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Guillermo del Toro: „Die Männer in meinem Film sind nutzlos“

„Es ist kein reiner Horrorfilm, kein klassisches Melodram, sondern eine Verbindung davon, gefiltert durch ein Märchen“, sagt Regisseur del Toro über „Crimson Peak“.
„Es ist kein reiner Horrorfilm, kein klassisches Melodram, sondern eine Verbindung davon, gefiltert durch ein Märchen“, sagt Regisseur del Toro über „Crimson Peak“.(c) Universal Pictures
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Meisterregisseur Guillermo del Toro will mit „Crimson Peak“ an die Blütezeit der Schauerromantik anschließen. Mit der „Presse“ sprach er über starke Frauenrollen, Genre-Erwartungen und die Bücher, die er als Kind verschlang.

Das Kino des mexikanischen Ausnahme-Regisseurs und Edelfantasten Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“, „Pacific Rim“) erinnert an ein Haus. Jeder neue Film fügt diesem gewaltigen, verwinkelten Gebäude ein weiteres Zimmer hinzu. „Crimson Peak“ ist ein besonders gelungener Anbau. Das aus del Toros Leidenschaft für die Schauerromantik destillierte Horror-Melodram folgt der jungen Amerikanerin Edith (Mia Wasikowska) Anfang des 20. Jahrhunderts in das nördliche England. Dort bezieht sie mit ihrem Ehemann, Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston), und dessen Schwester Lucille (grandios: Jessica Chastain) das beeindruckende gotische Familienanwesen Allerdale Hall. Aber in den dunklen, holzgetäfelten Korridoren, hinter den mit sinistren Ölgemälden behangenen Wänden, unter den morschen Dielen liegt ein Geheimnis begraben. Und es ist an Edith, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Meisterregisseur Guillermo del Toro.
Meisterregisseur Guillermo del Toro.(c) REUTERS (BENOIT TESSIER)

Vorwiegend sind es Schatten, die diesen berauschend düsteren Film dominieren. Guillermo del Toro übersetzt Henry James' dunkelromantisches Diktum vom ewigen Kampf zwischen der geisterhaften Vergangenheit und der Zukunft in ein kontrastreiches, farbintensives, abgründiges Melodram.


„Die Presse“: Das Genre der Schauerromantik übt eine besondere Faszination auf Sie aus. Woher rührt sie?

Guillermo del Toro: Der erste Film, den ich jemals gesehen habe, war die Adaption von Emily Brontës „Sturmhöhe“ von William Wyler. Damals war ich vier Jahre alt. Als Kind und Jugendlicher habe ich Bücher regelrecht verschlungen, für gewöhnlich ein bis zwei am Tag. Zu meinem großen Glück habe ich damals schon Mary Shelleys „Frankenstein“ gelesen, genau wie „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë. Beide Romane erzählen unheimlich ergreifend von Verlust und Melancholie. Beide wurden von Frauen verfasst, sind sehr introspektiv und haben mich stark geprägt.


Haben Sie Filme aus diesem Genre auch dermaßen beeindruckt?

Ich habe so gut wie alle gesehen. Das Lustige daran ist ja, dass in Hollywoods Goldenem Zeitalter Filme wie „Dragonwyck“ von Joseph L. Mankiewicz (1946) oder „Rebecca“ von Alfred Hitchcock (1940) entstanden sind. Das waren große, aufwendige Produktionen. Später ist die Schauerromantik fast nur mehr von billigen B-Filmen aufgegriffen worden. Die hatten kein Geld mehr für prächtige Kulissen, häufig gab es nur einen Typen mit einer Kerze in der Hand und viele Spinnweben. Mit „Crimson Peak“ möchte ich an die filmische Blütezeit der dunklen Romantik anschließen. Denn, wenn man sich das Kino als Bankett vorstellt, dann hat dieses Genre einen sehr reichhaltigen, eigenständigen Geschmack. Es ist kein reiner Horrorfilm, kein klassisches Melodram, sondern eine Verbindung davon, gefiltert durch ein Märchen.


„Crimson Peak“ ist nicht Ihr erster dunkelromantischer Film. „The Devil's Backbone“ (2001) kann man auch diesem Genre zuordnen, selbst wenn er es komplett anders auslegt. Dennoch scheinen mir diese zwei Arbeiten eng miteinander verbunden zu sein.

Die drei Filme, auf die ich am meisten stolz bin, sind „The Devil's Backbone“, „Pans Labyrinth“ (2006) und „Crimson Peak“. Und diese Arbeiten kommunizieren auch miteinander. „Crimson Peak“ ist der Mädchenfilm und „The Devil's Backbone“ ist der Bubenfilm. Die Geister, die Edith trifft, entsprechen verschiedenen Phasen von Weiblichkeit wie Mutterschaft oder Aufopferung. Alle männlichen Figuren in „Crimson Peak“ sind nutzlos, während die Frauen immer stärker werden, je weiter die Geschichte voranschreitet.


Wie sind Sie zu Ihren Hauptdarstellerinnen gekommen?

Mia Wasikowska strahlt eine subtile Autorität aus. Manchmal vermännlichen Regisseure ihre weiblichen Figuren, wenn sie Stärke vermitteln sollen. Edith aber sollte essenziell weiblich sein und daraus ihre Kraft beziehen. Mia Wasikowska ist außerdem der perfekte Kontrapunkt zu Jessica Chastain. Die Besetzung der Rollen ist für mich vergleichbar mit dem Einrichten eines Zimmers. Ich sage zu meiner Frau immer, dass wir mit einem Möbel anfangen sollten und der Rest sich dann daraus ergibt. Jessica war die erste besetzte Rolle und daher auch der Ankerpunkt für alle anderen. Ich habe ihr das Drehbuch zugeschickt und sie gebeten, mir mitzuteilen, welche Rolle sie interessieren könnte. Ihre Wahl fiel auf Lucille, was ich enorm schlau fand. Denn in der Schauergotik gehören die spannendsten, stärksten, komplexesten Rollen immer den Bösewichtern. Sie hat auch verstanden, dass ich Genre-Erwartungen entgegenarbeiten wollte, indem ich ihre Figur zum Ende hin immer menschlicher und nahbarer machte.


„Crimson Peak“ werden sich vermutlich viele Menschen rund um Halloween ansehen. Mögen Sie diesen Feiertag?

Meine Frau will immer, dass ich mich als Frankensteins Monster verkleide. Aber ich finde, ein fetter Frankenstein, das geht gar nicht. In Verkleidungen fühle ich mich immer ziemlich merkwürdig. Einmal habe ich mich als fetter Zombie verkleidet und dabei ausgesehen wie ein verwesender Weihnachtsmann. Nicht wirklich beeindruckend.

Zur Person

Guillermo del Toro, 1964 in Mexiko geboren, gab mit dem Vampirfilm „Cronos“ 1993 sein Debüt. Er drehte Blockbuster wie „Blade II“, „Hellboy“ und „Pacific Rim“. „Crimson Peak“ startet morgen im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2015)