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Amerika verirrt sich wieder einmal im Pulverdampf der "Culture Wars"

(c) REUTERS (CARLO ALLEGRI)
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Abtreibung, Waffen, Homosexuellen-Ehe: Amerikas Rechte heizt aus politischem Kalkül ideologische Streitfragen auf, die längst beantwortet sind.

Seit ein paar Wochen kann man auf YouTube einen schockierenden Film sehen, den eine amerikanische Organisation von Abtreibungsgegnern hergestellt hat. Man sieht da einen weit entwickelten Fötus in einer Metallschale, dessen Beine sich bewegen. Eine frühere Mitarbeiterin einer Klinik, die Abtreibungen durchführt, erzählt währenddessen, wie sie dazu angehalten worden sei, solche Föten möglichst lang am Leben zu erhalten, damit das Gewebe, welches ihnen nach einem Schnitt durchs Gesicht entnommen wird, möglichst unversehrt bleibt.

Für die Republikaner im US-Kongress sind Filme wie dieser Anlass, ihre Kampagne zur Streichung der Subventionen für die Organisation Planned Parenthood mit neuer Verve anzugehen. Fast hätten sie wegen dieser Frage die Fortschreibung des US-Bundesbudgets verhindert und damit einen neuen Shutdown verursacht, ein Zusperren des Großteils aller Regierungsbehörden. Bis 11. Dezember ist die US-Regierung vorläufig finanziert; dann droht eine Wiederholung dieses Spektakels.

Dieser Angriff spielt auf bedenkliche Weise mit der Wahrheit. Denn weder gibt es einen Handel mit den Körperteilen von Embryonen, noch finanziert Steuergeld Abtreibungen. Eine solche Mittelverwendung ist gesetzlich verboten. Mit den zuletzt von der öffentlichen Hand zugewiesenen 528,4 Millionen Dollar (471 Millionen Euro) – das sind rund 41 Prozent des Budgets von Planned Parenthood – werden arme Frauen in Fragen der Verhütung und der Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten unterstützt. Föten, die in genauer Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften abgetrieben werden, werden Stammzellen entnommen, deren Verwendung in der Forschung seit Jahrzehnten medizinische Fortschritte ermöglicht. Diese Praxis ist ethisch diskutabel, Planned Parenthood kommerzialisiert sie jedoch nicht.

Die Mehrheit der Amerikaner hat jene Einstellung zu Abtreibungen, die Präsident Bill Clinton einst so gefasst hat: Sie sollten sicher, legal und selten sein. 51 Prozent der Amerikaner sagten in einer neuen Umfrage des Pew Research Center, Abtreibungen sollten stets oder in den meisten Fällen erlaubt sein. Dazu kommen 25 Prozent, die sie zumindest in manchen Fällen zulassen wollen. Nur 18 Prozent wollen jede Abtreibung verbieten: selbst, wenn das eine Lebensgefahr der Mutter abwenden würde.

An mehreren Schauplätzen flammen derzeit die „Culture Wars“ auf, dieses seit den 1920er-Jahren immer wieder ausbrechende Ringen zwischen ländlich-konservativen und städtisch-liberalen Lebensweisen. Kim Davis, eine Standesbeamtin aus dem ländlichen Kentucky, wurde zur Jeanne d'Arc religiöser Fundamentalisten, weil sie sich rechtswidrig weigerte, gleichgeschlechtlichen Paaren Ehedokumente auszustellen. Ihr heimliches Treffen mit Papst Franziskus wurde von konservativen Aktivisten propagandistisch ausgeschlachtet; dass die Ehre der einzigen echten Audienz Franziskus' einem ehemaligen homosexuellen Schüler samt dessen Lebenspartner zuteil wurde, verschwiegen sie.


Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang zu Waffenbesitz. Neun Menschen starben am Donnerstag in Oregon im Kugelhagel eines Waffennarren, doch als Präsident Obama danach einmal mehr strengere Waffengesetze einforderte, maßregelten ihn auf Fox News Kommentatoren dafür, dass er bloß von seinen schlechten Umfragewerten ablenken wolle. Dass der zuständige Sheriff in Oregon seit Jahren die niederträchtige Behauptung verbreitet, der Mord an 20 Kindern und sechs Betreuerinnen in der Volksschule von Sandy Hook im Dezember 2012 sei von Obama inszeniert worden, um Patrioten die geliebten Schusswaffen entreißen zu können, zieht hingegen keine Folgen nach sich.

Das Recht auf Abtreibung und die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen sind vom Supreme Court verbrieft, in der Waffenfrage sind selbst die meisten Waffenbesitzer für eine strengere Prüfung eventueller Vorstrafen und Geisteskrankheiten von Käufern. Die „Culture Wars“ sind Scheingefechte, die nur eines bewirken: die Zwietracht in einer ohnehin zerstrittenen Gesellschaft zu fördern.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2015)