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Italien: Die vergessene Route über das Mittelmeer

(c) AFP
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134.000 Flüchtlinge kamen an Italiens Küste an. Auch am Brenner ist der Andrang ungebremst.

Wien. Sie kommen noch immer über den Brennerpass, in der Hoffnung, die Ostalpen und dann Tirol zu durchqueren. Im Schatten des Ansturms auf der Westbalkan-Route ist auch der Flüchtlingsstrom weiter westlich über das Mittelmeer nach Italien und dann über den Brennerpass gen Norden nicht versiegt.

„Mehr als 6500 Aufgriffe“ gab es bis Ende September in Tirol, sagt Marius Meisinger, Vize-Leiter der Tiroler Fremdenpolizei zur „Presse“. Ein deutlicher Anstieg: Im Vorjahr wurden in den ersten neun Monaten 5182 Flüchtlinge in Tirol angehalten. Da so gut wie niemand um Asyl ansucht, werden die Menschen zurückgeschoben. Nach Brennero, Italien – und versuchen dann erneut, Österreich zu durchqueren. So läuft das seit Jahren in den Ostalpen.

Denn weiterhin wagen Hunderttausende den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer, um das Dorado Europa zu erreichen: Mehr als eine halbe Million (557.899) strandete heuer laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Griechenland, Italien und Spanien.

 

Kaum noch Syrer in Italien

Zwar trägt Griechenland mit 421.341 Ankünften inzwischen die Hauptlast (die Zahl der Flüchtlinge, die meist über die Türkei einreisen, hat sich in nur einem Jahr verfünffacht). Trotzdem wählen unverändert viele Menschen die noch gefährlichere – weil längere – Meeresüberfahrt von Libyen, Tunesien oder Ägypten nach Italien: 133.451 Flüchtlinge erreichten seit Jänner Italiens Küsten. Das sind etwa genau so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2014, als insgesamt 170.100 Flüchtlinge Italien erreichten.

Verändert haben sich lediglich die Herkunftsländer dieser Menschen: Kamen 2014 noch die allermeisten Flüchtlinge aus Syrien (42.323), erreichten heuer „nur“ 6710 Menschen aus dem Bürgerkriegsland Italien. Die meisten Syrer versuchen jetzt über die Westbalkan-Route in die EU zu kommen (175.375 Ankünfte in Griechenland seit Jänner). Wobei Schlepper laut IOM-Informationen mit einer neuen Route locken: Für etwa 5000 Euro werden meist syrische Flüchtlinge von der Türkei aus in Frachtern nach Süditalien geschmuggelt.

 

Mehr Aufgriffe am Brenner

Nach Italien fliehen aber derzeit vor allem Menschen aus Subsahara-Afrika: aus Eritrea, Nigeria, Somalia und dem Sudan. Viele von ihnen wollen nach Nordeuropa. Deshalb stößt auch die Polizei an der österreichisch-italienischen Grenze immer öfter auf Afrikaner und seltener auf Syrer: Wurden 2014 noch 1859 Menschen aus dem arabischen Bürgerkriegsland aufgegriffen, so waren es seit Jänner etwas mehr als 600, im September 128. Als größte Gruppe wurden die Syrer längst von Eritreern abgelöst, deren Zahl sich von 1230 auf rund 2600 mehr als verdoppelte. Auf Platz drei folgen Nigerianer, dann Somalier. Im September, der mit 1244 Aufgriffen etwa um 150 über dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs liegt, stellten die drittgrößte Gruppe Bangladescher (87).

Italien bleibt ein Fluchttransitland – und das ganz bewusst: Mehrmals wurde Rom von Brüssel gerügt, weil man Flüchtlinge bei ihrer Ankunft nicht registriere und identifiziere, sondern einfach weiterziehen lasse. Auch ist die Zahl der Menschen, die legal aufgenommen werden, im Vergleich zu anderen EU-Ländern gering: Pro tausend Einwohner nimmt Italien nur einen Flüchtling auf (Schweden mehr als elf).

Eine traurige Kontinuität gibt es indes bei den Toten im Mittelmeer: Im Vergleich zum Vorjahr (2987 Tote) nahm die Opferzahl leicht zu: Geschätzte 3139 Flüchtlinge kamen seit Jänner auf der Überfahrt ums Leben. Allein seit Sonntag sind vor der libyschen Küsten 100 Menschen ertrunken.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2015)