Moschee modern: Zeitgemäße Entwürfe

Moschee in Bad Vöslau
Moschee in Bad Vöslau(c) Clemens Fabry
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Eine Moschee muss nicht aussehen, wie man sich ein klassisches islamisches Gebetshaus vorstellt. Doch zeitgemäße Entwürfe sind rar.

Schließen Sie kurz die Augen und stellen Sie sich eine Moschee vor. Vermutlich haben Sie jetzt ein weißes Gebäude mit einer zentralen Kuppel und einem spitz nach oben zulaufenden filigranen Minarett im Kopf. Das klassische Beispiel einer osmanischen Moschee. Ähnlich ergeht es unzähligen – vor allem türkischen – Muslimen in Mitteleuropa, die planen, für ihren Verein ein neues Gebetshaus zu errichten.

Dabei ist die Art, wie eine Moschee aussehen muss – sei es Größe, Form oder Gestaltung –, in keiner Weise definiert. Einzige Vorgabe durch den Koran ist, dass die Gläubigen ihr Gebet in Richtung Mekka verrichten. Kuppel und Minarett sind lediglich aus praktischen Gründen entwickelte und historisch gewachsene Elemente – die es vor allem im anatolischen Raum zu einer gewissen Perfektion gebracht haben. Muslimische Gebetshäuser in anderen Regionen kommen teils ohne Kuppel, teils ohne Minarett aus und haben mit dem Bild, das der Mitteleuropäer von einer Moschee hat, nur wenig zu tun.

Die gleichförmig-eintönigen Vorstellungen von der Beschaffenheit einer Moschee sind noch jung. Und in Europa auch von Zuwanderern geprägt, die in einer ihnen fremden und nicht immer verständlichen Lebenswelt Halt in der Tradition suchen. Konsequent weitergedacht kann der Bauherr also frei interpretieren und in ein neues Gebetshaus auch regionale und zeitgenössische Elemente einfließen lassen – so wie das die islamische Architektur schon über Jahrhunderte praktiziert.


Überzeugungsarbeit. Allein, es bedarf dazu eines Bauherren, eines Moscheevereins, der seine traditionalistischen Vorstellungen aufbrechen will. So wie im oberbayrischen Penzberg. Die dortige Moschee gilt seit ihrer Eröffnung im Herbst 2005 als Musterbeispiel zeitgenössischer Moscheenarchitektur – und ist das Resultat der Zusammenarbeit eines jungen Architekten mit einem fortschrittlichen Imam. „Der Vorstand des Moscheevereins hat gesehen, dass auch Kirchen nicht wie vor 200 Jahren gebaut werden“, erzählt Architekt Alen Jasarevic, der mit dem Islamischen Zentrum seine erste Moschee realisieren konnte. Zugegeben, es war nicht so, dass die Gemeinde von sich aus nach einem derart modernen Entwurf verlangt hätte. Doch die Überzeugungsarbeit des gebürtigen Bosniers wirkte – nicht zuletzt, weil Imam Benjamin Idriz selbst davon überzeugt ist, dass sich der Islam mit der Zeit bewegen muss. Überhaupt ist das ganze Bauwerk ohne die Persönlichkeit des Imam nicht zu verstehen. Der gebürtige Mazedonier steht für den Dialog mit anderen Religionen, für einen modernen, europäischen Islam. Und für eine Architektur, die das nach außen hin zeigt – ohne dabei Anwohner oder Gemeinde zu überfordern.

So entwarf Jasarevic ein kubisches Gebäude, in das traditionelle Elemente nur sanft eingearbeitet sind. Das Minarett, ein Turm aus Stahl, ist aus arabischen Buchstaben zusammengesetzt. Statt eines Gebetsrufs werden die Gläubigen über diese Lettern symbolisch zum Gebet gerufen. Eine Kuppel fehlt völlig. „Es ist natürlich eine Gratwanderung“, meint Jasarevic, „man darf die Menschen nicht vor den Kopf stoßen und als Architekt alles besser wissen.“

Oft kommt es aber gar nicht erst dazu, dass dem Architekten so viel Freiraum zugestanden wird. Meist scheitert es am Auftraggeber, der nicht vom traditionellen Bautyp abweichen will. Die Türkisch Islamische Union (Ditib), die dem türkischen Religionsministerium in Ankara unterstellt ist, hat etwa klare Vorstellungen, wie Diaspora-Türken beten sollen. Die ?ehitlik-Moschee im Berliner Bezirk Neukölln ist ein solches klassisches Beispiel – osmanische Architektur, wie sie tausendfach in der Türkei zu finden ist.


