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Wien: Die importierten Ethno-Konflikte

Anschlag auf den Sikh-Tempel in der Pelzgasse
(c) EPA (Benedikt Loebell)
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Der Sikh-Anschlag auf einen indischen Tempel in Wien hat gezeigt: Selbst scheinbar ferne Konflikte können rasch vor der eigenen Haustür ankommen. "Bürgerkriege" unter Zuwanderern sind aber nicht zu befürchten.

Was ist ein Dalit, was Sikhismus und was ist das Problem mit der Ravidas-Sekte? Hätte man die Österreicher noch vor einer Woche gefragt, hätten wohl nur wenige Antworten gewusst. Seit vergangenem Sonntag sind wir aber alle Instantexperten. Konkret seit 14 Uhr, als ein Konflikt aus Indien in der Wiener Pelzgasse angekommen ist. So blutig und so radikal, dass es vielen jetzt noch surreal erscheint, dass der Terroranschlag „hier, bei uns“, „so weit weg“ von Indien passiert ist.

Hinter der Verwunderung stecktallerdings ein falsches Bild von Zuwanderung. „Wir haben im Kopf ein Modell der Auswanderung als Einbahnstraße“, erklärt Migrationsforscher Bernhard Perchinig. Neue Heimat ist gleich neues Leben. „Dieses Konzept“, sagt er, „hat aber nie gestimmt. Und jetzt noch weniger als früher.“ Denn einerseits erleichtern es Billigflüge, Satellitenfernsehen, Internet und günstigere Telefontarife den Zuwanderern, Kontakt zum Herkunftsland zu halten. Andererseits haben auch die Ursprungsländer erkannt, dass Auswanderer nicht „verloren“, sondern ein wichtiger Faktor sind. Weil sie Geld ins Land zurückspeisen und auch politisch eine Rolle spielen können. So reservieren manche Staaten wie Italien Auslandsitalienern sogar Sitze im Parlament. Die persönlichen, politischen und ökonomischen Netzwerke, die so über Staatsgrenzen hinweg entstehen, beschreiben Experten mit dem Schlagwort „Transnationalismus“. Denn entweder hier oder dort: So einfach ist es heute nicht mehr, und so einfach lässt sich das auch nicht als „Parallelgesellschaft“ etikettieren. Denn Transnationalismus betrifft EU-Ausländer genauso wie Asylwerber; und den positiven Seiten (Investition in der ersten Heimat, soziales Engagement, Verbreitung von Demokratie) stehen dunkle gegenüber: Stichwort „importierte Konflikte“, Stichwort Pelzgasse vergangenen Sonntag.

Denn durch moderne Technik reisen auch Konflikte bequemer – in beide Richtungen. So wurde der Anschlag in Wien, der seine Wurzeln in Indien hat, flugs in die Punjab-Region „reimportiert“, wo es Ausschreitungen und mindestens drei Tote gab. Besondere Angst ist dennoch unangebracht: Sehe man von Demonstrationen und vereinzelten Vorfällen ab, seien importierte Konflikte kein großes Problem, erklärt Alexander Marakovits, stellvertretender Sprecher des Innenministeriums, die Position des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (das allerdings vom Attentat im indischen Tempel überrascht wurde). Unterstützt wird die Einschätzung aber auch durch Klaus Segbers, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin: „In europäischen Städten ist das sicher kein so großes Problem“ – schon gar nicht im Vergleich zu der latenten Gefahr durch klassischen Terrorismus. Letztlich genügt auch ein Blick auf Wiens Straßen: Würden Konflikte aus den Ursprungsländern 1:1 nachgestellt (nicht zu verwechseln mit herkömmlicher Kriminalität, Bandenwesen etc.), würde ständig Bürgerkrieg herrschen – angesichts des vorhandenen Potenzials.

