Konjunktur: Europa klar schwächer als USA

(c) AP (Alistair Grant)
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In der Eurozone ist die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um 4,8 Prozent geschrumpft. Der Rückgang fällt deutlich stärker aus als in den Vereinigten Staaten.

wien (red./ag).Die europäische Wirtschaft ist im ersten Quartal des laufenden Jahres deutlich geschrumpft. Nach den nun veröffentlichten endgültigen Daten des EU-Statistikamtes Eurostat ist die Wirtschaftsleistung der „EU 27“ (also aller EU-Länder) gegenüber dem ersten Quartal 2008 um 4,5 Prozent geschrumpft, jene der Euro-Länder sogar um 4,8 Prozent. Der tatsächliche BIP-Rückgang liegt damit noch über dem Mitte Mai veröffentlichten vorläufigen Wert, der für die Euro-Zone eine Schrumpfung um 4,6 Prozent ergeben hat.

Die Wirtschaft der EU-Länder ist deutlich stärker abgefallen als jene der USA, die im ersten Quartal einen Rückgang um 2,5 Prozent erlitt. Noch schlechter hat sich Japan entwickelt, wo das BIP im ersten Quartal um vergleichsweise hohe 9,1 Prozent schrumpfte.

Österreich besser als der Schnitt

In der EU selbst sind die Unterschiede enorm: Katastrophal waren die Einbrüche in Lettland (minus 18,6 Prozent) und Estland (minus 15,6 Prozent). Auf der anderen Seite überraschte Polen mit einem Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent im Quartal. Polen ist das einzige EU-Land, dessen Wirtschaft nicht geschrumpft ist. Österreich liegt mit einem BIP-Rückgang von 2,9 Prozent besser als Deutschland, wo ein BIP-Einbruch von 6,9Prozent registriert wurde.

Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass damit die Negativrekorde erreicht sind. Im zweiten Quartal dürfte der Abschwung etwas gebremst worden sein. Halten die Prognosen, dann dürfte die Schrumpfung im Gesamtjahr deutlich unter den im ersten Quartal registrierten Horrorwerten liegen. Zum Stillstand kommen dürfte der Abschwung aber erst im Laufe des kommenden Jahres.

Das sieht unterdessen auch die bisher eher positiv gestimmte Europäische Zentralbank (EZB) so: Österreichs Vertreter im EZB-Rat, ÖNB-Gouverneur Ewald Nowotny, kündigte Dienstagabend bei einer Veranstaltung in Wien an, dass die heute, Donnerstag, zur Veröffentlichung anstehende Konjunkturprognose der EZB „leider keine sehr guten Zahlen“ enthalten werde. Europa befinde sich „tatsächlich in einer sehr schweren Krise“. Heuer werde es, so der Notenbanker, noch „massiv negative Wachstumsraten“ geben, nächstes Jahr werde man bei „plus, minus null“ liegen.

Nowotny hält die Angst vor einer Hyperinflation nach der Krise für nicht begründet, meint aber, dass Europa „einige Monate mit negativen Inflationsraten“ erleben werde. Von Deflation will das EZB-Ratsmitglied aber nicht sprechen, nur von einer „Disinflation“. Die Inflation werde nämlich nur wegen des „Basiseffekts“ (im Vorjahr war der Ölpreis sehr hoch) einige Zeit unter null liegen.

Konsum lässt nach

Die schlechteste Nachricht für das erste Quartal hat Eurostat von der Konsumfront erhalten: Erstmals seit Beginn der Krise lassen auch die Konsumenten aus. Die Konsumausgaben sind in der Eurozone um 0,5 und in der EU 27 um ein Prozent zurückgegangen, was dem BIP insgesamt weitere 0,3 Wachstumsprozente gekostet hat. In der ersten Phase der Krise hatten anhaltend hohe Konsumausgaben einen zu heftigen Absturz der Konjunktur verhindert.

Sehr stark unter die Räder gekommen ist der Außenhandel. Die Exporte der Eurozone gingen im ersten Quartal um etwa 8,1 Prozent zurück, die Einfuhren schrumpften um 7,2 Prozent. Stark rückläufig (minus 4,2 Prozent) waren auch die Investitionen.

Das kann damit zusammenhängen, dass es für Unternehmen schwieriger geworden ist, an Kredite zu kommen. Die deutschen Wirtschaftsverbände haben sich gestern an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt und davor gewarnt, dass viele Betriebe schon im Sommer in existenzbedrohende Probleme schlittern könnten. Die Banken würden höhere Sicherheiten verlangen und alte Sicherheiten schlechter bewerten, hieß es.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2009)

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