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Die wichtigen Dinge versteht niemand

USA PULITZER PRIZE 2013
Adam Johnson (Archivbild)EPA
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Adam Johnson, Pulitzerpreisgewinner und Autor von "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", zeigt mit "Nirvana", dass er auch die Kunst der Kurzgeschichte beherrscht.

Man soll nicht vom Aussehen auf das Wesen einer Person schließen. Schon gar nicht bei Schriftstellern. Aber manchmal geht es eben nicht anders: Eine aufgetürmte Frisur und ein perfektes Make-up hinterlassen einen ersten Eindruck, ein kahl rasierter Kopf und eine randlose Brille einen anderen. Selten aber scheinen Bild und Buch so unstimmig wie bei Adam Johnson und seiner jüngsten Kurzgeschichtensammlung, „Nirvana“.

Vor allem wegen einer Geschichte muss man sich regelmäßig vergewissern, dass der Autor tatsächlich ein Mann ist, ein 48-jähriger Literaturprofessor aus South Dakota, Gewinner des Pulitzerpreises 2013 für den Nordkorea-Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, mit der Statur eines bulligen American-Football-Spielers und Gesichtszügen, die ihre Herkunft von amerikanischen Ureinwohnern nicht verleugnen.

In „Interessant!“ schlüpft Johnson nämlich so einfühlsam in die Haut seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Stephanie Harrell, bei der ein aggressiver Brustkrebs diagnostiziert worden war, dass man nur noch sie hört. Harrell überlebte, aber Diagnose und Behandlung trieben das Ehepaar und ihre drei Kinder an ihre Grenzen.

Fulminant ist die Einsicht, mit der der Schriftsteller durch die Welt der Krebskranken streicht, mit allem, was dazugehört: der Hass auf die gesunde Umwelt, für die das Leben weitergeht; die Unfähigkeit, die eigenen Kinder anzusehen, zu groß ist der Schmerz; das dringende Bedürfnis nach einem Hammer; die schleichende Distanz zwischen sich und der Familie; das Gefühl, zwar noch am Leben zu sein, aber für die anderen langsam zum Geist zu werden. Ohne jede Sentimentalität schildert Johnson diese Achterbahnfahrt – und macht sie damit noch umso erschreckender.

Voller Empathie und Schmerz. Doch Sentimentalität ist insgesamt nicht Adam Johnsons Sache. Eher der klare Blick, mit dem er Ecken des Daseins ausleuchtet, von denen sich die meisten Menschen wegdrehen. Johnson schaut hin, voller Empathie und Schmerz, setzt sich aber gleichzeitig eine Brille mit sehr vielen technologisch-futuristischen Elementen auf, die den meisten Erzählungen eine „Blade Runner“-Qualität verleihen, aber ohne deshalb emotionale Distanz zu schaffen. Dieser besondere Ton wurde in der Übersetzung von Anke Caroline Burger sehr gut wiedergegeben.

Das gilt für „Dark Meadow“, in der Adam Johnson die Geschichte von Mister Roses erzählt, einem Pädophilen, der dagegen ankämpft, „böse“ zu sein und auf einmal für die zwei kleinen Töchter seiner verschwundenen Nachbarin verantwortlich ist. Mister Roses muss eine Entscheidung treffen, genauso wie der UPS-Zusteller Nonc in der Kurzgeschichte „Nonc und Geronimo“, der in den Nachwehen des Hurrikans Katrina seinen unehelichen zweijährigen Sohn im Auto vorfindet. Die Schutzlosigkeit der Kinder ist ein Thema, das Adam Johnson in beiden Geschichten mit Gänsehauteffekt aufgreift.

Das andere Thema ist, was totalitäre Regime mit Menschen anstellen, und zwar noch lang nachdem entweder die Machthaber abgesetzt wurden oder die Menschen entkommen sind. In „Da lacht das Glück“ kehrt Johnson nach Nordkorea zurück. In „Mein Freund George Orwell und ich“ setzt sich der ehemalige Direktor eines DDR-Gefängnisses freiwillig den Foltermethoden von einst aus, weil er das alte System einfach nicht infrage stellen kann.


Flucht ins Nirwana. Mit „Nirvana“, der titelgebenden Geschichte, für die Johnson 2014 den hoch dotierten Kurzgeschichtenpreis der „Sunday Times“ gewann, schließt sich der Kreis: Auch da geht es um eine todkranke Frau, die sich vor ihrer unheilbaren Autoimmunkrankheit in die Songs von Kurt Cobain flüchtet, und um ihren Mann, der versucht, sie vom Selbstmord abzuhalten, indem er ihr ein Hologramm des Sängers ans Bett stellt.

Richtig? Falsch? Die wichtigen Dinge im Leben, so meint Johnson, versteht ohnedies niemand.

Neu erschienen

Adam Johnson
„Nirvana“

Übersetzt von Anke Caroline Burger Suhrkamp Verlag

262 Seiten

20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2015)