Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Politik und Terror: Wie Kleptokraten den Jihadismus befeuern

Jalalabad, Oktober 2015. Straßenkontrollen wie diese sind für afghanische Polizisten und Soldaten oft lukrative Einnahmequellen. Das stärkt die Taliban.
Jalalabad, Oktober 2015. Straßenkontrollen wie diese sind für afghanische Polizisten und Soldaten oft lukrative Einnahmequellen. Das stärkt die Taliban.(c) APA/EPA/GHULAMULLAH HABIBI (GHULAMULLAH HABIBI)
  • Drucken

Sarah Chayes hat islamistische Terrorgruppen von Nigeria über Algerien bis Afghanistan studiert. Ein Leitmotiv eine die Jihadisten und gebe ihnen Rückhalt im Volk, sagt sie der „Presse“: die Korruption säkularer Regierungen.

Bei der Passkontrolle auf dem Flughafen in Nigerias Hauptstadt Abuja hatte Sarah Chayes im vorigen Jahr ein bemerkenswertes Erlebnis. Eine Zollbeamtin mit dem klingenden Namen Godsgift Nwoke Opusunju drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand, mit der Einladung, sich zu melden, falls sie Hilfe benötigte. Auf der einen Seite des Kärtchens waren Frau Opusunjus dienstliche Kontaktdaten vermerkt, auf der anderen jene ihrer „Nichtregierungsorganisation“ namens Rescue and Counseling International. Eine Beamtin, die nebenbei ein einträgliches Privatgeschäft unter dem Deckmantel des zivigesellschaftlichen Engagements betreibt: Das ist in Nigeria nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie liegt am Ursprung der mörderischen Terrororganisation Boko Haram, die erst am vergangenen Wochenende wieder Dutzende Menschen in Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger umgebracht hat.

 

Böse Beamte schaffen böses Blut

„Wir nennen sie ,evil servants‘“, zitiert Chayes den Justizreformer Kemi Okenyodo in ihrem Buch „Thieves of State: Why Corruption Threatens Global Security“, in dem sie ihre Forschungen über den Zusammenhang zwischen staatlichem Machtmissbrauch und dem Erstarken jihadistischer Gruppen von Westafrika bis nach Zentralasien zusammengefasst hat. „Evil servants“: das ist ein Wortspiel mit dem englischen Ausdruck „civil servants“, also Beamter. Wer in Nigeria für seinen Sohn oder seine Tochter einen Posten in der öffentlichen Verwaltung anstrebt, muss sie in eine der öffentlichen, säkularen Schulen schicken, die ihre Wurzeln in der britischen Kolonialherrschaft haben. Die Briten bildeten in diesen Schulen, die meist von anglikanischen Missionaren geführt wurden, jene nigerianischen Bürokraten aus, mittels derer sie ihre Macht organisierten.

„Das war für mich ein Aha-Moment. Ich wusste, dass Boko Haram teilweise durch diese Art von Korruption geschaffen wurde. Was ich nicht wusste, war, welche große Rolle die Schulen dabei spielen“, sagt Chayes im Gespräch mit der „Presse“ in ihrem Büro in der Carnegie-Stiftung in Washington. „So erhält man diese Kombination von unislamischer Westlichkeit, die in den Köpfen der Leute mit Korruption verknüpft wird.“ Der Name Boko Haram lässt sich mit „Unislamische westliche Erziehung“ übersetzen. Das zielte in den Anfängen dieser Gruppe, die als eine Art militant-puritanischer islamischer Sparverein begann, in erster Linie auf die korrupte Denkweise, welche angehende Staatsdiener in diesen Schulen lernten. „Alle Männer und Frauen, mit denen ich darüber gesprochen habe, Christen ebenso wie Muslime, lehnen den Weg von Boko Haram energisch ab. Aber sie verstehen, wo und wie das begonnen hat“, sagt Chayes. Ibrahim Aliyu Nassarawa, Vorsitzender der Rechtsanwaltskammer im nigerianischen Teilstaat Kano, wo Boko Haram besonders grausam wütet, ist direkter: „Wenn sie Polizeistationen angreifen, sind die Leute froh. Sie machen nicht mit, aber sie sind froh.“

Chayes hat in Afghanistan hautnah beobachtet, wie der Machtmissbrauch lokaler Politiker und Beamten den Jihadisten Auftrieb und Rückhalt im Volk verleiht. Nachdem sie als Reporterin des National Public Radio über den Fall der Taliban im Dezember 2001 berichtet hatte, blieb sie im Land und begann, für eine Reihe von Hilfsorganisationen von Qayum Karzai zu arbeiten, dem älteren Bruder des langjährigen Präsidenten Hamid Karzai, der mehrere Restaurants in Baltimore betreibt. Bald musste sie feststellen, dass diese Stiftungen einzig dem Absaugen von Hilfsgeldern dienten und man sie als Westlerin für diese Zwecke zu manipulieren wusste.

Chayes kündigte und beriet 2009 und 2010 die internationale Militärkoalition ISAF sowie den damaligen US-Generalstabschef Mike Mullen in Fragen der Korruptionsbekämpfung. Das hat sie ernüchtert: „Was ich in Afghanistan und Nigeria gesehen habe, sind Lippenbekenntnisse zur Rechtsstaatlichkeit, Geld, das über unsere Entwicklungshilfeagenturen für die Justizreform bestimmt wird.“ Das Problem mit Regierungen wie diesen sei jedoch, dass sie nicht da seien, um zu regieren, sondern um sich zu bereichern. Eine Erfahrung, die Chayes in den 1990er-Jahren während des blutigen Bürgerkriegs in Algerien und nun bei ihren Recherchen im vom altkommunistischen Diktator Islam Karimov beherrschten Usbekistan gemacht hatte. „Solche Systeme fördern bei den Bürgern die schlimmsten Verhaltensformen: Korruption, Gewalt oder Apathie“, warnt sie.

 

Good Governance, anno 1018

Dabei gebe es in der islamischen Welt eine lange Ideengeschichte, die eine erstaunlich aufgeklärte Handlungsanweisung für das bereithalte, was man heutzutage Good Governance zu nennen pflege, gibt Chayes zu bedenken. Der um 1018 im Westen des heutigen Iran geborene Verwaltungsgelehrte Nizam al-Mulk zum Beispiel riet in seinem gegen 1090 erschienen „Siyasat Nameh“ („Buch der Politik“) zur Korruptionsbekämpfung: „Wenn ein Beamter einem Bauern mehr an Abgaben vorschreibt, als er den Behörden schuldet, dann soll ihm die Summe, die er zu Unrecht eingehoben hat, abgenommen und dem Bauern zurückgegeben werden. Und wenn der Beamte Eigentum besitzt, soll es beschlagnahmt werden als Warnung an alle anderen Beamten.“

Zur Person

Sarah Chayes forscht in der Carnegie-Stiftung in Washington. Als Radioreporterin berichtete sie Ende 2001 vom Fall der Taliban. Sie blieb in Afghanistan und beriet 2009 und 2010 die internationale Militärkoalition ISAF sowie den US-Generalstabschef Mike Mullen. Ihr Buch „Thieves of State“ (W. W. Norton) ist heuer erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2015)