Falsche Person, falscher Ort. Denn Spannungen bestehen reichlich. Oft für die Öffentlichkeit unsichtbar, treten sie etwa als zusätzliches Motiv zu einer „privaten“ Wirthausschlägerei, einem Familienstreit hinzu. Zu politisch-motivierter Gewalt aber braucht es mehr – zum Beispiel eine Reizfigur, eine Person, die am falschen Ort aufkreuzt, wie am 13. Jänner dieses Jahres: Umar I., der abtrünnige Exleibwächter des russlandtreuen tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow, wurde in Wien auf offener Straße erschossen. Drei verdächtige Tschetschenen sind derzeit in Haft, Gerüchte über eine Verwicklung des russischen Geheimdienstes verstummen nicht. Der Mord zeigt, dass die Fronten in den Communitys oft nicht so geradlinig verlaufen, etwa hier Russen, da Tschetschenen. Betonen doch viele Tschetschenen, wie Rosa Hasanova, Büroangestellte, dass sie kein Problem mit der russischen Kultur haben – von der sie geprägt sind –, nur mit der Politik. Außerdem: „Die tschetschenische Community ist sehr zersplittert“, sagt Bert Scharner, Präsident der Europäisch-tschetschenischen Gesellschaft. Die Angst vor Spitzeln ist allgegenwärtig. So meint Politologe Thomas Schmidinger, dass der innertschetschenische Konflikt zwischen prorussischen und separatistischen Gruppen derzeit stärker wiege. Der Konflikt sei von Moskau „tschetschenisiert“ worden.

Reizfiguren „provozierten“ auch das Attentat auf die Ravidas-Sekte. Denn man darf mutmaßen: Ohne den Besuch der beiden Gurus, Sant Rama Nand (er wurde getötet) und Sant Niranjan Dass (er wurde verletzt), würde die österreichische Öffentlichkeit noch heute wenig von den Spannungen zwischen der Sekte und radikal-orthodoxen Sikhs wissen. Der Tat verdächtig sind vier Asylwerber, die schon länger in Österreich leben, und zwei Illegale. Ob diese von der Terrororganisation „Khalistan Zindabad Force“, die einen eigenen Sikh-Staat fordert, beauftragt wurden, ist noch unklar. Divergierende Bekennerschreiben, die bei einem Londoner Radiosender eingingen, werden noch geprüft. Die Motive dürften jedenfalls sowohl religiöser als auch sozialer Natur sein. Extremistische Sikhs kreiden den Ravidasis an, dass sie Rituale des Sikhismus „stehlen“, noch dazu in abgewandelter, „unwürdiger“ Form. Andererseits spielt das Kastensystem, das de facto alle indischen Religionen durchzieht und auch im Wiener Alltag, z.B. bei Hochzeiten präsent ist, eine Rolle: Ziehen die Ravidasis doch vor allem Unberührbare (Dalits) an, deren neues Selbstbewusstsein höheren Kasten ein Dorn im Auge ist. Dass in der indisch-österreichischen Community überhaupt überproportional viele Sikhs leben (laut Schätzungen sind zwei Drittel der Wiener Inder Sikhs, der Rest Hindus und Christen), wurzelt in den Achtzigern. Damals flohen Sikhs aus der Punjab-Region und fanden in Österreich durch die Ausnahmeregelung für Zeitungskolporteure Arbeit. Und in Wahrheit verläuft auch der austro-indische Alltag weniger entlang der Religions- als der Sprachgrenzen: Die regionale Herkunft, der gemeinsame Dialekt verbindet. Hindus, Sikhs oder muslimische Pakistanis aus dem Punjab treffen durchaus öfter, etwa beim Einkaufen, aufeinander. Erstaunlicherweise gibt es mit Letzteren trotz des Kaschmir-Konflikts kaum (bekannte) Probleme. Und erwähnenswert findet Bernhard Fuchs vom Institut für Europäische Ethnologie der Uni Wien auch, dass es keine Vergeltung für den Anschlag gab. Denn: „Es hätte ja auch Ausschreitungen wie in Indien geben können.“


Zuruf aus der Heimat. Nicht immer aber sind konkrete Personen Auslöser von Unruhen. Manchmal können auch Zurufe aus dem Heimatstaat dahinter stecken. Zumindest ist es das, was einige vermuten: „Das ist kein Konflikt zwischen Kurden und Türken. Das ist ein Konflikt zwischen den Kurden und dem türkischen Staat“, sagt Ender Karadas vom Verband der Kurdischen Vereine in Österreich (Feykom). Er meint damit den Untergrundkrieg in der Türkei – und Auswirkungen in Österreich wie im Herbst 2008.

