Feldmann in der Albertina: Der Schatten einer Sammlung

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Arthur Feldmann war ein wichtiger Sammler exquisiter Altmeister-Zeichnungen. 1939 wurde er enteignet. 30 wieder aufgefundene Blätter schenkten die Erben der Albertina.

Er würde es nicht aushalten, es nicht aushalten wollen. Weder bei der Pressekonferenz noch bei der Eröffnung werde Uri Peled-Feldmann anwesend sein, richtete Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder am Donnerstag den Journalisten aus. Schließlich sei es ein hoch emotionaler Akt, genau in den Räumen, in denen Feldmanns 1941 verstorbener Großvater Arthur stundenlang gesessen hat, um Kunst zu studieren, dessen ehemalige Grafiksammlung hängen zu sehen. Zumindest Teile davon. „Einen Schatten“, wie Schröder es nennt.

Denn im März 1939, als die Nationalsozialisten die Tschechoslowakei annektierten, wurde als einer der Ersten der jüdische Anwalt enteignet. Die Villa in Brünn war weg. Vor allem aber eine der bedeutendsten Sammlungen von Altmeister-Zeichnungen in privater Hand. Die rund 800 Blätter wurden in ganz Europa verstreut, mittlerweile sind sie es in der ganzen Welt. Feldmann selbst starb 1941 an einem Gehirnschlag. Sein Frau wurde in Auschwitz ermordet. Die beiden schon erwachsenen Söhne konnten nach Palästina fliehen. Eines ihrer Kinder, Uri, begann sich dann vor 16 Jahren, auf die Spur der zerschlagenen Sammlung zu machen. Eine lange Reise in die Vergangenheit, in den internationalen Kunsthandel und in die Bürokratie der verschiedenen Länder.

Viertel der Sammlung wieder gefunden

Die ersten Blätter, die der ebenfalls schon ältere, keineswegs begüterte Enkelsohn aufspürte, befanden sich im British Museum. Dort gab es (damals noch) keine Naturalrestitution, dafür erhielten die Erben eine Entschädigung. Bisher konnten insgesamt 209Blätter erfolgreich zurückgefordert werden, vor allem von Institutionen, weniger von Privaten, die ja nicht verpflichtet und daher weniger kooperativ sind – mit Ausnahmen, etwa einer US-Sammlerin, die sogar ein einst als „echten“ Rembrandt geführtes Blatt zurückgab. 2008 gab auch die Albertina eine 1989 im Dorotheum erworbene flämische Zeichnung („Landschaft mit einem Felsblock“) zurück. Der erste Kontakt mit den Erben entstand. Und wurde von Mitarbeitern des Hauses derart positiv intensiviert, dass Feldmann der Albertina mittlerweile 30 Blätter der Sammlung seines Großvaters geschenkt hat; die größte von einigen anderen Schenkungen etwa an das British oder das Metropolitan Museum. Schließlich hatte schon dieser Großvater zur Albertina eine besondere Beziehung – u. a. beriet ihn Otto Benesch, damals noch Kustos hier, nach der NS-Zeit Direktor, in seiner Sammlertätigkeit.

Es ging dem Anwalt dabei nicht um große Namen, so gab es etwa „nur“ einen Dürer, und auch sonst nicht viel von Kunstmarkt-„Stars“, was noch dazu alles schon vor der NS-Zeit verkauft wurde. Es ging ihm um das Besondere, das Individuelle, die Raffinesse der Zeichnung. Das versucht man jetzt in einer kleinen Gedenkausstellung in zwei der Prunkräume nachzuempfinden: Ein auf dem Rücken liegender, perspektivisch spektakulärer Renaissance-Männerakt von Girolamo Curti, genannt Dentone, ist ein Beispiel dafür. Eine expressive barocke Baumstudie aus dem Umfeld Paul Trogers. Die unfassbar kleine (2,6 mal 6,9 Zentimeter) Federzeichnung Stefano della Bellas von zwei Figuren neben einem Hirsch. Die Sammlung eines Connaisseurs, dessen Zeit und Muße man sich heute oft wünschte. Man wünscht sich sonst nichts aus dieser Vergangenheit erlebt haben zu müssen. Man versteht die Erben, die sich im Hintergrund halten wollen. Man versteht die Besessenheit des Enkels, der mit Engelsgeduld grafische Sammlungen auf der ganzen Welt davon überzeugt, für ihn wertvolle Zeichnungen von ihren Kartons zu lösen, um so auf der Rückseite Hinweise auf die Herkunft zu enthüllen.

„Spurensuche“ nennt sich die Ausstellung passend. Selbst sie, dieser an sich freudige Anlass, diese Rückkehr in ein Museum, das der enteignete Sammler so geliebt hat, besteht für die Familie, wie Schröder es formuliert, „mehr aus Schmerzen als aus Freude“.

„Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina“, bis 29.11.2016, tägl.: 10–18h, Mi: 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2015)

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