Dudenhöffer über den VW-Skandal: "Das war kriminell und dumm"

Autoexeperte Ferdinand Dudenhöffer
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VW erlebt mit der Manipulation von Abgastests einen Image-GAU. Autoexeperte Ferdinand Dudenhöffer über Hybris, autoritäre Führungsstile und die Zukunft des Diesels.

Es gibt bereits Spekulationen, dass Volkswagen die aktuelle Krise nicht überleben wird. Sehen Sie diese Gefahr?

Ferdinand Dudenhöffer: Da wäre ich sehr vorsichtig, bevor ich sage, dass ein Unternehmen in Konkurs geht. Aber es stimmt, diese Krise ist ein enormes Risiko für VW. Niemand weiß derzeit, in welche Richtung das geht, und deshalb muss sich VW so schnell wie möglich völlig neu aufstellen.


Es gibt Diskussionen über den designierten Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch. Er war bisher Finanzvorstand, ein Zeichen für Erneuerung ist er nicht.

Ja, das ist völlig unmöglich. Er kann keinesfalls in diese Funktion gehoben werden. Wenn man bei VW in diese Richtung weitergeht, muss man wirklich befürchten, dass das Pleiteszenario nicht aus der Welt ist.


Pötsch hat von dem Skandal gewusst?

Das weiß ich nicht, aber er hat es versäumt, eine Ad-hoc-Meldung an die Aktionäre zu machen. Das ist seine Verantwortung als Finanzvorstand. Und dieses Versäumnis kann zweistellige Milliardenforderungen der Anleger nach sich ziehen. Außerdem ist er kein Zeichen für einen Neuanfang.


Wie muss dieses Zeichen aussehen?

VW muss den Kunden das Gefühl geben, dass sie wirklich alles wiedergutmachen und einen neuen Weg einschlagen wollen. Man muss die betroffenen Autos mit SCR-Katalysatoren nachrüsten (eine Verbesserung, die auch die strengsten Abgasvorschriften erfüllt, Anm.).


Wie viele Jahre wird VW brauchen, um sich von diesem Skandal zu erholen?

Viele Jahre. Wir sehen überhaupt noch nicht, wie viele Klagen und Rückforderungen auf VW zukommen. Den Markt in den USA hat man sich auf jeden Fall für die nächsten fünf Jahre verbrannt. In Europa wissen wir nicht, ob es fünf oder zehn Jahre dauert. Das Problem ist, dass der Konzern massiv zurückgeworfen wird, weil wegen der Nachbesserungen und Schadenersatzzahlungen das Geld fehlt, um in neue Produkte zu investieren. Die Weltmarktführerschaft von VW ist auf jeden Fall dahin.

 

Was VW mit den Abgasmanipulationen gemacht hat – das ist doch wie eine Fahrt gegen die Wand mit Anlauf.

Richtig. Das war kriminell, dumm und fast schon hinterlistig. Man ist ja mit Vorsatz an die Sache gegangen. Man war sich sicher, dass man nicht erwischt wird, weil Stickoxide generell schwer zu messen sind. Da hat man bewusst kriminell gearbeitet.


Warum muss VW überhaupt zu solchen Tricks greifen?

Ja, das ist absurd. Es liegt nach meiner Einschätzung an der Gesellschaftsstruktur, die immer wieder zu Skandalen neigt. Die Skandale unter Piëch (Ferdinand, ehemaliger VW-Vorstandsvorsitzender, Anm.), die Sexaffäre mit dem Betriebsrat, das Chaos bei der Porsche-Übernahme. VW ist kein Unternehmen mit einer unabhängigen Kontrollinstanz, das ist das Problem des VW-Gesetzes, das jedem im Aufsichtsrat Mitsprache sichert: dem Land Niedersachsen, der Gewerkschaft. Das Unternehmen ist blockiert, weil sich alles um den Kirchturm in Wolfsburg (VW-Zentrale, Anm.) dreht. Bernd Osterloh (Betriebsratsvorsitzender und Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums, Anm.) dominiert den Aufsichtsrat, das Land Niedersachsen agiert im eigenen Interesse. Firmenchef Martin Winterkorn konnte nichts machen ohne das Okay von Osterloh. In dem Geflecht fehlt die Kontrolle, und das führt zu den Problemen. Man braucht einen externen Aufsichtsratsvorsitzenden und eine echte Kontrolle.

Winterkorn war ja auch ein Manager, der keine Widersprüche und kein „Geht nicht“ geduldet hat. Hat das zum Skandal beigetragen?