Damals hatte die türkisch-kurdische Untergrundbewegung PKK ihre Angriffe verstärkt, die Türkei bereitete eine Großoffensive gegen PKK-Rückzugsgebiete im Nordirak vor. In ganz Europa protestierten Kurden. Im Oktober 2008 wurden Brandanschläge auf einen türkischen Verein in Wien und das türkische Konsulat in Salzburg verübt; wenige Tage später flogen Brandsätze auf ein kurdisches Wiener Vereinslokal. Karadas wittert hinter diesem Angriff „rechte türkische Kreise“, die vom türkischen Staat unterstützt werden. Einige türkische Politiker hätten zu Angriffen auf „Verräter“ im Ausland aufgerufen. Die Türkei weist die Anschuldigungen zurück. Und der österreichische Kurde Emin Karaman, der die Politik der gemäßigt islamistischen Regierungspartei AKP lobt, sieht in kurdisch-türkischen Spannungen in Wien ohnehin nur Probleme zwischen nationalistischen Gruppen.

Weltpolitik im Miniformat. Dass sich Unruhe im Heimatland schnell ausbreiten kann, zeigt auch das Beispiel China-Tibet. Im März 2008 kam es in Tibet im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking zu gewaltsamen Aufständen, die von chinesischen Besatzungstruppen niedergeschlagen wurden. In Folge demonstrierten Exiltibeter auch in Wien. Ein tibetischer Demonstrant kletterte auf den Balkon der chinesischen Botschaft, riss dort eine chinesische Flagge ab, skandierte Freiheitsparolen. Seither gab es keine Zusammenstöße. Wegen der Arithmetik? 30.000 Chinesen stehen in Österreich 270 Tibetern gegenüber. Kontakte zwischen beiden sind selten, sagt Lobsang Gyalpo, stellvertretender Obmann des Vereins „Save Tibet“. Sieht man von geheimen ab: Denn der österreichische Verein, der über gute Kontakte zu der tibetischen Exilregierung unter dem Dalai Lama verfügt, glaubt an Überwachungs- und Sabotageversuche durch das offizielle China: „Wir gehen davon aus, dass unsere Computer überwacht werden“, sagt Gyalpo, und auch das Vereinslokal stünde unter Beobachtung. Wenngleich: „Beweisen können wir das nicht.“

Wiener Brandstifter? Schwer beweisen lässt sich auch, wie groß der Anteil der FPÖ an den Konflikten zwischen Serben und Kosovo-Albanern ist. Das Zusammenleben von Serben, Kroaten und Bosniaken in Österreich funktioniert mittlerweile sehr gut – abgesehen von Irritationen wie etwa um den jüngsten Auftritt des rechtsextremen kroatischen Sängers „Thompson“. Doch der Streit um den Kosovo war bis vor Kurzem noch eine offene Wunde: Im Februar 2008 hatten mehrere tausend Serben friedlich gegen die Anerkennung des Kosovo durch Österreich demonstriert, danach griffen einige hundert albanische Lokale in Ottakring an.

