Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Datenanalyse im Katastrophenfall

HURRICANE KATRINA
(c) EPA (VINCENT LAFORET/NEW YORK TIMES/P)
  • Drucken

Porträt. Die Informatikerin Daniela Pohl analysiert Social-Media-Daten, um Einsatzkräfte zu unterstützen. Getestet wurde an Tweets von 2012: während des Hurrikans in New York.

Als Hurrikan Sandy 2012 die amerikanische Metropole New York in den Ausnahmezustand versetzte, waren die städtischen Katastrophenschützer nahezu überfordert. Über die Hälfte der Stadt war drei Tage ohne Strom. Krankenhäuser, Pflegeheime, Lifte und U-Bahnen außer Betrieb. Schnell bildete sich in dieser Notsituation in der Bevölkerung eine Web-Community, die auch über das Kurznachrichtenportal Twitter kommunizierte. Für die Rettungsorganisationen wurde dies zu einer aussagekräftigen Informationsquelle, deren Auswertung jedoch mühevolle Einzelanalysen erforderte.

An der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt hat die Informatikerin Daniela Pohl diese Social-Media-Daten analysiert. Persönlich nutzt sie weder Facebook noch Twitter oder YouTube. „Das kostet zu viel Zeit“, erklärt sie. Sie geht auch, wie viele der Internet-Profis, sehr restriktiv mit ihren persönlichen Daten um. Neben dem Interesse an Software Entwicklung, Wartung und Design waren „Machine Learning“ und „Data Mining“ bisher ihre wichtigsten Tätigkeitsfelder.

Die vergangenen vier Jahre hat Pohl investiert, um für ihre Dissertation Tweets, Fotos auf Flickr und YouTube-Videos zu untersuchen, bei denen die jeweiligen Anmerkungen als Informationsquellen für die Analyse genutzt werden. Das Ergebnis ist ein Instrument, das Social-Media-Daten und andere Live-Daten für die Einsatzleitung bei Katastrophen in Echtzeit auswerten kann.

Ihre Arbeit fand im Rahmen des EU-Forschungsprojektes „Bridge“ statt, an dem sich Forscher und Katastrophenschützer aus Österreich, Deutschland, Norwegen, Belgien, Großbritannien und Holland beteiligten. Ziel war es, technologische Prozesse und Programme so zu gestalten, dass sie für Entscheidungsträger im Katastrophenfall zusätzliche Informationen liefern. So analysierte Pohl tausende Kilometer entfernt vom Katastrophenort vor ihrem Computer in ihrem Unibüro in Klagenfurt New Yorker Tweets mit Hilfe eines Algorithmus. Extrahiert wurden bestimmte Termini, die besonders häufig auftraten oder sinnvoll in Zusammenhang gebracht werden konnten. Vorausgesetzt, sie hatten die Geokoordinaten von New York, wurden Cluster evaluiert, beispielsweise unter dem Stichwort Überflutung. Die genannten Ereignisse verglich Pohl im Nachhinein mit dem tatsächlichen Verlauf der Krise. So bewies sie, dass der Algorithmus die richtigen Ereignisse und Informationen identifizieren kann.

Bevor sie mit den Online-Analysen begann, hatte Pohl bereits Offline-Analysen von Social-Media-Daten der Unruhen in England im August 2011 durchgeführt. Stichworte waren hier u. a. Unruhen, Feuer oder Plünderungen. Katastrophenschützer können dies für Trainings verwenden.

Ein wichtiges Problem bei Datenanalysen ist die Vertrauenswürdigkeit. Als Kriterien können sowohl die Häufigkeit der Tweets, das Profil der Benutzer im Internet und die Zahl der Kontakte herangezogen werden. „Je mehr Menschen darüber schreiben, desto wichtiger ist es, das Ereignis genauer zu betrachten“, erklärt Pohl.

 

Software lernt selbst, was wichtig ist

Die Relevanz der Daten soll von den Einsatzkräften selbst beurteilt werden. „Wir haben einen Algorithmus, der aus dem Feedback der Nutzer lernt, welche Information relevant ist. Der Algorithmus fragt, wenn er sich unsicher ist, selbst nach: Ist das jetzt eine relevante Information?“, sagt Pohl. „Dann lernt der Algorithmus, das ist etwas, was ich als relevant klassifizieren muss, und merkt sich das für künftige Entscheidungen.“

Noch ist das Programm kein fertiges Produkt, sondern ein Algorithmus, der mit Daten gefüttert werden muss. Die englisch basierte Textanalyse könnte für die Nutzung in Österreich durch eine deutschsprachige ersetzt werden.

ZUR PERSON

Daniela Pohl wurde 1984 in Villach geboren und schloss die HTL mit dem Schwerpunkt EDV und Organisation ab. Sie studierte in Klagenfurt Informatik mit Anwendungsfach Betriebswirtschaft. Im Masterstudium wählte sie als Hauptfach „Software Entwicklung“ und promovierte in Informatik bei Hermann Hellwagner. Die Arbeit als Projektassistentin im internationalen Bridge-Team (EU-Projekt) gefiel ihr besonders gut.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2015)