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Der entfesselte Exzentriker am Klavier

(c) Wiener Konzerthaus
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Mit Brahms und Balakirew wurde Pogorelich seinem besonderen Ruf gerecht: atemberaubend.

Bei Pogorelich-Auftritten sind Überraschungen eingeplant, Hörgewohnheiten beiseitezulegen. Selbst Kenner seiner Einspielungen entdecken in den Konzerten immer neue Details – scheinbar Inspirationen des Augenblicks, in Wahrheit genau überlegte Entscheidungen, wie der Pianist bereits im ersten Teil seines Recitals im Großen Konzerthaussaal demonstrierte, bei Liszts monothematischer „Dante-Sonate“, noch mehr bei Schumanns C-Dur-Fantasie. Langsames kostete er aus, in den raschen Passagen schlug er die Akkorde regelrecht in den Steinway. Solch durchaus rabiate Virtuosität, wenn auch da und dort von falschen Tönen begleitet, verfehlt nie ihre Wirkung. Den Werken bekommt eine solche Darstellung unterschiedlich. Bei diesem Liszt mag eine sich sehr in Einzelheiten verlierende Sicht noch angehen, bei Schumann zerstört es die ohnedies schon eigenwillige Form. Auch die schwärmerische Poesie, die diese Liszt gewidmete Schumann-Fantasie so auszeichnet, bleibt auf der Strecke. Erst recht, wenn man den Mittelteil in Stechschrittmanier durchmisst, der Melodie kaum je die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten.

 

Stählerne Artistik – gut für Strawinsky

Ob sich Pogorelich erst warmspielen musste? Im zweiten Teil wirkte er nicht nur technisch zuverlässiger, sondern auch lockerer. Freilich, Strawinskys drei Sätze aus „Petruschka“ lassen auch weniger rhythmische Freiheit als Werke der deutschen Romantik. Für sie passt Pogorelichs quasi stählerne Artistik ungleich mehr. Abgesehen davon, dass er dabei zahlreiche subtile Nuancen herausarbeitete, die man vor der Pause vermisst hatte. Gewaltig auch, wie er die Paganini-Variationen von Brahms – er spielte beide Hefte – präsentierte. Zum einen mit nachgerade kaltschnäuziger Virtuosität, zum anderen mit viel Sinn und Geschmack für melodischen Charme. Da machte es auch nichts, wenn er mäßige Tempi in langsame umdeutete, um etwa dahinterliegende Walzersentimentalität aufzuspüren.

Und dann der überraschende Abschluss mit einem der herausforderndsten Stücke der Klavierliteratur, Balakirews „Islamey“, einer Fantasie, mit der Pogorelich programmatisch an den Beginn des Programms anknüpfte. Hier bot er ein Paradebeispiel entfesselten Klavierspiels. Als ob es sich um das Einfachste in der Welt handelte, raste er förmlich durch diese mit Schwierigkeiten gespickte Klavierpartitur, ließ sich zwischendurch Zeit, um die spezifische Melancholie dieses Presto con fuoco hervorzuheben. Nicht minder meisterhaft, wie er zum Schluss nach all den brillanten Kaskaden ganz selbstverständlich zum Grundton zurückführte. Atemberaubend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2015)