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Terror in Ankara: "Tragen Kämpfe zurück in die Türkei"

A demonstrator holds flowers near a police barricade during a commemoration for the victims of Saturday´s bomb blasts in the Turkish capital, in Ankara
Demonstrantin in Ankara(c) REUTERS (UMIT BEKTAS)
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Der Syrienkrieg und der Kurdenkonflikt spalten das Land. Nach dem verheerenden Anschlag in Istanbul vertiefen sich die Gräben.

Istanbul. Der Syrien-Konflikt greift immer mehr auf die Türkei über: „Willkommen im Nahen Osten“, kommentiert der Terrorexperte Nihat Ali Özcan der politischen Stiftung Tepav in Ankara gegenüber der „Presse“ den Terroranschlag in der türkischen Hauptstadt vom Samstag mit über 120 Todesopfern. Denn die Indizien verdichteten sich, dass der Anschlag das Werk der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen seien könnte. Die von der regierung bekanntgegebene Zahl der Todesopfer lag Montagfrüh bei 98. Die Identifizierung der Selbstmordattentäter sei im Gange, hieß es vonseiten der Ermittler. 

Der Verdacht bestätigt Befürchtungen von Beobachtern: Der IS greife kurdische und linke Gruppen in der Türkei an, weil er diese als Ungläubige betrachte und weil er die Kurden in Nordsyrien schwächen wolle, erklärt Terrorexperte Özcan. „Der IS hat in Ankara zugeschlagen, weil in den nächsten Tagen eine Offensive der USA und der Kurden bei Raqqa erwartet wird.“ Raqqa ist die Hauptstadt des vom IS ausgerufenen Kalifats in Syrien und im Irak.

In Ankara steht der 25-jährige Yunus Emre Alagöz aus dem nordosttürkischen Adiyaman im Mittelpunkt der Ermittlungen, er hat sich mitten unter den Teilnehmern einer Friedensdemonstration in die Luft gesprengt. Alagöz ist der Bruder jenes Mannes, der am 20. Juli in der Stadt Suruc an der syrischen Grenze eine Selbstmordweste zündete und mehr als 30 kurdische und linke Aktivisten mit in den Tod riss. Die Brüder Alagöz reisten nach Erkenntnissen der Polizei 2014 nach Syrien, um sich der Terrormiliz anzuschließen und sich im Bombenbau ausbilden zu lassen.

Es gab Anschlagwarnungen

Nach dem Anschlag von Ankara verlautete aus Ermittlerkreisen, die verwendeten Bomben – TNT-Sprengstoff mit Metallkugeln – glichen dem Sprengsatz von Suruc. Damals hatte die türkische Regierung den IS für die Bluttat verantwortlich gemacht.

Schon in den Tagen vor der Katastrophe von Ankara kursierten bei türkischen Sicherheitsbehörden offenbar Warnungen vor möglichen Selbstmordattentätern. Dies wiederum verstärkt die Kritik an den Behörden: Warum wurden die Veranstalter der Demo vom Samstag nicht gewarnt?

„Staat ist ein Mörder“

Kritiker vermuten, dass es um mehr geht als nur Pannen bei den Sicherheitsdiensten. Sie werfen dem Staat vor, in das Blutbad verwickelt gewesen zu sein. „Der Staat ist ein Mörder“, riefen tausende Demonstranten, die am Samstagabend in Istanbul gegen die angebliche Mitschuld der Behörden auf die Straße gingen.

Auch auf politischer Ebene werden die Gräben tiefer. Die regierungsnahe Presse gab am Sonntag der legalen Kurdenpartei HDP die Schuld an dem Anschlag, obwohl viele ihrer Parteimitglieder unter den Opfern waren. Die HDP wolle sich mit der zynischen Taktik vor der Parlamentswahl am 1. November weitere Stimmen sichern.

Kurdenpolitiker verstärkten unterdessen ihre Vorwürfe an die Behörden. HDP-Chef Selahattin Demirtas betonte, dass der türkische Sicherheitsapparat von jeder kleiner Protestaktion in Ankara wisse, aber das Massaker nicht verhindert habe. Kritiker werfen der Regierung schon lang vor, insgeheim eng mit dem IS zu kooperieren. Ankara weist dies zurück.

Brutale Gewalt, das Fehlen eines demokratischen Konsenses in Ankara und die Willkür der Regierung lassen die Türkei immer mehr zu einem krisengeschüttelten Nahost-Staat werden. In Syrien kämpfen Türken in den Reihen von Islamistentruppen ebenso wie für Assad-treue Milizen. „Und alle tragen den Krieg zurück in die Türkei“, sagt ein Experte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2015)