Teilweise Modernisierung. Immerhin, in jüngster Zeit werden diese klassisch-traditionellen Entwürfe zumindest teilweise modern aufbereitet. Die geplante Moschee in Köln-Ehrenfeld beinhaltet behutsam eingesetzte moderne Elemente, etwa eine durch Glasbahnen geöffnete Kuppel, von der Struktur jedoch ist sie weiter an das klassisch-türkische Vorbild angelehnt. „Ich finde es schade, dass Architekt Paul Böhm zu sehr auf die Anforderungen der Bauherren eingegangen ist“, sagt Architekturkritiker Christian Welzbach. Gerade dem Spross einer Dynastie bedeutender katholischer Kirchenbaumeister hätte er mehr an Innovation zugetraut.

Innovation, die in kleineren und unabhängigen Gemeinden leichter zu verwirklichen ist: „Je jünger die Gemeinden sind, je stärker die jüngere Generation Mitsprache bekommt, desto aufgeschlossener sind die Auftraggeber“, sagt Welzbacher. Er vertritt die These, dass sich an der Gestalt eines Moscheebaus der Grad der Europäisierung des Islam ablesen lässt.

Und in Österreich? Hier ist man, scheint es, für innovativen Moscheenbau noch nicht bereit. Bisher gibt es zwei baulich erkennbare Moscheen – das 1979 erbaute Islamische Zentrum auf dem Hubertusdamm in Wien entspricht mit Minarett und Kuppel dem klassischen Bild, die Eyüp-Sultan-Moschee im Tiroler Telfs wird wegen ihres plumpen Minaretts eher als architektonisches Armutszeugnis gesehen.

Beim einzig nennenswerten Neubau einer Moschee, dem Islamischen Kulturzentrum in Bad Vöslau, reichten die Bauherren – die Atib, das Pendant zur deutschen Ditib – die Pläne eines türkischen Architekten mit Kuppeln und zwei frei stehenden Minaretten ein. Nach Protesten aus der Bevölkerung wurde der ursprüngliche Plan verworfen, in Kooperation mit dem Bad Vöslauer Architekten Werner Kosa entstand schließlich ein zur Straße hin offenes, schlichtes Kulturzentrum. Die Minarette im Hof sind von außen nicht sichtbar. Ein Bau, dem das Bemühen anzusehen ist, eine neuere und modernere Formensprache zu finden.


Initialzündung. Wirklich innovative Vorstellungen, die sich von traditionellen gänzlich lösen, blieben bisher allzu oft im Entwurfstadium. So scheiterte etwa im Jahr 2000 ein Projekt von Zaha Hadid, die für die Zentralmoschee in Straßburg eine avantgardistische Dachlandschaft vorsah, im abgehaltenen Wettbewerb. Ein Entwurf, der aber immerhin als Initialzündung für innovativen Moscheebau verstanden wird. Seit damals entdecken Architekten die gestalterischen Möglichkeiten, die beim Bau zeitgemäßer islamischer Gebetshäuser ausgeschöpft werden können.

Klar ist, dass die traditionsgebundenen orientalistischen Vorstellungen von einer Moschee so schnell nicht verschwinden werden. Und klar ist auch, dass mutige, europäische Entwürfe auch in Zukunft noch häufig an den Vorstellungen der Auftraggeber scheitern werden. Doch ebenso ist sicher, dass islamische Sakralbauten für Architekten ein Zukunftsmodell sein können. Zum einen, weil die Muslime, die ihre Gebetshäuser heute noch großteils in alten Fabriken oder Hinterhöfen untergebracht haben, immer mehr in die Öffentlichkeit drängen und sich würdige Versammlungsorte wünschen. Zum anderen aber auch, weil es mit dem Neubau christlicher Kirchen derzeit eher schlecht aussieht.

Dass derartige Neubauten Widerstand in der Bevölkerung hervorrufen werden, ist kein Geheimnis. Schon allein beim Schlagwort Moschee wird schnell die Assoziation zu Hasspredigern, Dschihad und Terror hervorgekramt. Doch umgekehrt bieten innovative, europäisierte Bauten die Chance einer Öffnung für Nichtmuslime. Die Moschee in Penzberg wird etwa laufend von Menschen aller Konfessionen besucht – schon aus architektonischem Interesse. „Die Gemeinde zeigt ihr neues Haus natürlich gerne her“, meint Architekt Jasarevic, „und plötzlich ist Religion mit Gesichtern verbunden“. Und mit konkreten Menschen fällt es doch um einiges leichter, Freundschaft zu schließen, als mit dem abstrakten Bild einer orientalischen Moschee.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2009)

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