu sagen: Die Anpassung an die neuen Bedingungen braucht Zeit.

Die Bevölkerung, die aus historischer Erfahrung immer mit dem Schlimmsten rechnet, nimmt ihre Anpassungen längst vor. Nicht nur das erwähnte Mobilitätsverhalten haben die Leute grundlegend verändert. Auch beim Konsumverhalten ist längst sichtbar, dass andere Zeiten angebrochen sind.

 

Pessimismus löst Euphorie ab

Das liegt zum Teil an der verflogenen Euphorie über die Annexion der Krim und der zurückgekehrten Ungewissheit hinsichtlich der Zukunft – laut Meinungsforschungsinstitut VCIOM glauben 40 Prozent, das Schlimmste stehe noch bevor, während nur 21 Prozent denken, man habe es schon hinter sich. Zu einem Großteil liegt es aber an der Tatsache, dass sich die Krise längst in der Geldbörse bemerkbar macht. Zum ersten Mal seit 1999 nämlich sind die real verfügbaren Einkommen im Vorjahr zurückgegangen. Das Phänomen hat sich seither verstärkt. In den ersten acht Monaten 2015 lagen sie um 3,1 Prozent unter dem Vorjahr. Zwar steigt die Arbeitslosigkeit – wegen des demografischen Knicks der geburtenschwachen 1990er-Jahre und der abgereisten Gastarbeiter – kaum an. Aber die Vollbeschäftigung geht zurück. Und die Inflation frisst die Kaufkraft.

Die einst für ihren üppigen Konsum berühmten Russen sind plötzlich gezwungen zu sparen. Das sieht man etwa an den – rubelpreisbedingt – stark eingebrochenen Auslandsreisen. Und das spürt vor allem der Handel, weshalb manche Handelskette die Expansionspläne in Russland fürs Erste einmal zurückgefahren hat.

Das Sparen beschränkt sich nicht auf Kleidung oder Küchengeräte. Es hat auch den Lebensmittelbereich erfasst. Ganze 69 Prozent gaben jüngst in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Levada-Centre an, in den vergangenen zwei bis drei Monaten billigere Lebensmittel und nur höchst notwendige Dinge gekauft zu haben.

 

Schwindender Spielraum

Das zeugt immerhin noch von Spielraum beim Verzicht. Doch die Zahl derer, die diesen Spielraum nicht mehr haben, steigt rapide. Allein im ersten Halbjahr 2015 sind weitere 2,8 Millionen Russen unter die Armutsgrenze gerutscht, so die Daten des staatlichen Statistikamtes Rosstat: Das bedeutet einen Zuwachs um zwei Prozentpunkte auf 15,1 Prozent der Bevölkerung. Demnach leben 21,7 Millionen Russen, sprich jeder siebente, unter der Armutsgrenze. Tendenz weiter steigend, so die Weltbank. Dies, obwohl das offizielle Existenzminimum in einem Jahr um ein Fünftel auf 10.017 Rubel (136 Euro) angehoben wurde.

Die Behörden wollen nun mit Lebensmittelkarten darauf reagieren. An die 15–16 Millionen Russen sollen solche Karten erhalten, so Vizehandelsminister Viktor Jewtuchow. Kostenpunkt: 240 Mrd. Rubel (3,3 Mrd. Euro). Die Behörden gehen von der Idee aus, gleich zwei Fliegen auf einen Streich zu schlagen. Neben der Unterstützung der Armen soll die lang vernachlässigte Landwirtschaft stimuliert werden. Das wollte man freilich schon mit dem Importembargo für westliche Lebensmittel erreichen. Der Effekt: Die Inflation wurde angeheizt, was schließlich zur Armut geführt hat, die jetzt mit Lebensmittelkarten behoben werden soll, die wiederum die Landwirtschaft anfachen sollen. Kein auswegloser, aber doch ein Teufelskreis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2015)