Selbstverständlich. Winterkorn hat alle Macht auf sich gebündelt, und wenn Sie alle Macht bündeln, dann fühlen Sie sich wie der liebe Gott und agieren wie der liebe Gott. Außerdem hat er geglaubt, alles besser zu wissen, und hat überall mitgemischt.


Er muss also von den Manipulationen gewusst haben?

Es wird schwer werden, ihm das nachzuweisen. Wie läuft denn so eine Sitzung ab? Die Techniker sagen, wir können die Abgaswerte in den USA erreichen, aber dafür müssen wir Abgasreinigung mit Ad-Blue einbauen (ein spezielles Reinigungsverfahren, Anm.). Es kommt die Frage: Was kostet das? Dann heißt es: 300 bis 400 Euro mehr. Dann ist Ruhe im Laden und dann sagt der Chef: Das ist zu teuer, sucht euch eine andere Lösung.


Und dann kommt der Abgasschwindel?

Stellen Sie sich den armen Menschen vor, irgendeinen Technikabteilungsleiter. Der hat eine Familie, hat ein Haus gebaut – der weiß genau, wenn er nicht mit einer anderen Lösung kommt, dann fliegt er raus. Das hat bei VW Tradition. Was macht er dann, ohne dass ihm Winterkorn dezidiert sagt, betrüge . . .? So lief das wahrscheinlich.


Der Arbeitsstil von Winterkorn wurde vom „Spiegel“ einmal als „Nordkorea ohne Arbeitslager“ beschrieben. War er so schlimm?

Das würde ich so unterschreiben. Aber das ist nicht Winterkorn, das ist VW. Das wird sich mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller nicht ändern, da kann er noch so oft von einer neuen Kultur reden. Die neue Kultur hängt mit der Struktur des Konzerns zusammen. Da bin ich wieder beim Zusammenspiel in der Aufsicht. Wenn das so bleibt, dann bekommt man keine neue Kultur hinein. VW muss sich völlig neu aufstellen.


Was bei diesem ganzen Skandal seltsam erscheint, ist, dass es nur VW gemacht haben soll. Ist es möglich, dass andere Autobauer ihre Dieselmotoren auch manipuliert haben?

Ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass andere auch so etwas gemacht haben. Alle anderen haben in den USA die Ad-Blue-Lösung.


Bereits vor einem Jahr erschienen Berichte, in denen über Manipulationen bei Abgastests spekuliert wurde. Die Branche hat das offenbar gewusst?

Was man weiß, ist, dass die EPA seit zwei, drei Jahren mit VW in Gesprächen ist. Auch andere Organisationen haben VW auf das Abgasverhalten angesprochen. Für VW ist das nicht neu, das ist nicht ein Skandal, der plötzlich aufgetaucht ist. Man war schon lang mit diesen Dingen beschäftigt.


Und es war reine Hybris von VW, dass man nicht früher reagiert und Zugeständnisse gemacht hat?

Man hat einfach nie geglaubt, dass man wirklich erwischt werden könnte. Sie haben sich sicher gefühlt, weil Stickoxide eben schwer nachzuweisen sind. Das ist wie ein Bankräuber, der den perfekten Einbruch geplant hat, und meint, nie erwischt zu werden.


In Europa hätte man den Bankräuber, um bei diesem Bild zu bleiben, wohl auch nicht erwischt. Erst die USA haben die Manipulation aufgedeckt.

In Europa hatten wir die Euro-5-Norm, die war für VW auch ohne Manipulation erreichbar. Das hat sich ja alles auf die USA mit den strengeren Abgaswerten konzentriert. Bei uns hatte Diesel immer eine Schonfrist gegenüber Benzin.


Wird der Skandal zum Image-GAU für die ganze Automobilbranche?

Für VW schon, für die Branche glaube ich nicht. Für das Image des Diesels ist es aber auf jeden Fall schlecht. In den USA kann man den wieder vergessen, der Markt ist verloren. In Europa wird der Diesel unter dem Skandal leiden, es werden vielleicht die Steuererleichterungen fallen. Der Diesel wird nie mehr diesen Ruf haben, den er einmal gehabt hat.

Zur Person

1951 wurde Ferdinand Dudenhöffer in Karlsruhe geboren.

1972 bis 1977 studierte er an der Uni Mannheim Volkswirtschaftslehre und promovierte 1983.

Von 1985 bis 1996 arbeitete er in der Autoindustrie, unter anderem leitete er die Abteilung Marktfoschung bei der Porsche AG. Auch bei Peugeot und Citroën hatte er Führungsfunktionen inne.

Seit 1996 unterrichtet er als Professor, aktuell an der Universität Duisburg-Essen, wo er das Fachgebiet Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft leitet. Er gründete auch das CAR – Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen und ist dessen Direktor.