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Analyse: Wer in Syrien mitmischt – und warum

Mit den russischen Luftangriffen ist der Kampf um Syrien in die nächste Runde gegangen. Moskau will mit seinem Eingreifen das Überleben des Assad-Regimes sicherstellen.
Mit den russischen Luftangriffen ist der Kampf um Syrien in die nächste Runde gegangen. Moskau will mit seinem Eingreifen das Überleben des Assad-Regimes sicherstellen.(c) REUTERS (HANDOUT)
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Der Bürgerkrieg in Syrien ist mit der russischen Intervention noch komplizierter geworden. Ein Überblick über die wichtigsten Akteure und ihre gegensätzlichen Interessen.

Damaskus/Kairo. Die russischen Luftangriffe haben die Lage in Syrien noch verworrener und brisanter gemacht. Jetzt drohen sogar direkte militärische Konfrontationen zwischen den regionalen und internationalen Rivalen, die seit mehr als vier Jahren in dem blutigen Bürgerkrieg mitmischen. Dagegen ist ein politischer Kompromiss, der die Tragödie, die bisher mehr als 250.000 Tote forderte, beenden könnte, nicht in Sicht. Der Kampf um Syrien geht in die nächste Runde. Wer sind die Protagonisten, und was sind ihre Interessen und Ziele?

Islamischer Staat. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beherrscht mehr als die Hälfte des syrischen Territoriums, auch wenn dort nur ein Zehntel der Bevölkerung lebt. Nach der spektakulären Eroberung von Palmyra kämpfen sich seine Kommandos entlang der Überlandstraßen in Richtung Homs und Damaskus vor. In der syrischen Hauptstadt operieren IS-Brigaden bereits sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Gotteskrieger sind an keinerlei Verhandlungen interessiert. Sie wollen den syrischen Staat komplett zum Einsturz bringen, ein panarabisches Kalifat errichten und die von Europäern im Ersten Weltkrieg gezogenen Grenzen von der Landkarte tilgen.

Türkei. Das Kriegsziel Ankaras war von Anfang an der Sturz des syrischen Machthabers Bashar al-Assad. Jahrelang duldete die Türkei den Zustrom von Jihadisten in das Kampfgebiet. Neben dem Regime will Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Syrien vor allem die Autonomieabsichten der Kurden bekämpfen. Seine Luftwaffe trat zwar formal der Allianz gegen den Islamischen Staat bei, attackiert aber fast nur Stellungen der Kurdenorganisation PKK im Nordirak. Ankara schwächt damit ausgerechnet jene Truppen, die als einzige in der Region der Terrormiliz in Kampfgeist, Disziplin und Strategie gewachsen sind.

Iran. Für den Iran ist Syrien der wichtigste Verbündete im Nahen und Mittleren Osten. Iranische Kommandanten führen mittlerweile zusammen mit der libanesischen Hisbollah fast überall das Kommando, zum wachsenden Verdruss des syrischen Offizierskorps. Kürzlich wurden erstmals auch reguläre persische Bodentruppen nach Syrien verlegt. Sie sollen die alawitischen Kerngebiete gegen die herandrängende Eroberungsarmee (Jaish al-Fatah) verteidigen, hinter der Saudiarabien, Katar und die Türkei stehen. Ein Sturz Assads wäre ein empfindlicher Rückschlag für die Islamische Republik und ihr Streben nach Hegemonie in der Region.


Arabische Staaten. Alle arabischen Staaten sind in das syrische Drama verwickelt. Der Libanon und Jordanien tragen zusammen mit dem Irak und der Türkei die Hauptlast bei den Flüchtlingen. Aus Tunesien und Marokko stammen neben Saudiarabien die meisten ausländischen IS-Krieger. Die Golfstaaten unter Führung von Riad halten eisern an dem Ziel fest, Assad zu beseitigen. Mit Unsummen unterstützen sie die Rebellen der islamistischen Eroberungsarmee, die zuletzt große Erfolge auf dem Schlachtfeld erringen konnten. Militärisches Rückgrat dieser Brigaden ist die al-Nusra-Front, die zu al-Qaida gehört. Nach dem Eingreifen Moskaus drohen die Golfherrscher nun, ihre radikalen Schützlinge mit Boden-Luft-Raketen aufzurüsten. Ägypten und der Irak sehen sich dagegen eher an der Seite Putins und Assads. Ihre Führungen sympathisieren zunehmend offen mit dem Regime in Damaskus.


Russland. Moskau unterhält seit 1971 einen Stützpunkt in Tartus, den einzigen im gesamten Mittelmeer. Seit letzter Woche greift Wladimir Putin an der Seite Assads direkt in die Kämpfe ein. Russland will ein Überleben des Assad-Regimes in einem Rest-Syrien entlang der Küste garantieren. Diesen alawitischen Kleinstaat möchte Moskau nicht allein Teheran als Einflusszone überlassen – eine Absicht, die die meisten arabischen Staaten begrüßen. Den Kreml-Chef beunruhigt zudem die rasant wachsende Zahl von IS-Jihadisten russischer Zunge.


Vereinigte Staaten. Barack Obama hat wenig Fortüne in Syrien. Seit Putins Offensive scheint auch dem Weißen Haus klar geworden zu sein, dass es sich das Heft nicht gänzlich aus der Hand nehmen lassen darf. Die Stabilisierung des Assad-Regimes durch Putins Expeditionskorps geschieht offenbar mit stillem Einverständnis Washingtons. Gleichzeitig plant der US-Präsident, von der Türkei aus eine spezielle Front gegen das Herz des IS-Imperiums, die Hauptstadt Raqqa, zu eröffnen. Dazu will das Pentagon mehr Waffen an örtliche Rebellen liefern sowie eine kurdisch-arabische Streitmacht von 25.000 Mann mobilisieren. Obendrein sollen die Luftangriffe auf Raqqa intensiviert werden.


Europa. Die enorme Flüchtlingswelle hat den Druck auf Brüssel verschärft, endlich nach einer politischen Befriedung Syriens zu suchen. Die Zeit für eine solche Initiative ist relativ kurz, umfassen wahrscheinlich nur die Monate November bis Februar, wenn Kälte und Winterstürme die Zahl der Fliehenden vorübergehend bremsen. Geht der Krieg jedoch auch 2016 mit unverminderter Härte weiter, würde die EU von Schutzsuchenden überwältigt. Die europäische Diplomatie hat daher die Forderung fallen gelassen, Assad müsse abtreten und Platz für eine Übergangsregierung machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2015)