Die Spannungen hätten sich auch dadurch erhöht, dass extreme serbische Kreise Unterstützung durch die FPÖ erhalten hätten, kritisiert Darko Miloradovi? vom Dachverband serbischer Vereine: „Die FPÖ hat versucht, die Serben mithilfe der Teile des orthodoxen Klerus aufzuhussen.“ FP-Chef Heinz-Christian Strache hatte sich als einziger österreichischer Politiker klar gegen eine Unabhängigkeit des Kosovo stark gemacht. Bei einer von rechten österreichischen Serben mitorganisierten Reise traf er in Belgrad mit Politikern der Ultranationalisten zusammen. Auch bei den albanischen Vereinen übt man Kritik am Engagement der FPÖ. „Das hat die Atmosphäre weiter aufgeheizt“, sagt Dukagjin Daci, Vorsitzender der albanischen Studentenverbindung Societas Albania. Die Gewalt am 24. Februar in Wien führt er vor allem auf eine von Serbien aus orchestrierte Aktion zurück: „Nur Tage zuvor wurden auch die amerikanische und europäische Botschaft in Belgrad angegriffen.“ In den Ausschreitungen in der Ottakringer Straße sieht er einen Einzelfall: „So etwas passierte hier nicht einmal, als im Kosovo gekämpft wurde.“

Dass sich viele lautstark zu einem Konflikt äußern, die weder der einen noch der anderen Seite angehören, wissen auch Israelis und Palästinenser. So steckt hinter dem Protest gegen den Tel Aviv Beach am Donaukanal u.a. die Initiative Gaza muss leben, die vor allem aus Österreichern besteht, die sich mit den Palästinensern solidarisieren. Auch stammen viele Teilnehmer von Pro-Palästina-Kundgebungen oft aus anderen arabischen Ländern. Stein des Anstoßes beim Tel Aviv Beach ist, sagt der palästinensische Menschenrechtsaktivist Ghassan Saleh, dass „Österreich damit ausdrückt, dass Tel Aviv eine zivilisierte sonnige Tourismusstadt ist, während nebenan im Gazastreifen Menschen in Flüchtlingslagern leben.“ Viel Kontakt zwischen Israelis und Palästinensern gibt es sonst aber nicht. Dafür auch keine Eklats. Trotzdem sagt Israeli Samuel Laster, er würde selbst keine Veranstaltung außerhalb der Mauern der Israelitischen Kultusgemeinde machen. „Die Gefahr, zumindest von Störungen, ist physisch.“ Möglichkeiten zum offenen Dialog sieht er keine. Als Herausgeber der Internetzeitung „diejüdische“ wird er zwar von Palästinensern kontaktiert – treffen kann er sie nur in heimlichen Vieraugengesprächen. „Sie haben Angst vor der eigenen Führung.“

Ein Teil der Palästinenser ist in Vereinen organisiert, die zumindest inoffiziell der Hamas, der Fatah oder auch der linksnationalistischen Volksfront zur Befreiung Palästinas nahe stehen. Akute Gefahr von Anschlägen herrsche zwar nicht, sagt Politologe Schmidinger, doch es käme zu Mobilisierungen, „die antisemitischen Charakter annehmen“. Umgekehrt gebe es auf jüdisch-israelischer Seite Gruppen mit klar antimuslimischer Einstellung.

Die ganz Leisen. Nicht alle Konflikte treten überhaupt nach außen in Erscheinung: Vorurteile, frostige Stimmung und Antipathien, das gäbe es ja auch zwischen Armeniern und Aserbaidschanern wegen des ungelösten Konflikts um die Enklave Bergkarabach. Dass daraus mehr wird, verhindert aber die Tatsache, dass die meisten Armenier (4000 bis 5000 in Österreich) schon lange in Österreich leben. Sie sind Nachfahren der Überlebenden des Völkermordes von 1915. „Sie sind von den politischen Auswirkungen in den Ländern nicht so stark beeinflusst“, sagt Beransch Hartunian-Tahmasian von der Österreichisch-Armenischen Kulturgesellschaft.

Nichts verstehen. Ob jetzt leise oder laute Konflikte,eines hat das Attentat von letztem Sonntag gezeigt: Polizisten sind oft mit den Sprachbarrieren, die sich bei solchen Vorfällen aufbauen, überfordert. „Es braucht jedenfalls mehr Beamte mit Migrationshintergrund“, sagt Perchinig. Und es wäre gut, wenn die zum Beispiel etwas über Sikhismus oder Dalits wissen. Und zwar vorher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2009)