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Tourismus 2.0.: Ein Automat mit Herz

Die Lobby des Schani ist Rezeption, Bar, Frühstücksraum und Coworking Space in einem. Wenn es nach den Eigentümern geht, bald Wiens neuer Start-up-Hotspot.
Die Lobby des Schani ist Rezeption, Bar, Frühstücksraum und Coworking Space in einem. Wenn es nach den Eigentümern geht, bald Wiens neuer Start-up-Hotspot.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Im Hotel Schani öffnet sich die Zimmertür per Smartphone, der Rezeptionist wird zum Barkeeper. Das Haus lebt den Spagat zwischen Wiener Tradition und Digital Age.

„Ich fahr mit'n Gemeindeferrari nach Nussdorf“ steht in verschnörkelter Schrift in der Lobby des Hotels Schani. Urwienerische Ausdrücke hat man hier gern. Davon zeugt schon die namensgebende Referenz auf den stets dienstbaren Geist von Kellner. Das an der Endstation der Straßenbahnlinie D am Wiener Hauptbahnhof gelegene Haus hält Tradition hoch: eine Bassena mit frischem Wiener Hochquellwasser, Thonet-Sessel und Zinshausfliesen dominieren die Lobby. Inmitten der Großbaustelle Sonnwendviertel mit ihren Kränen und Baumaschinen ein scharfer Kontrast. Doch der erste Eindruck täuscht. Hinter der Rückbesinnung auf Heurigengemütlichkeit und Kaffeehauskultur verbirgt sich eines der ersten digitalen Hotels Europas und nach Eigendefinition das erste Stadthotel mit Coworking Space des Kontinents.

Das Konzept hinter dem Zwitterwesen aus Vergangenheit und Zukunft entwickelte Geschäftsführer Benedikt Komarek mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Anfang April öffnete das 135 Betten fassende Haus seine Türen. Seitdem kann man sich vorab im Internet sein individuelles Zimmer im Schani aussuchen und online buchen. Eingecheckt wird mittels eigener Schani-App am Smartphone. Ein Klick am Handy, und die Tür des Zimmers öffnet sich. Das Check-out entfällt vollends. Die Rechnung bekommt der Gast automatisch nach seiner Abreise per Mail zugestellt.

Aufbruch alter Strukturen. Dem 34-jährigen Geschäftsführer, dessen Mutter in dritter Generation das Umwelthotel Gallitzinberg in Wien-Ottakring betreibt, ging es um den Aufbruch alter Strukturen. Die Idee für das digitale Hotel kam ihm bereits während seiner Reisen als Student. Günstige Zimmer bei ansprechendem Service waren schwer zu finden. 2007 nahm die Idee konkrete Formen an, 2012 tat sich der Familienbetrieb mit dem IAO zusammen und setzte große Teile seines Forschungsprojekts „Future Hotel“ um. Dabei betont Komarek trotz aller Zukunftsorientiertheit eben jenen Wohlfühlaspekt, den er selbst früher vermisste: „Wir wollen kein herzloses Automatenhotel sein.“ Die Technik stehe nicht dominant im Vordergrund. Sie solle vielmehr unterstützend wirken und auch nur, soweit der Gast das will.

Dieser Grundgedanke ist sowohl in der Lobby wie auch in den einzelnen Zimmern spürbar. Die Rezeption ist besetzt, obwohl das Einchecken voll automatisiert funktioniert. Der Rezeptionist ist zugleich Barkeeper, Ansprechpartner, Auskunftsquelle. Eben der Schani, der dem Gast jeden Wunsch von den Lippen abliest, wie Komarek ironisch hinzufügt. Sogar bei den fünf „Leading Edge“-Zimmern des Hauses, in denen man sich noch weiter ins technische Neuland vorgewagt hat, ist ein Gedanke allgegenwärtig: Technik ja, aber bitte mit Grenzen. Die Zimmer spielen alle Stücke. Vom Fernseher bis zur Beleuchtung und dem Radio am Klo lässt sich das gesamte Equipment mittels Tablet und Smartphone steuern. Vom getimten Licht, das dem Gast den nächtlichen Gang zum Klo weist über farbliche Türcodierungen, die dem Reinigungspersonal zeigen, wann es aufräumen darf, hat man hier alle Annehmlichkeiten zu integrieren versucht. Trotzdem stehen klassische Lichtschalter und Türhäkchen bereit. Bei allen Bemühungen, den Gästen nicht zu viel zuzumuten, denkt man einen Schritt weiter. Die PR-Chefin des Hauses und Schwägerin des Geschäftsführers, Anita Komarek, betont: „Wir sind ein Zukunftshotel, aber seit der Eröffnung gehören wir der Gegenwart an. In dieser dürfen wir nicht stecken bleiben.“

