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„Elefantenrunde“: Der Wolf mit der Kreide, der Pate, die Hyperaktive

In den Wiener Sofiensälen (v. l.): Grünen-Chefin Maria Vassilakou, FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, die Moderatoren Corinna Milborn (Puls4) und Paul Tesarek (ORF), SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl, ÖVP-Chef Manfred Juraczka, Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger..
In den Wiener Sofiensälen (v. l.): Grünen-Chefin Maria Vassilakou, FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, die Moderatoren Corinna Milborn (Puls4) und Paul Tesarek (ORF), SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl, ÖVP-Chef Manfred Juraczka, Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger..(c) ORF (Milenko Badzic)
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Stilkritik: Wie haben sich die Teilnehmer der „Elefantenrunde“ zur Wien-Wahl geschlagen?

Montagabend in den Wiener Sofiensälen: Der Amtsinhaber Michael Häupl (SPÖ), sein erster Herausforderer Heinz-Christian Strache (FPÖ) sowie Maria Vassilakou (Grüne), Manfred Juraczka (ÖVP) und Beate Meinl-Reisinger (Neos) saßen sich in einer erstmals von ORF und Puls4 gemeinsam übertragenen „Elefantenrunde“ zur Wiener Landtagswahl am kommenden Sonntag gegenüber. Wer hat sich wie geschlagen? Eine kleine Stilkritik.

 

Michael Häupl

Wie ein alternder Pate saß er da, es fehlte nur der Gehstock samt Knauf, auf den er seine Hände hätte stützen können. Leicht grantig, mitunter blitzte ein spitzbübisches Lächeln auf. So nach dem Motto „Was wollen die eigentlich alle von mir?“. Beate Meinl-Reisinger zum Beispiel wollte Michael Häupl klarmachen, wie schwierig es sei, Unternehmer in dieser Stadt zu sein. Sie habe neulich einen „Michael“ getroffen, einen Videojournalisten, der nun Kasnudeln verkaufen wolle, das aber nicht könne, weil er etwa keinen Zugang zu den Wiener Märkten bekomme. „Dann schicken S' ma den jungen Mann“, erwiderte Häupl. Ein Satz, der das Häupl'sche System der paternalistischen Großzügigkeit bestens beschreibt. Auch sonst gab sich der Titelverteidiger gelassen und versuchte es mit einer Mischung aus herzlich und hart: Jede erdenkliche Hilfe für jugendliche Zuwanderer, aber wenn sie die Angebote nicht annehmen und straffällig würden, „dann schmeiß' ma's raus“.

 

Heinz-Christian Strache

Der Wolf hatte jede Menge Kreide gegessen. Die Stimme ruhig, fast sanft. Der Herausforderer war angriffig, aber eben dosiert. Heinz-Christian Strache hat es seriöser und moderater versucht als früher: Asyl selbstverständlich für jene, die es brauchen. Und auch gegen Radwege habe er eigentlich nichts. Am Ende dann sogar ein Anflug von Charme, als er zu Maria Vassilakou meinte: „Manchmal ist die gelebte Aggressivität gegenüber meiner Person auch eine Form der Zuneigung.“ Und der Sager des Abends kam ebenfalls vom FPÖ-Obmann, der zu Moderator Paul Tesarek, dessen Performance zeitgleich in den sozialen Medien scharf kritisiert wurde, meinte: „Es weiß jeder Zuseher, wie man ORF-Chefredakteur bei ,Wien heute‘ wird.“

 

Manfred Juraczka

Der Wiener ÖVP-Chef war gewissermaßen die Überraschung des Abends. Denn viele Zuseher, wahrscheinlich die meisten, hatten ihn noch nie zuvor in ihrem Leben live gesehen und ihm zugehört. Und rein rhetorisch kam er seriös rüber. Er grenzte sich von links und rechts ab, propagierte „Vernunft und Anstand“. Auch sonst blieb er – wie es auf Neudeutsch so schön heißt – „on the message“: Rekordarbeitslosigkeit, Rekordschulden, Autofahrer-Schikanen – das sei es, wofür Rot-Grün stehe. Die ÖVP hingegen stehe für – richtig – Vernunft und Anstand. Ein wenig aufgesetzt war die Aktion, vier Hundert-Euro-Scheine hervorzuholen, um zu verdeutlichen, wie hoch die von Rot-Grün verursachte Gebührenerhöhung pro Jahr und Haushalt sei.

 

Maria Vassilakou

Die Grünen-Chefin tat es Manfred Juraczka dann allerdings gleich und holte eine Ein-Euro-Münze hervor, um zu zeigen, dass man um diesen Betrag einen ganzen Tag lang die öffentlichen Verkehrsmittel in der Bundeshauptstadt benützen könne. Sonst war Maria Vassilakous Auftritt der unspektakulärste von allen. Professionell spulte sie ihre Botschaften herunter. Die zentrale dabei: die Abgrenzung gegenüber der FPÖ von Heinz-Christian Strache. Der vorab zurechtgelegte Spruch „Beim Hetzen die Ersten, beim Helfen die Letzten“ kam im Publikum auch sehr gut an. Und sonst? Michael Häupl werde weiter Bürgermeister sein, Wien solle eine weltoffene Stadt bleiben – und nur Rot-Grün würde das absichern.

 

Beate Meinl-Reisinger

War aufgedreht und hyperaktiv wie sonst nur Matthias Strolz, der Neos-Parteichef. Beate Meinl-Reisinger, seine Stellvertreterin, wollte die seltene Gelegenheit vor so großem Publikum nutzen und so viele ihrer Botschaften wie möglich unterbringen. Nicht nur sie wurde immer wieder von Moderator Tesarek unterbrochen, sondern auch sie selbst unterbrach die anderen immer wieder, ob nun Heinz-Christian Strache oder Michael Häupl. Dazu etliche Taferln, dann die „Ich habe neulich gesprochen mit . . .“-Masche (Unternehmer, Volksschuldirektorin) und eine starke Wortwahl. Etwa zu den Werbeausgaben der Stadt Wien: Dies sei ein „korruptes, mafiöses System“, hier werde die öffentliche Meinung gekauft. Michael Häupl, der „Pate“, riet ihr daraufhin, die Staatsanwaltschaft damit zu befassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2015)