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Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt

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(c) Reuters
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In den vergangenen zwei Jahren erlangte Istanbul mit seinem Taksim-Platz und dem Gezi-Park aber hauptsächlich durch gewaltsame Demonstrationen Berühmtheit. Dem Tourismus tat das keinen Abbruch.

Wer Orhan Pamuks „Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ gelesen hat, weiß, dass es eine typisch türkische Melancholie gibt und auch ein eigenes Wort für dieses schwermütige Lebensgefühl. Als nationale Mentalität wird „Hüzün“ vor dem Hintergrund des Verlusts historischer Größe gesehen, als individuelle Gestimmtheit meist in Verbindung mit Liebeskummer. Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan beispielsweise thematisiert dieses vielschichtige Empfinden in all seinen Filmen, zuletzt in „Winterschlaf“, der 2014 die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes gewonnen hat.
Seit den Gezi-Protesten, die im Mai 2014 angefangen und eigentlich bis heute nicht wirklich aufgehört haben, ist „Hüzün“ um eine traurige Facette reicher. Haben die Proteste doch aus dem zentralen Taksim-Platz mit seiner dort beginnenden, rund drei Kilometer langen ?stiklâl-Straße, die durch den modernen Stadtteil Beyoğlu über den Galatasaray-Platz zum Tünel-Platz führt, einen ungastlichen Hochsicherheitstrakt mit omnipräsenten Polizisten und Soldaten gemacht, die mit Maschinengewehren rund um die Uhr patrouillieren.

Angespannte Stimmung

Menschenansammlungen werden sofort kritisch beäugt und nach wenigen Minuten aufgelöst. Die Stimmung ist angespannt, Nervosität und teilweise sogar Angst liegen in der Luft. Dabei waren der Taksim-Platz und die ?stiklâl-Straße noch bis vor wenigen Jahren Orte, an denen man (auch als Frau) ohne Weiteres bis spät in die Nacht allein flanieren, einkaufen und weggehen konnte. Heute trauen sich das die wenigsten. Zu präsent sind die Bilder von Straßenschlachten zwischen der Polizei und Demonstranten, die gegen ein geplantes Einkaufszentrum auf dem Gelände des an den Taksim-Platz angrenzenden Gezi-Parks protestieren wollten und gewaltsam vertrieben wurden. Nach der Eskalation des Konfliktes demonstrierten zehntausende Menschen in mehreren türkischen Großstädten gegen die als immer autoritärer empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, dessen Aufstieg elf Jahre zuvor so umjubelt begann.

Boomende Wirtschaft

2002 schrieb Erdoğan Geschichte, als er mit seiner von Islamisten, Zentristen und Liberalen getragenen AKP die Parlamentswahl gewann. Drei Wahlen später war die Türkei nicht wiederzuerkennen. Ein boomendes Gemeinwesen mit Wachstumsraten, von denen die meisten EU-Länder nur träumen können. Drei Wahlen später werfen ihm seine Gegner aber auch vor, einen religiös-islamischen Staat errichten zu wollen, und finden in dem Staatschef den alten Erdoğan wieder: einen Erdoğan, der 1999 wegen religiöser Umtriebe ins Gefängnis kam, weil er aus einem Gedicht die Strophe zitiert hatte: „Die Moscheen sind unsere Kasernen/die Kuppeln unsere Helme/die Minarette unsere Bajonette.“
Viele europäisch gesinnte Türken vermuten, Erdoğan wolle das Land geistig in Richtung des Nahen Ostens treiben. Ihr Verdacht nährt sich auch aus Ansprachen des Regierungschefs, der zu sagen pflegt: „Ich grüße meine Brüder in Sarajewo, Baku, Beirut, Damaskus, Gaza, Mekka, Medina.“ Berlin, Paris oder London mit ihren großen türkischen Gemeinden erwähnt er dagegen nicht. Bei den Parlamentswahlen im Juni verlor die AKP die absolute Mehrheit, nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen und dem neu aufgebrochenen Kurdenkonflikt wurden für den 1. November Neuwahlen anberaumt. Trotz der Turbulenzen der vergangenen Jahre ging aber der Tourismus in Istanbul durch die Decke. Neue Hotelprojekte verändern das Gesicht ganzer Stadtviertel. Die derzeitige Bettenkapazität der 14-Millionen-Einwohner-Stadt beläuft sich auf etwa 150.000.
Vor allem arabische und russische Touristen haben ihre Leidenschaft für Istanbul entdeckt. Rund zwölf Millionen ausländische Gäste kamen im vergangenen Jahr in die Bosporusmetropole. Zum Vergleich: Die beliebtesten europäischen Destinationen London und Paris hatten rund 17 bzw. 15 Millionen Besucher.