Spielwiese für IoT-Start-ups. Die jüngste Idee, mit der man diesem Paradoxon entgehen mag, klingt mehr als futuristisch. Der gesamte dritte Stock soll IoT-Start-up-Unternehmern als Spielwiese geöffnet werden. IoT, übersetzt „das Internet der Dinge“, beschäftigt sich mit der Einbettung von Computern in Alltagsgegenständen. Ohne aufzufallen, sollen sie das Leben erleichtern. Man müsse sich vorstellen, man komme nach einem Tag Sightseeing ins Zimmer, und das Radio spielt automatisch den Lieblingsmusiker, schwärmt Anita Komarek. „Alles würde passiv passieren, was wir heute aktiv vom Gast abholen müssen.“ Das sei natürlich Zukunftsmusik. Die Idee sei frisch geboren – nun müsse erst noch die Start-up-Community begeistert werden.

Kaffeehauskultur einmal anders. Für die Zusammenarbeit steht Anita Komarek die passende Plattform im eigenen Haus zur Verfügung. Mit dem Coworking Space in der Lobby des Schani haben die Eigentümer eine Begegnungszone im besten Sinn des Wortes geschaffen. „In einem klassischen Stadthotel wird dieser Platz verschwendet. Ist das Frühstück vorbei, steht er den restlichen Tag leer“, sagt ihr Schwager. Im Schani ist die Lobby multifunktional: Auf Frühstück folgt Arbeit folgt die Party am Abend. Benedikt Komarek sieht auch hier die Wiener Tradition lebendig: „Coworking greift die Kaffeehauskultur von früher wieder auf.“

Für die Hotelgäste sind die Arbeitsplätze im Zimmerpreis inkludiert. Aber auch externe Freiberufler und Start-ups können sich ihren persönlichen Schreibtisch mieten. „Es geht alles um den Austausch – dadurch lebt's“, sagt Benedikt Komarek. Er hofft, dass in Zukunft Gäste und Einheimische über seinen Lobby-Arbeitsplätzen Bekanntschaft schließen. Im Moment hat man erst einige Zehn-Tages-Arbeitspässe an Freiberufler verkauft. Aber Anita und Benedikt Komarek sind optimistisch. Alles Schritt für Schritt, sei das Motto. Zuerst fokussierte man sich auf das Herzstück, die Zimmervermietung. Jetzt laufe die Vermarktung des Coworking Spaces an.

Im Herbst gehen drei Veranstaltungen in der Schani-Lobby über die Bühne. „Wir wollen uns als Start-up-Hotel positionieren, ein Wiener Hotspot sein.“ Kommenden April, ein Jahr nach der Eröffnung, wird mit dem Fraunhofer Institut Bilanz gezogen. Dann wird sich zeigen, welche Innovationen vom Smart Booking bis hin zum Großraumbüro beim Gast ankamen.

Fakten

Das Hotel.
Anfang April eröffnete Jungunternehmer Benedikt Komarek das Hotel Schani am neuen Wiener Hauptbahnhof. Das Fraunhofer Institut steuerte das Konzept für eines der ersten digitalen Hotels Europas bei: Im 135 Zimmer fassenden Haus checkt man mittels eigener Hotel-App ein, die Zimmertür öffnet sich mit einem Knopfdruck am Smartphone. Die Rezeption wird zur Bar, die Lobby zum Coworking Space für Start-up-Unternehmer, Hotelgäste und Freiberufler.

Die Philosophie.
Im Schani wird Wiener Kaffeehauskultur und Gemütlichkeit hochgehalten. Man will dem Vorwurf gegensteuern, ein herzloses Automatenhotel zu sein. Das Motto des Hauses: Zukunftsorientiertheit mit Wohlfühlcharakter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2015)