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Naschmarkt: Die unsichtbare Generalsanierung

Die 36 Meter kurze Begegnungszone auf der Schleifmühlbrücke ist neu. Der Rest sieht eher alt aus.
Die 36 Meter kurze Begegnungszone auf der Schleifmühlbrücke ist neu. Der Rest sieht eher alt aus.(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Nach fünfjähriger Bauphase haben auf dem Naschmarkt wieder alle Standln offen. Bis auf die neue Begegnungszone hat sich wenig geändert. Viele Touristen, wenig Vielfalt.

Wien. Stadtauswärts wird es auf dem Naschmarkt dunkel. Zumindest dann, wenn man den Blick in Richtung Boden senkt. Im oberen Bereich, in Karlsplatz-Nähe, ist der neue Asphalt noch frisch und hell. Dort wurde die Oberfläche erst vor Kurzem verlegt. Weiter unten, in Richtung Kettenbrückengasse, würde man nicht auf die Idee kommen, dass hier irgendetwas erneuert wurde. Zugegeben, die Generalsanierung des über 100 Jahre alten Naschmarkts hat sich auf die Erneuerung der Infrastruktur konzentriert: Wasser- und Stromleitungen, Kanalisation und Regenwasserabflüsse. Sichtbar sind nur die neuen Oberflächen, die nun großteils barrierefrei sind. Die Kosten für die Sanierung liegen übrigens bei rund 15 Millionen Euro.

Seit August 2010 hat man sich stückweise vom unteren Ende stadteinwärts vorgearbeitet. Manche Standler haben die Zeit genutzt, um ihren Stand auch innen zu erneuern. So wird etwa der Gemüsehändler Himmelbach mit 15. Oktober eine neue Fleischerei, angrenzend an das Gemüsegeschäft, eröffnen.

 

36 Meter Begegnungszone

Ganz fertig ist der „neue“ Naschmarkt noch nicht. In den Quergängen werden noch bis November Pflastersteine verlegt. Die Längsreihen sind jedoch schon fertig, wodurch auch alle Standln wieder geöffnet haben. Und praktischerweise wurde rechtzeitig vor der Wien-Wahl auch die neue, nur 36 Meter lange Begegnungszone auf der Schleifmühlbrücke fertig. Am Montag wurde sie von den SPÖ-Bezirksvorstehern Markus Rumelhart (Mariahilf) und Leopold Plasch (Wieden) feierlich eröffnet. Ab 2016 wird dann die Oberfläche für den Bauernmarkt erneuert.

Aber zurück zum Naschmarkt, der trotz Sanierung schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Er ist zwar nach wie vor jener Markt mit den meisten Besuchern (rund 65.000 pro Woche). Die Entwicklung hin zu einem beinahe ramschigen Touristenmarkt lässt sich aber nicht aufhalten. Zu viel Gastronomie, zu viele Touristen und ein einheitliches, kulinarisch uninteressantes Angebot lauten die häufigsten Vorwürfe. Statt Sortenvielfalt bei Obst und Gemüse werden die immer gleichen Produkte angeboten: Gewürze, Trockenfrüchte, Oliven, diverse Antipasti und die jeweiligen Trendprodukte. Die Wandererschnitte macht mittlerweile den Mohnzelten und Wasabinüssen Konkurrenz. Dazwischen: Kinderdirndln made in China, Mozart-Tee, Naschmarkt-Taschen und Vienna-T-Shirts.

 

Sind Touristen enttäuscht?

„Der Umbau ändert nichts an dem Problem, dass die Händler nichts mehr verkaufen. Stattdessen gibt es touristische Völkerwanderungen, bei denen höchstens fotografiert wird“, sagt Peter Jaschke von der Bürgerinitiative „Rettet den Naschmarkt“. 600 Mitglieder habe die Initiative. „Die haben alle den Markt als solches schon abgeschrieben. Er hat keine Zukunft“, meint der Anrainer Jaschke. Es sei sogar schon so weit, dass sich auch Touristen enttäuscht abwenden.

38 der insgesamt 123 Standl werden laut Marktamt derzeit gastronomisch betrieben. Jaschke ist das dennoch zu viel. Für ihn ist der Fokus auf die Gastronomie dafür verantwortlich, dass das Einkaufsangebot immer schlechter wird. Einige wenige Gastronomen beherrschen den Markt, die Politik – sprich das Marktamt – kümmere sich nicht um einen ausgewogenen Branchenmix, lautet seine Kritik. Und: „Die Gastronomen kaufen einen Marktstand mit einer Handelsgenehmigung in unmittelbarere Nähe ihres Lokals, verkaufen dort tagsüber irgendetwas und stellen dann ab 18 Uhr Tische für ihren Gastgarten auf. Rechtlich ist das in Ordnung.“

Tatsächlich geht auf dem Naschmarkt ohne Gastronomie nichts mehr. So gut wie jeder Händler hat neben seinen Produkten einen Stehtisch platziert, auf dem derzeit frischer Sturm auch glasweise angeboten wird. Dafür sind Touristen eher zu haben als für Gewürze. Lediglich am Samstag, wenn der Bauernmarkt stattfindet und auch etliche Wiener hier einkaufen, wird der Markt seiner Funktion als Nahversorger gerecht. Jaschke fürchtet gar, dass durch die technische Aufrüstung nun jeder Stand für die Gastronomie geeignet ist. „Ich weiß nicht, was die Stadt vorhat, aber theoretisch kann man ihn jetzt komplett zu einer Fressmeile machen. Die Voraussetzungen sind durch Gaszuleitungen, Abwassersysteme und Starkstromversorgung gegeben.“ Dem allerdings widerspricht das Marktamt. Man halte sich an die Drittelregel für die Gastronomie. Und, so Marktamt-Sprecher Alexander Hengl: „Das Angebot wird durch die Nachfrage bestimmt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2015)