4000 Geschäfte auf 31.000 m2

Zu den beliebtesten Touristenattraktionen zählt nach wie vor die Blaue Moschee – benannt nach den vielen blau-weißen Fliesen, die die Kuppel und den oberen Teil der Mauern zieren. Sie ist die größte und prunkvollste Moschee Istanbuls und stellt ein Hauptwerk der osmanischen Architektur dar. Ihre Errichtung fiel unter die Herrschaft von Sultan Ahmet I., der von 1603 bis 1617 regierte. Keine 500 Meter weiter steht die legendäre Hagia Sophia, eine einst byzantinische Kirche, die später eine Moschee wurde und heute ein Museum ist. Sie befindet sich in Eminönü, einem Stadtteil im europäischen Teil Istanbuls. Dort, wo auch der Große Basar täglich eine halbe Million Menschen anlockt – ein überdachter Markt, der sich über 31.000 Quadratmeter erstreckt und rund 4000 Geschäfte (Gewürze, Bekleidung, Süßigkeiten, Schmuck etc.) beherbergt. Angelegt wurde er im 15. Jahrhundert unter Sultan Mehmet Fatih nach der Eroberung Konstantinopels.
Direkt am Ufer der europäischen Bosporus-Seite befindet sich der Dolmabahçe-Palast. Er diente ab dem 19. Jahrhundert dem Sultan als Residenz und beeindruckt mit seiner prachtvollen Fassade sowie seinen verspielten Innenräumen. Bei einer Führung durch den Palast wird die frühere Macht des osmanischen Reichs deutlich.
Dringend zu empfehlen ist auch eine Fahrt in der historischen Straßenbahn durch die ?stiklâl-Straße, die vom Taksim-Platz zum Tünel-Platz führt. Die Strecke wurde 1990 eröffnet und wird mit renovierten Originalfahrzeugen betrieben. Sie fahren mit Schrittgeschwindigkeit und halten mehrmals an, sodass man genug Zeit hat, die Straße mit den Dutzenden Seitengassen, Restaurants, Shisha-Bars und Shops zu besichtigen.

Anreise mit der eigenen Jacht

Wer das Nachtleben Istanbuls genießen will, sollte dem Babylon in Beyoğlu, einer Tanzbar mit täglichen Livekonzerten und vernünftigen Preisen, eine Chance geben. Die 360-Grad-Bar, ebenfalls in Beyoğlu, bietet einen atemberaubenden Blick auf die Meeresenge – tagsüber ist es ein Restaurant, abends eine Disco. Eine traumhafte Aussicht auf den Bosporus gibt es auch vom Club Sortie aus im Stadtteil Beşiktaş (in Kuruçeşme, um genau zu sein). Das Sortie gilt auch als eines der besten Restaurants der Stadt.
Ein absolutes Muss ist der Club Reina, der seit seiner Eröffnung 2002 zu den exotischsten Lokalen Europas zählt und regelmäßig Stars wie Madonna, Kylie Minogue, Zinedine Zidane oder Sting zu seinen Gästen zählt. Die Lage am Bosporus mit Blick auf die Bosporusbrücke ist einzigartig. Auf der großen Open-Air-Tanzfläche können bis zu 2500 Gäste feiern.
An den Tischen drumherum sitzen erfolgreiche Unternehmer und bestellen Kübel mit Wodkaflaschen und Energydrinks, Fußballstars stoßen in Separées mit Efes-Bier an, Touristen stehen an einer der Bars und gönnen sich eine Flasche Wein. Und wer seinen Reichtum unbedingt zur Schau stellen muss, benützt nicht den Haupteingang auf der Straßenseite, sondern kommt mit der eigenen Jacht. Am privaten Steg des Clubs kann unter den teils bewundernden, teils neidischen Blicken der anderen Gäste angelegt werden.

ARABISCHER TOURISMUSBOOM AM BOSPORUS

Roxy: Tanzbar im europäischen Stadtteil Beyoğlu, die vor allem von ausländischen Studenten frequentiert wird. Auch Konzerte finden regelmäßig statt, nicht von türkischen Stars, sondern auch von internationalen Größen wie Ben Harper.
Cihangir, 34433 Istanbul

Topkapı-Palast: Der Topkapı-Palast ist ein beeindruckender Bau in exponierter Lage direkt am Bosporus. Er diente in den vergangenen Jahrhunderten den Sultanen als Wohn- und Regierungssitz.

Cisterna Basilica: Auch als versunkener Palast bekannt, wurde die unterirdische Zisterne um 532 n. Chr. zur Speicherung von Wasser für den heute zerstörten großen Palast erbaut. Noch heute können die beeindruckenden Säulen besichtigt werden, um die herum sich immer noch Wasser befindet. Wirtschaftsboom: Der Tourismus und die Wirtschaft Istanbuls weisen Wachstumsraten auf, von denen die meisten EU-Länder nur träumen können. Paradebeispiel dafür sind die Turkish Airlines. Das Unternehmen hat die Passagierzahlen in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht (plus 367 Prozent). 2014 transportierte die Fluggesellschaft 54,7 Mio. Reisende, 13,3 % mehr als im Vorjahr. Für 2023 peilt sie 120 Mio. Passagiere an. Turkish Airlines fliegen mehr ausländische Ziele an als jede andere Airline. Sie wurden 2006 privatisiert. Nach wie vor sind 49 Prozent der Anteile in staatlicher Hand. Der neue Istanbuler Flughafen soll in zweieinhalb Jahren den Betrieb aufnehmen, nach einer mehrjährigen Ausbauphase bis zu 150 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen und damit eines der größten Drehkreuze der Welt werden.