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Warnung an Russland: "Angriff auf Türkei ist Angriff auf Nato"

Russische Erdkampfflugzeuge bei Latakia in Syrien.
Russische Erdkampfflugzeuge bei Latakia in Syrien.(c) Imago/ITAR-TASS
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Der türkische Präsident Erdoğan droht Moskau nach Luftraumverletzungen mit dem Ende der Freundschaft. Ein MiG-29-Jet und ein Luftabwehrsystem nahmen türkische Flieger ins Visier.

Moskau/Damaskus/Ankara. Die Spannungen im syrisch-türkischen Grenzgebiet wachsen. Ein MiG-29-Kampfflugzeug und ein auf syrischem Boden stationiertes Luftabwehrsystem nahmen offenbar mit ihrem Zielradar acht türkische F-16-Kampfflugzeuge ins Visier, die entlang der Grenze patrouillierten. Das gab der türkische Generalstab am Dienstag bekannt. Die MiG-29 wird sowohl von den syrischen Regimetruppen geflogen als auch von der russischen Luftwaffe, die seit einer Woche Einsätze in Syrien durchführt. Und Russland hat zuletzt auch Raketensysteme zur Luftabwehr in das arabische Land verlegt. Ob für den jetzigen Vorfall die russischen oder die syrischen Streitkräfte verantwortlich waren, gab der türkische Generalstab zunächst nicht bekannt.

In den vergangenen Tagen drangen russische Flugzeuge wiederholt in den Luftraum der Türkei ein. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, warnte Moskau deshalb vor einem Ende der guten Beziehungen. Russland würde viel verlieren, sollte es die Freundschaft mit der Türkei aufs Spiel setzen, sagte Erdoğan. „Ein Angriff auf die Türkei ist ein Angriff auf die Nato, das sollte man wissen.“

 

Nato glaubt nicht an Versehen

Die Nato, der die Türkei seit 1952 angehört, hat das russische Vorgehen verurteilt. Das westliche Bündnis geht davon aus, dass Russland vorsätzlich den Luftraum der Türkei verletzt hat. „Für uns sah das nicht wie ein Versehen aus“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Moskau hat bereits in den vergangenen Jahren das Regime des syrischen Machthabers, Bashar al-Assad, unterstützt. Seit einer Woche fliegt Russlands Luftwaffe direkt Angriffe in Syrien. Offiziell nimmt Russland die Extremisten des Islamischen Staats (IS) ins Visier, die auch von einer US-geführten Allianz bekämpft werden. Einen Angriff auf den IS in Palmyra dementierte Moskau am Dienstag. Der Großteil der russischen Luftschläge hat bisher ohnehin Rebellen gegolten, die gegen Assad und den IS kämpfen.

Das „Wall Street Journal“ berichtet, die russische Luftwaffe habe vor allem Aufständische angegriffen, die von der CIA unterstützt werden. Die USA und Russland erklärten, die Aktionen gegen den IS in Syrien koordinieren zu wollen. Um „Missverständnisse“ zu vermeiden, könnten die USA dabei Daten liefern, wo genau sich die von ihnen unterstützten Anti-IS-Rebelleneinheiten befinden. Doch Washington fürchtet, dass diese Gruppen dann erst recht von den russischen Flugzeugen bombardiert werden. Die von der CIA unterstützten Aufständischen wollen auch Syriens Machthaber, Assad, stürzen. Und Moskau versucht anscheinend in erster Linie, seinem Verbündeten Assad zu helfen.

Unter dem Schutz der russischen Luftwaffe plant Syriens Regime offenbar eine Großoffensive in den Regionen um Hama und Idlib. Ziel dieser Aktionen wären nicht die IS-Milizen, sondern moderatere Rebellen, aber auch die mit al-Qaida verbündete al-Nusra-Front.

 

„Freiwillige“ aus Russland?

Am Montag waren Gerüchte aufgetaucht, russische Soldaten könnten sich an den Kämpfen beteiligen. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im russischen Parlament, Admiral Wladimir Komojedow, erklärt, es sei wahrscheinlich, dass „Freiwillige aus Russland“ in den Kampf nach Syrien ziehen. Die Bezeichnung Freiwillige war schon in der Ukraine ein Synonym für reguläre russische Einheiten. Am Dienstag beteuerte Komojedow dann aber, dass an den Einsatz von Bodentruppen in Syrien nicht gedacht sei. Moskau versuche, Freiwillige an der Reise in das Bürgerkriegsland zu hindern. (APA/Reuters/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2015)